Katharina Desery (Mother Hood e.V.) über selbstbestimmte Geburten und Hebammenmangel

Frau Desery, was ist eine „natürliche Geburt“?
Katharina Desery:
Mutter und Kind sind schon während der Schwangerschaft als Einheit zu verstehen. Der Fachbegriff dazu lautet „Motherbaby“ oder eben „MutterBaby“. Die Geburt wird durch hormonelle Prozesse in Gang gesetzt, das Kind bestimmt den Geburtsbeginn also quasi selbst. In diesen Prozess sollte so wenig wie möglich von außen eingegriffen werden. Ganz streng gefasst ist das dann eine natürliche Geburt, bei der es keine medizinischen Eingriffe gibt und Mutter und Kind die Unterstützung und Zeit bekommen, die sie brauchen.

Welche Vorteile hat eine natürliche Geburt?
Menschen sind Säugetiere, keine Maschinen. Unser Körper funktioniert in der Regel sehr gut und wenn Frauen die Möglichkeit haben, natürlich und aus eigener Kraft zu gebären, sind sie hinterher mit der Geburtserfahrung zufriedener. Es ist dann eine Erfahrung, die sie stärker macht und die Bindungsfähigkeit erhöht. Das wirkt auch in die Zeit danach, wenn es ums Stillen geht oder die Mutter mit dem Kind zuhause ist. Und diese Erfahrung muss Frauen und ihren Kindern ermöglicht werden.  Eine natürliche Geburt hat psychische und physische Vorteile. Innerhalb unserer Gesellschaft hat eine natürliche Geburt aber keinen hohen Stellenwert.

Natürliche Geburten sind also eher Ausnahme als Regel?
Bei den meisten Geburten wird nachgeholfen. Das beginnt mit der medikamentösen Einleitung der Geburt, die schon ein massiver Eingriff ist. Das geht weiter mit der Gabe von Schmerzmitteln über die Periduralanästhesie (PDA) bis hin zu operativen Eingriffen wie dem Kaiserschnitt. Diese Eingriffe stören den Geburtsverlauf, ebenso wie eine Verlegung. Wenn der Kreißsaal voll ist oder aus Personalmangel nicht besetzt werden kann, werden auch Frauen mit Wehen manchmal noch verlegt. Auch das ist ein Eingriff, der die natürliche Geburt hemmt, dabei werden Stresshormone ausgeschüttet, die eine negative Wirkung haben. Sie führen zum Beispiel zu einem Geburtsstillstand, der dann wiederum medikamentös in Gang gebracht werden muss.

Warum wird so häufig eingegriffen?
Das ist eine schwierige Frage. Wenn wir bei den Klinikgeburten bleiben – und 98 % aller Geburten in Deutschland finden dort statt – hat das unterschiedliche Gründe. Ob eine Geburt am fünften oder zehnten Tag nach dem sogenannten errechneten Geburtstermin eingeleitet wird, liegt im Ermessen der Klinik….

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Das ungekürzte Interview ist zuerst erschienen in choices 01/19 und auf: www.choices.de

Gesundheitswissenschaftlerin Nicola Bauer über wiederentdecktes Hebammenwissen

Frau Bauer, Sie sind Leiterin des Studienbereichs und Professorin für Hebammenwissenschaft an der hsg Bochum. Wie lange gibt es den Studiengang schon?
Nicola Bauer:
Wir haben im Wintersemester 2010/11 als Modellstudiengang in NRW angefangen. Möglich wurde das erst durch eine Änderung im Berufsgesetz, die 2009 beschlossen wurde. Um Hebamme oder Entbindungspfleger – so die männliche Bezeichnung, in Deutschland gibt es aber nur fünf Entbindungspfleger – zu werden, musste man bis dahin eine dreijährige Berufsschulausbildung absolvieren. Über eine Akademisierung der Gesundheitsfachberufe wird aber seit 15-20 Jahren nachgedacht, alle europäischen Länder haben das inzwischen auch umgesetzt.

Der Beruf der Hebamme ist sehr alt, der Studiengang relativ jung. Warum braucht es eine Akademisierung?
Das Kompetenzprofil einer Hebamme hat sich sehr erweitert. Das Berufsgesetz der Hebammen und auch die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung stammt aber noch von 1985. Damals war klar: Hebammen sind klinisch tätig oder maximal noch zehn Tage nach der Geburt in der Wochenbettbetreuung. Heute ist das Spektrum sehr viel größer: Hebammen können ab der Zeit der Familienplanung tätig werden, Schwangerschaften betreuen und Vorsorge anbieten, genau wie GynäkologInnen. Rund um die Geburt sind Hebammen in Kliniken als angestellte Hebammen oder als Beleghebammen, in Geburtshäusern oder bei Hausgeburten tätig. Auch das Wochenbett hat sich immens verlängert: Hebammen können Frauen bis zu 12 Wochen nach der Geburt zu Hause betreuen oder noch darüber hinaus bis zum Ende der Stillzeit. In manchen Fällen betreut die Hebamme Mütter auch bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Die Lernfelder und die Einsatzorte der Praxis haben also gar nicht mehr zusammengepasst, die Menge an zu lernendem Stoff sprengt die dreijährige Berufsausbildung. Die Evidenzbasierung – das heißt begründen zu können, warum ich etwas wie tue – vor mir selbst, rechtlich und gegenüber der Frau und der Familie, ist absolut geworden. Dabei beziehe ich wissenschaftliche Erkenntnisse, Berufserfahrung sowie die Wünsche der Frau mit ein.

Wo bleibt die Praxis?
Es ist wichtig, dass auch Hebammen in akademischer Ausbildung reflektierte Praktikerinnen sind. Im Verlauf des Studiums sollten Studierende daher praktische Erfahrungen mit Frauen und Kindern sammeln. Für die Praxis kooperieren wir mit Kliniken in ganz NRW, bundesweit und im Ausland mit außerklinischen Einrichtungen. Die Studierenden absolvieren im Rahmen des Studiums 3.000 Praxisstunden in zwei unterschiedlichen Kliniken und 12 Wochen bei freiberuflichen Hebammen…

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Medienwissenschaftlerin Jutta Zaremba über Gender in Videospielen & Gamerinnen

Frau Zaremba, zocken Frauen anders als Männer?
Jutta Zaremba: Die Gretchen-Geschlechterfrage… Man kann das höchstens grob beantworten, weil es nicht DIE Spielerin gibt. Wir reden hier von einer Altersspanne zwischen circa 8 bis 80 Jahren! Bislang zeichnen sich eher einige bei Mädchen und Frauen beliebtere Games-Genres ab, zum Beispiel Lebenssimulationen wie „SIMS“, Rollenspiele wie „Final Fantasy“, Action-Adventures wie „American McGee‘s Alice“ oder Musik- und Bewegungsspiele wie „SingStar“ oder „Wii“. Gleichzeitig gibt es auch zahlreiche E-Sportlerinnen, die sich in Teams zusammenschließen, um intensiv und im Wettbewerb Shooter zu spielen.

Spielen Frauen weniger, weil sie Games weniger interessieren oder interessieren sie die Games nicht, weil sie darin nicht repräsentiert werden?
Das unterstellt ja, dass Frauen weniger gamen, was nicht stimmt! In der BRD sind fast die Hälfte aller Spielenden weiblich, in den USA ungefähr 41 Prozent. Und es spielen übrigens mehr Frauen über 18 Computerspiele als Jungen unter 18. Für ganz entscheidend halte ich das Stichwort „bedroom culture“. Das ist ein Begriff, den die britische Theoretikerin und Feministin Angela McRobbie 1975 zum Thema „Girls and Subcultures“ ins Spiel gebracht hat: Es kommt darauf an, in welcher grundsätzlichen Spielekultur man aufgewachsen ist, durch welche Spiele, Spielsachen und Spielformen man also seit der Kindheit geprägt ist.

Was macht eine emanzipierte, feministische Protagonistin aus?
Wie sieht denn Ihre Wunschvorstellung aus? Diese Frage wird seit fast 20 Jahren von Frauen aus dem Gaming-Umfeld diskutiert und zeigt, dass die jeweilige Perspektive die Vorstellungen bestimmt. Das businessorientierte US-Portal „Womengamers“ hat Bewertungen von Protagonistinnen vorgenommen, nach folgenden Aspekten: Ihre Rolle im Computerspiel (zentral und aktiv oder nur erotische Nebenfigur), ihr Standing dem Geschehen gegenüber, ihr Stehvermögen im Kampf, ihr Aussehen, ihre Intelligenz und Stimme sowie Vermarktungsversuche des Spiels hinsichtlich Spielerinnen.

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Sexualtherapeutin Silke Niggemeier über BDSM als erotische und sexuelle Praxis

Wann und wo beginnt die Geschichte von SM?
Silke Niggemeier
: In der Moderne und der westlichen Welt liegen die Ursprünge in der schwulen Leder-Bewegung in den USA der 1960er Jahre. Deswegen sind auch viele Begriffe aus dem Englischen übernommen worden. BDSM – was SM detaillierter beschreibt – steht für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“. Darüber hinaus besteht eine historische Verbindung zur AIDS-Hilfe, mit der auch heute noch viele SM-Stammtische kooperieren. Abgesehen davon ist SM schon seit Jahrtausenden Teil der menschlichen Kultur, wie Quellen belegen.

Was muss bei Erotik und Sexualität im SM-Bereich beachtet werden?
Der Grundpfeiler ist Respekt. Danach kommt ein Credo, das auch aus der Leder-Schwulenbewegung stammt. Es lautet: Safe, Sane and Consensual, kurz SSC. Also sicher, bei geistiger Gesundheit und einvernehmlich. Mit Sicherheit ist dieselbe Sicherheit gemeint, die auch bei jedem anderen Date gilt. Wer sich als Top [dominanter Part, Anm. der Redaktion] oder als Sub [sich unterwerfender Part] in eine Spielsituation begibt und nicht dafür sorgt, dass er abgesichert ist, hat ein Problem mit Sicherheit ganz allgemein. Auch hier gilt: „Trau, schau wem!“

Wie sieht so eine Absicherung aus?
Indem mich eine dritte Person covered. Dazu informiere ich vorher diese Person darüber, wo ich hingehe und melde mich auch wieder ab, wenn alles vorbei ist. Damit ist sichergestellt, dass ich aus einer Spielsituation gesund herauskomme. Meine Kontaktperson kann auch zwischendurch anrufen und fragen, ob alles ok ist. Da kann dann ein Codewort vereinbart werden. Zum Beispiel: Wenn ich „Hey Mama“ sage, weiß mein Kontakt, dass ich Hilfe benötige. Außerdem kann man sich erst mal in der Öffentlichkeit treffen, etwa beim Stammtisch. Da kann ich auch beobachten, wie der/die gewünschte Partner*in auf bestimmte Themen reagiert und ob er oder sie überhaupt öffentlich in Erscheinung tritt, das eigene Gesicht zeigt. Prinzipiell ist jeder One-Night-Stand, bei dem Fremde miteinander Vanilla-Sex haben – also Sexualität ohne SM – ebenso riskant.

Über die Praxis hinaus, was unterscheidet SM noch von „Vanilla“-Sex?
Zum SM gehört mehr als zu jeder anderen Art von Sexualität oder Erotik Kommunikation. Reden, reden, reden! So schrecklich die „Fifty Shades of Grey“-Bücher sind, dort gibt es einen Vertrag zwischen dem Top und dem Sub. Solche Verträge, die die Regeln einer Spielsituation oder Beziehung beschreiben, gibt es tatsächlich, sie sind jedoch nicht rechtlich bindend. Im Internet finden sich unzählige Varianten davon und ich rate gern dazu, sich mit so einem Vertrag mal hinzusetzen und diesen als Basis für ein Gespräch zu nehmen, was die Partner voneinander wollen, brauchen und was eben gar nicht infrage kommt.

Ist der machtvolle Manager privat eher unterwürfig oder ist das nur ein Klischee?
Ich glaube, dazu gibt es keine Zahlen. Es ist ein Klischee, aber vielleicht nicht ohne Grund. Es gibt bestimmt den Manager, der sich auspeitschen lässt. Genauso wie es im Alltagsleben dominante Männer gibt, die auch in ihrem Sexualleben dominant sind. Ich kenne tatsächlich mehr Frauen in Verantwortungspositionen als Männer, die im SM Sub sind. Männer sind oft im Alltag ähnlich positioniert, wie in ihrer erotischen Rolle. Auch hier besteht ein Kontrast. Es sind meist sehr toughe Frauen, auf ihre Art Managerinnen, mit Doppelbelastung durch Familie und Berufstätigkeit, die im Alltag ständig ihren Mann stehen müssen und sich dann im privaten SM-Bereich fallen lassen können. Es ist der Spaß am Rollentausch, der selbst gewählt ist und daher als befreiend empfunden wird. Das ist für mich eine sehr emanzipierte Form von Erotik, bei der ich selbst entscheide, wann ich mich zum Spaß als „kleines Weibchen“ unterwerfe und wann ich in meinen Alltag zurückkehre, stark bin und mein Leben regiere.

Was ist mit Dominas?
Da muss zwischen klassischen Dominas und sogenannten Bizarr-Ladies unterschieden werden. Letztere haben meist auch sexuellen Körperkontakt. Klassische Dominas haben den mit ihren Kunden nicht. Da gibt es sehr tolle Frauen, die Workshops anbieten, Vorträge halten, hervorragend vernetzt sind und das privat leben. Gute Dominas benötigen viel Empathie, psychologische Grundkenntnisse und medizinisches Fachwissen um die menschliche Anatomie. Diese Kompetenzen einer guten Domina sind jeden Cent wert.

Das ungekürzte Interview ist zuerst erschienen auf trailer-ruhr.de.

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Interview mit Klimaforscher Felix Ekardt über die Herausforderungen eines nachhaltigen Lebensstils

Herr Ekardt, wir sägen mit unserem Lebensstil an dem Ast, auf dem wir sitzen. Warum fällt es uns so schwer, nachhaltiger zu leben?
Felix Ekardt: Viele denken, es würde am Wissen scheitern, das stimmt aber nur begrenzt. Die, die am meisten wissen, haben tendenziell den größten ökologischen Fußabdruck.  Menschen sind häufig von Eigennutzenkalkülen getrieben, Politiker wollen kurzfristig wiedergewählt werden, Unternehmer wollen ihre Produkte absetzen. Wir alle wollen hier und heute unser Leben leben. Da sind der Klimawandel oder Nachhaltigkeitsziele zeitlich weit weg.

Wir handeln also bewusst wider besseren Wissens?
Was oft vergessen wird: Menschen entscheiden nicht immer bewusst und kalkulierend. Ein Großteil unserer Verhaltensantriebe ist uns wenig oder gar nicht bewusst. Das betrifft etwa unsere Normalitätsvorstellungen. Ein Lebensstil mit der täglichen Autofahrt zur Arbeit, regelmäßigen Urlaubsflügen und einem großen Stück Fleisch ist in Ländern wie Deutschland normal. Dazu kommen unsere Emotionen: Bequemlichkeit, Gewohnheit, Verdrängung. Eine Rolle spielt auch die menschliche Neigung, mit dem Widerspruch zwischen Einstellungen und Verhalten zu leben. Wir reden uns das Ganze schön, fühlen uns in Europa und Deutschland als Umweltvorreiter, dabei sind wir genau das Gegenteil.

Von wem geht Wandel aus?
Gesellschaftlicher Wandel geschieht immer in einem Wechselspiel verschiedener Akteure. Ob man jetzt in erster Linie eine andere Politik, ein anderes Konsumentenverhalten oder anders investierende Unternehmen braucht, ist eine Henne-Ei-Diskussion. Bestimmte Emotionen werden sich wohl nie ändern, aber Normalitätsvorstellungen können sich wandeln. Es muss nicht so sein, dass alle meine Facebook-Freunde jährlich nach Malaysia fliegen, ganz andere Normalitäten sind denkbar….

Das Interview ist erschienen im choices-Magazin 12/17 und auf www.choices.de 

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Interview mit Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Andreas Zick über Streitkultur und Gesellschaftsdialog

Herr Zick, in Bezug auf den demokratischen Konflikt sprechen Sie von einer „Kultur der Provokation“. Was ist damit gemeint?
Andreas Zick: In der Konfliktforschung analysieren wir Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen. Konflikte entstehen, wenn die unterschiedlichen Interessen von Gruppen aufeinanderprallen. Meist setzt eine Provokation eine Konfliktdynamik in Gang und diese ist eingebettet in eine Kultur, damit Konflikte regulierbar bleiben. Kulturen der Provokationen finden wir in vielen Konflikten, wie zum Beispiel politischen Debatten. Konflikte sollen ja eine Veränderung herbeiführen und die Provokation motiviert dazu, sich in Bewegung zu setzten. Das heißt, eine Gruppe oder Partei möchte mittels Provokation die andere dazu animieren, sich zu bewegen.

Hat sich diese Kultur der Provokation in den letzten Jahren verändert?
Sehr deutlich sogar. Gewissermaßen ist die Kultur der politischen Provokation erodiert, weil die Provokation an vielen Stellen der Wut und dem Populismus gewichen ist. Seit 14 Jahren führen wir am Bielefelder Institut für Gewalt- und Konfliktforschung große, repräsentative Umfragen zu gesellschaftlichen Konflikten durch. Dabei interessiert uns, ob und inwieweit auch Vorurteile und antidemokratische Meinungen in Provokationen einsickern. Uns interessiert, wer in der Gesellschaft abgewertet und ausgegrenzt wird, wie und warum solch menschenfeindliche Mechanismen entstehen. Das berührt auch den Zustand der Demokratie. In den Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung haben wir dann 2011 danach gefragt, wie rechtsextreme Strömungen in der Mitte der Gesellschaft verhaftet sind und ob das ein Beleg dafür ist, dass die Gesellschaft insgesamt antidemokratischer wird. Unsere Ergebnisse decken sich mit dem Empfinden, dass sich bestimmte politische Milieus erst polarisiert, dann radikalisiert haben. Die üblichen Provokationen weichen rechtspopulistischer und -extremer Agitation.

Durch rechtspopulistische Milieus?
Vor allem dort hat sich die Kultur der Provokation in eine des Widerstands verwandelt. Menschen, die rechtspopulistisch unterwegs sind, Kritik an den Eliten äußern und gegen alles Fremde argumentieren glauben, dass ihr Protest notwendige Provokation ist, um das System zu verändern. Die Provokation hat sich radikalisiert und verbunden mit einer Idee des Widerstandes gegen die Eliten, die das Volk angeblich nicht repräsentieren. Das wäre nicht neu, aber sie hängt zunehmend von Abgrenzungen vermeintlicher Fremder ab…

Das Interview ist erschienen im trailer-Magazin 01/18 und auf:
www.trailer-ruhr.de

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Interview mit Claudia Janssen zu feministischer Bibelforschung & Queer-Theologie

engels: Frau Janssen, Sie gelten als eine der führenden, feministischen Theologinnen. Bezeichnen Sie sich selbst als Feministin?
Claudia Janssen: Ja, das tue ich. In den letzten Jahren mit noch mehr Überzeugung. Für mich hat Feminismus einen politischen Charakter, es geht um Gerechtigkeit in einem ganz umfassenden, politischen Sinn mit dem Ziel einer Veränderung der Gesellschaft. Geschlechtergerechtigkeit ist dabei für mich ein zentrales Motiv.

Seit wann gibt es diese feministischen Strömungen schon in der evangelischen Kirche?
Feministische Strömungen haben innerhalb der Kirche eine lange Tradition, was viele Menschen erst einmal erstaunt. Sie kommen meistens aus der Bibel. In ihr sind viele progressive Aussagen enthalten, die auch für unsere heutige Gesellschaft von Bedeutung sind. Kämpfe um Gleichberechtigung gibt es da bereits, eine frühchristliche Frauenbewegung ist schon erkennbar.

Gibt es eine prägnante Bibelstelle, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Bibel illustriert?
Im Brief an die Gemeinde in Galatien (Gal. 3,28) geht es Paulus um das Selbstverständnis der Gemeinde und er greift deren Slogan auf. Es heißt dort „Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich noch weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig im Messias Jesus“. Im Römischen Reich hat geherrscht, wer Mann, Römer und frei war, diese Kategorien haben die Gesellschaft strukturiert und hierarchisch geordnet. Der zitierte Slogan sagt aber, dass weder die ethnische Herkunft, noch der soziale Status oder das Geschlecht eine Rolle spielen.

Die Bibel an sich war also nicht frauenfeindlich?
Der Prozess, in dem die Bibel zusammengetragen wurde, umfasst fast tausend Jahre. Die Bibel ist so vielfältig wie die damalige Gesellschaft, mit ihr kann alles begründet werden. Das Neue Testament zeigt eine Widerstandsbewegung im Römischen Reich und hat viele alttestamentliche Traditionen genutzt, darunter auch die der starken Frauenfiguren, der Prophetinnen und Erzmütter. Im frühen Christentum haben Frauen eine wichtige Rolle gespielt. Vieles davon ist aber durch Übersetzungen verloren gegangen….

Das Interview ist in Print im engels-Magazin 11/17 als Teil des Monatsthemas FRAU LUTHER erschienen. Die ganze Online-Fassung lest ihr hier.

Interview mit Lamya Kaddor zum Thema „Muslim*innen, Demokratie & Zivilgesellschaft“

Würden Sie sich eher als religiöse oder politische Aktivistin bezeichnen?
Lamya Kaddor: Als religionspolitische Aktivistin wenn überhaupt. Mir geht es aber gar nicht um Religion, sondern um zivilgesellschaftliches Engagement. So ist auch der Liberal Islamische Bund (LIB) entstanden. Die ursprüngliche Idee war, eine Alternative zu den bereits existierenden, eher konservativen Dachverbänden zu gründen. Meinen Mitstreitern und mir war es wichtig, auch dem liberalen Islam eine Stimme zu geben. Und das geht in Deutschland eben am besten, indem man einen Verein gründet.

Welche Ziele verfolgt der LIB?
Es geht weniger um Ziele als um die Vermittlung bestimmter Prinzipien, die unserer Meinung nach den liberalen Islam ausmachen. Das betrifft zum Beispiel die Rolle der Frau, die noch viel gleichberechtigter sein müsste. Wir haben eine Imamin, die ein geschlechtergemischtes Gebet leitet, wir trauen interreligiöse Ehen, konzipieren und führen Präventionsprojekte durch, aktuell gegen Antisemitismus unter Jugendlichen. Wir wollen nicht in einem Elfenbeinturm sitzen, einen zeitgemäßen Islam postulieren und dessen theologische Ableitung erklären. Erst dadurch, dass wir das in die Praxis umsetzen, wird es authentisch.

Warum finden liberal-muslimische Positionen so wenig Gehör?
Das ist doch gar nicht so. Es wurde selten so viel berichtet wie vor dem Friedensmarsch im Juni. Der war übrigens nicht vom LIB organisiert, sondern von Friedensaktivist Tarek Mohamad und mir als Privatperson. Ich habe auch einige konservative Islamverbände mit ins Boot geholt. Die Demo war von Muslimen initiiert, das ist mir wichtig, aber sie war auch für alle Menschen offen. Der Terror bedroht uns alle, deswegen richtete sich der Demoaufruf auch an Muslime und Freunde. Ich mache das als überzeugte Deutsche, die den Rechtsstaat achtet und sich bewusst ein rechtsstaatliches Mittel gesucht hat, um einen Prozess ans Laufen zu bringen. Das ist für mich ein Beispiel zivilgesellschaftlichen Engagements….

Das vollständige Interview ist im trailer-Magazin 09/17 und auf www.trailer-ruhr.de erschienen.

Hier lesen Sie das vollständige Interview mit Lamya Kaddor.

Interview mit Lars Henrik Gass, Festivalleiter der Kurzfilmtage Oberhausen (2016)

Maxi Braun: Herr Gass, Sie sind seit fast 20 Jahren Festivalleiter der Oberhausener Kurzfilmtage. Wird es langsam langweilig?
Lars Henrik Gass: Mir nicht. Es sind ja auch jedes Jahr andere Filme und im Gegensatz zum Langfilm ist die Szene viel stärker in Bewegung. Man hat es in den Wettbewerben jedes Jahr zu 50 % mit Menschen zu tun, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat. Das hält uns auch selbst jung.

Wie haben sich in den letzten 20 Jahren die Herausforderungen an Festivals insgesamt verändert?
Sehr stark und auf mehreren Ebenen. Zum einen sind da die technischen Herausforderungen, da müssen wir Schritt halten mit der Entwicklung. Wir haben vor Jahren die Online-Einreich-Plattform reelport.com eingerichtet, die mittlerweile unabhängig ist, aber noch immer unsere Online-Einreichungen verwaltet.
Zum anderen hat sich das Freizeitverhalten, auch durch die Digitalisierung, verändert. Die Menschen sind es gewohnt, Angebote im Internet wahrzunehmen und sie bewegen sich nicht mehr so gerne vor die Tür. Wir haben daher versucht, die Qualitäten einer Live-Erfahrung durch bestimmte Maßnahmen zu stärken. Wir merken, dass wir heute weitaus mehr tun müssen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Es reicht heute einfach nicht mehr, ein Festivalmagazin auszulegen. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass sowas im Überangebot von Freizeitaktivitäten unterzugehen droht. Man muss sich schon im Vorfeld der Veranstaltung Gedanken machen, wie man Zielgruppen erreicht, diese pflegt und wer überhaupt Zielgruppe sein könnte. Das beschäftigt uns vielmehr als noch vor 20 Jahren. Wir arbeiten im Team aber auch schon fast genauso lange zusammen und das führt zu einem gemeinsamen Lernprozess. Das schärft die Sinne, wir schauen genauer hin und können Dinge besser verändern. Für Festivals besteht aber nach wie vor eine realistische Perspektive auf dem Freizeitmarkt zu bestehen, sofern sie ihre sinnlichen Qualitäten weiterentwickeln und stärken, statt diese abzubauen.

Gibt es besondere Herausforderungen für die Kurzfilmtage?
Die Kurzfilmtage stehen nach 60 Jahren in einer völlig anderen Tradition. In den 50er Jahren war noch nicht einmal das Fernsehen verbreitet, geschweige denn dass jemand an etwas wie das Internet gedacht hat. Es gab zu diesem Zeitpunkt außer Oberhausen deutschlandweit nur zwei weitere Filmfestivals, in Berlin und Mannheim. Im Bereich des Kurzfilms hatte Oberhausen eine Alleinstellung, was nicht mehr der Fall ist. Heute muss man sich genau überlegen, wie man sich von „Mitbewerbern“ unterscheidet. Das habe ich aber nie als Druck erlebt sondern als Chance, besser zu verstehen, was wir hier tun.

Was sind denn die die sinnlichen Qualitäten eines Festivals, speziell in Oberhausen?
Das verbinde ich jetzt nicht unmittelbar mit der Stadt sondern mit der Frage, wie etwas präsentiert wird. Das beginnt schon mit den Gedanken, die man sich über die Haptik der Druckerzeugnisse macht. Indem man sich zum Beispiel fragt, wie sich der Katalog anfühlt. Das ist eine sehr bewusste Entscheidung, die auch immer mit der Geschichte der Gegend und mit der Stahlproduktion zusammenhängt. Es macht eine bestimmte Ästhetik erforderlich und formt unsere Identität. Sinnliche Qualität bezieht sich auch auf die Projektion und die Performance, auf deren Qualität wir sehr viel Wert legen. Alles soll auf der Leinwand möglichst schön und gut aussehen, damit es dann auch eine Alternative dazu ist, sich einen Film auf einem Smartphone anzuschauen.
Hinzu kommt der soziale und kollektive Aspekt. Es ist interessanter, sich gemeinsam mit anderen Menschen Filme anzusehen. Und zwar nicht mit fünf anderen im kommunalen Kino, sondern mit 400 Zuschauern, die alle sehr leidenschaftliche Reaktionen auf etwas zeigen. Das ist eine besondere Erfahrung, die man Zuhause nicht machen kann.
Außerdem machen wir vieles, was man im Internet oder auch im Team nicht nachstellen kann. Das geht bei Diskussionen los, über Live-Veranstaltungen, Performances und Lesungen bis hin zum Barbesuch am Abend wo Musik gespielt wird. Das ist für mich auch ein energetischer Raum, eine Gemengelage aus ganz unterschiedlichen Sinneseindrücken, die auch intellektuelle Impulse bietet. Alles zusammen ergibt dann eine Erfahrung, die man hier erleben kann, wenn man sich dem über einen gewissen Zeitraum auch aussetzt.

Das gilt auch für Langfilmfestival. Was kann denn der Kurzfilm besser als der Langfilm?
Der Kurzfilm hat leider einen kleinen Marktnachteil in 99 % der Fälle, weil er nicht mit großen Namen aufwartet. Das ist aber auch ein Vorteil. Die Konventionen und der Druck des sogenannten Filmmarkts lasten nicht auf dem Kurzfilm. In ihm kann sich deshalb die kinematographische Sprache immer wieder freier erneuern.
Natürlich gibt es auch im Kurzfilm Konventionen und Leute die versuchen, sich in 15 Minuten für den nächsten Tatort zu qualifizieren. Das geht auch in Ordnung, aber ist nicht unbedingt das, was wir hier zeigen müssten. Ein anderer Vorteil des Kurzfilms ist, dass man ihn interessant programmieren kann. Wenn ich mir einen Langfilm anschaue, egal welchen Genres, ob Doku oder Spielfilm, habe ich in 90 Minuten einen bestimmten Entwurf, mit dem ich als Zuschauer klarkomme oder eben nicht. In einem Kurzfilmprogramm bin ich mit ganz unterschiedlichen kulturellen Fragestellungen und Sichtweisen verschiedener Geschlechter beschäftigt. Wir versuchen in der Regel, auch wenn es nicht immer gelingt, die Programme so zu bauen, dass diese Erfahrung möglich wird und das ganze Programm dann auch wiederum als Einheit erlebt werden kann. Auch wenn die Filme nie so gedacht waren, dass sie als Einheit gezeigt werden.

Kuratieren Sie die Programme also bewusst als ästhetische, geografische oder thematische Einheit?
Ich würde das nicht als kuratieren bezeichnen, der Begriff wird zu inflationär gebraucht. Wir achten lediglich darauf, dass sich die Filme nicht gegenseitig Schaden zufügen sondern ihren eigenen Raum entfalten können. Anders als es oft bei der kuratorischen Praxis der Fall ist, geht es uns nicht darum, selbst eine künstlerische Handschrift erkennbar werden zu lassen. Unser Ziel ist es, die künstlerische Handschrift der Filme unverstellt erleben zu können.

Die Kurfilmtage zeigen 550 Filme, mehr als auf der Berlinale gezeigt werden…
…in der Hälfte der Zeit!

Wie findet man sich da als Besucher am besten zurecht?
So ein Festival ist ein gefährlicher Ort. Es besteht immer die Möglichkeit eines Missgriffs. Gerade auf einem Festival wie unserem, bei dem die Zuschauer wenig Orientierung haben. Auf Langfilmfestivals kennt man meist wenigstens die Schauspieler oder Filmemacher. Das ist bei uns in der Regel nicht der Fall. Der Zuschauer ist bei uns relativ verloren und auf dieses Risiko muss man sich schon einlassen. Es gibt aber Hilfestellungen. Wer sich beispielsweise für Musik interessiert, schaut sich die MuVi-Sektion an. Bei Interesse für verschiedene Regionen kann man sich, zum Beispiel anhand des Katalogs, ebenfalls gut orientieren. Aber ein Risiko bleibt es trotzdem. Bei einem Festival dieser Größenordnung kommt hinzu, dass man ein gewisses Spektrum des Publikums abdecken will. Innerhalb des spezialisierten Fachpublikums gibt es schon viele divergente Ansprüche: von dezidiert künstlerischen bis zu dem Wunsch, Filme auch für Kinder auswerten zu können. Aber auch das breite Publikum kommt mit für uns schwer kalkulierbaren Interessen.

Das Thema beschäftigt sich diesmal unter dem Motto „El pueblo“ mit dem lateinamerikanischen Film. Worum geht es?
Zu dem Begriff „el pueblo“: Wir behalten den Begriff im spanischen Original bei, weil er eine physische Einheit von der kleinsten Hütte über größere soziale Gruppen bis hin zum ganzen Volk umfasst. Dafür gibt es im Deutschen keine Analogie. Der Begriff des Volkes ist in Lateinamerika nicht so vorbelastet wie bei uns. Aber auch hierzulande gibt es eine längere Begriffsgeschichte über das Dritte Reich hinaus. Zum Beispiel als Ruf bei Demonstrationen in der DDR vor dem Fall der Mauer, aber in jüngerer Vergangenheit auch in rechtspopulistischer Umdeutung, wenn der Ausruf „Wir sind das Volk“ vor Asylbewerberheimen rassistisch vereinnahmt wird.
Im Begriff „el pueblo“ schwingen viele Bedeutungen mit. Was uns dabei interessiert ist eine Begriffsschärfung: Wer betrachtet sich unter welchen Umständen eigentlich als Volk und transportiert das auch?

Gibt es den lateinamerikanischen Film denn überhaupt?
Das ist eine völlig berechtigte Frage. Das wäre so, als würde man von dem europäischen Film sprechen. In Lateinamerika waren anders als in Europa in den späten 60er bis in die 80er Jahre fast durchweg Militärdiktaturen an der Macht, die das Volk unterdrückt haben. Im Grunde sprechen wir über post-diktatorische Gesellschaften, die eine traumatisierende Erfahrung verbindet, die verarbeitet werden muss. Auch im künstlerischen Bereich wurden darauf Antworten gefunden und daher unterscheidet sich in Filmen aus Lateinamerika auch die Ästhetik und die Art, wie über politische Themen nachgedacht wird, stark von unserer eigenen.
Man darf aber nicht vergessen, dass es in Europa auch vor dem Dritten Reich faschistische Regime in Ungarn oder Italien gab. Im Grunde kann man vielleicht doch über diesen historischen Zeitpunkt nach 1945 in Europa ähnliches sagen. Der neorealistische Film ist ja auch eine Reaktion gewesen auf das Vierteljahrhundert der Diktaturen in Europa.

Gibt es auch neue Sektionen bei der 62. Ausgabe?
Die „Positionen“ sind neu und reflektieren zweierlei. Erstens die über die Jahre entwickelte Fragestellung, wie Film und Kunst in ein Verhältnis treten und welchen Platz die Kurzfilmtage dabei einnehmen wollen. Wir sind nicht Teil des Kunstbetriebs, sondern nehmen eine Beobachterrolle ein. Zum anderen interessiert bei dieser Sektion die Frage, welche Kriterien bei der Präsentation von Filmen im Kunstbetrieb – im Bereich der Privatgalerie, des öffentlichen Museums und der Privatsammlung – angewandt werden. Diese Bereiche wollen wir in Resonanz zueinander bringen. Deshalb werden die Programme dieser Sektion auch alle an einem Tag gezeigt, damit eine kritische Auseinandersetzung darüber entsteht, wie diese filmischen Arbeiten präsentiert werden. Ob und wie das funktioniert, vermag ich noch nicht zu sagen.

Wie wird das praktisch aussehen?
Dort werden Werke bzw. Ausschnitte aus den Beständen und Sammlungen gezeigt, wobei die Kuratoren durchaus frei sind in der Art und Weise, wie sie etwas präsentieren. Man kann sich das eher wie einen Vortrag mit Filmbeispielen vorstellen.

Der Anteil von Filmemacherinnen beträgt bei den Kurzfilmtagen 50%. Ist das das Resultat einer internen Frauenquote oder Zufall?
Das ist reiner Zufall. Bevor wir eine Auswahl in den Wettbewerben festlegen, diskutieren wir auch solche Aspekte. Sollte es so sein – was nicht der Fall war – dass Frauen massiv unterrepräsentiert wären, dann würden wir möglicherweise eingreifen und die Auswahl nochmal hinterfragen. Das war aber gar nicht nötig.
Ich selbst bin kein Anhänger der Frauenquote aus mehreren Gründen, auch wenn es als Mann schwierig ist darüber zu sprechen. Da wir überhaupt keine Mühe haben, gute Filme von Frauen zu finden, verstehe ich auch nicht, wo das Problem ist. Ich kenne außerdem eine Menge Frauen, die auch im Langfilm beachtliche Erfolge feiern. Zum Beispiel Andrea Arnold. Sie war jetzt wieder in Cannes und wir hatten sie gleich zweimal im Wettbewerb. Auch international setzen sich also Frauen durch, aus Gründen die ich und vielleicht auch sonst niemand kennt. Das über eine Quote zu regeln finde ich schwierig, denn es hat letztlich mit künstlerischem Vermögen zu tun. Das ist etwas anderes, als wenn es um Vorstandsposten geht.

Zuerst erschienen in: trailer 05/16, online unter: www.trailer-ruhr.de

Interview mit Arnold Voß zum Thema Wohnen

Maxi Braun: Herr Voß, Sie sind in Wanne-Eickel geboren und aufgewachsen, leben seit Jahren aber auch mehrere Monate im Jahr in New York und in Berlin. Kann man das Ruhrgebiet mit den beiden Metropolen vergleichen?
Arnold Voß:
Diese drei großen Städte – ich zähle das Ruhrgebiet dazu, weil ich es als eine große Stadt sehe – sind strukturell zu unterschiedlich, als dass man sie vergleichen könnte. Voraussetzung für das Wohnen in den drei Städten ist vielmehr die Frage, wie man überhaupt wohnen will. Wer in einer Weltstadt wohnen will, muss nach New York. Berlin ist keine Weltstadt, könnte es irgendwann werden, spielt aber noch in einer anderen Liga. Das Ruhrgebiet wird nie Weltstadt werden. Es hat durch seine Struktur gar nicht das Potential dafür.

Was ist typisch für das Wohnen im Ruhrgebiet?
Typisches Wohnen im Ruhrgebiet kann man nicht auf einen Punkt bringen. Typisch ist das Ruhrtal, aber typisch sind auch die Bereiche im Emschertal. Immerhin gibt es auch vier richtige Großstädte. Verschiedene Sorten von Lebensarten lassen sich innerhalb des Ruhrgebiets befriedigen.Wer eine spezielle Mischung von Großstadt und Land sowie gute Kulturangebote schätzt, ist hier ziemlich gut aufgehoben. Die Lebens- und Wohnqualität ist, wenn man wie gesagt auf die große Weltstadt-Atmosphäre verzichten kann,ausgezeichnet. Dann lebt man hier besser als irgendwo anders, kann sowohl eine dörfliche Lebensweise finden als auch die kulturellen Vorzüge der Großstadt und wirklich schräge Clubs genießen. Man kann im Dorf leben und ist trotzdem schnell in der Stadt. Die Stadtlandschaft ist hier einfach auf den Punkt gebracht.

Und die negativen Seiten?
Der Nachteil liegt in der Erreichbarkeit innerhalb des dispersen Raumes des Ruhrgebiets, der eine ziemliche Ausdehnung hat. Das ist ein Riesenmanko für jemanden, der die Möglichkeiten des Ruhrgebiets wirklich leben will, denn der ist auf ein Auto angewiesen. Aufgrund der Kosten stellt das für die Jüngeren ein Problem dar. Für jede Art von Nachtleben sind das Ruhrgebiet und sein öffentlicher Nahverkehr feindlich. An Parkplätzen mangelt es übrigens auch und an den Autobahnen kann noch Jahre gebaut werden, Dauerstaus werden die Regel bleiben. Im Ruhrgebiet hat man den Stress der großen Stadt, das urbane Angebot reicht da nicht jedem als Kompensation.

Wo wohnt es sich im Ruhrgebiet gut?
Wie in allen anderen Städten existiert eine gewisse Spreizung des Wohnungsmarktes zwischen sehr guten Lagen und sehr schlechten. Auch im Ruhrgebiet gibt es Toplagen, die auch im Weltvergleich als solche gelten. Z.B. in Essen-Bredeney, wo man nah an der Stadt mit ihrer Kultur und Einkaufsmöglichkeiten ist und einen fantastischen Ausblick ins Ruhrtal hat. Im Norden gibt es ebenfalls spannende Lagen, wenn man z.B. an eines der alten Bergwerksdirektorenhäuser käme, das sind richtige kleine Schlösser mit Parks. Aber auch für die Mittelschicht sind in einer schönen alten Arbeitersiedlung bezahlbare Sachen dabei.

Wo will man eher nicht wohnen?
Richtig schlechte Lagen gibt es im Ruhrgebiet, angesichts der großen Agglomeration im Vergleich zu anderen Gegenden der Welt, sehr wenige. Wer jetzt wieder sagt, in Duisburg wäre es so fürchterlich, soll das mal mit der New Yorker Bronx von früher vergleichen. Dann ist es nämlich plötzlich toll in Duisburg. Selbst in Problemvierteln gibt es sehr wohl Wohnqualität. Wer es als schlechte Lage empfindet, wenn viele Migranten an einem Ort wohnen – dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Die richtig kaputten Gegenden könnten aber noch kommen.

Unter welchen Voraussetzungen?
Das ist das Drama der letzten Jahre. Große Fonds und Mietkonzerne haben Wohnbestände übernommen und zwar in einer Größenordnung, die europaweit Seltenheitswert hat. In den letzten 30 Jahren wurden so viele Wohnungen nur verscherbelt, weil sie in der Weltmarktlage als unterbewertet gelten. Im Ruhrgebiet fing das sogar noch früher an als in Berlin. Als Folge steigen die Mieten, während die Wohnsituation aber nicht besser wird, weil viele dieser Wohnungen in großem Maßstab als Spekulationsobjekte genutzt werden und die Investoren sie vergammeln lassen. Da besteht große Gefahr. Aber auch Eigentümer von Grundstücken mit geringem Verkaufswert am Markt, die selbst kein Geld für Reparaturen haben, lassen ihre Bude oft verrotten, das gibt es jetzt schon im Ruhrgebiet und es wird schlimmer werden.

Braucht man dann nicht Investoren wie die großen Immobilienkonzerne?
Wo die nicht einsteigen ist eben überhaupt kein Investment mehr vorhanden, d.h. insgesamt wird die Wohnsituation schwieriger und schlechter, das ist leider meine Prognose. Ohne rechtzeitige Maßnahmen werden sich auch Slums entwickeln. Damit meine ich nicht heutige Problemviertel, wie in Duisburg und Dortmund, da wird überdramatisiert. Voraussetzung wäre, dass die Städte genügen Geld haben, um dem Verfall entgegenzuwirken, haben sie aber nicht. Ebensowenig wie die Privateigentümer. Dann bleiben nur Privatinvestoren mit Spekulationsinteresse.

Was kann man solchen Spekulanten entgegensetzten?
Sehr wichtig ist die Selbstorganisation der Mieter gegen die großen Mietkonzerne. Wenn das unter entsprechend politischem Druck geschieht und die Städte dabei mitziehen, anstatt den Investoren auch noch in den Hintern zu kriechen, kann man solche Spekulanten unter Druck setzen und denen das Leben zumindest erschweren, wenn es um Mieterhöhungen geht. Das ist eine große Aufgabe. Gegen den Wertverfall von Eigentum am Wohnungsmarkt können die Hausbesitzer allerdings gar nichts tun.

Welche Alternativen gibt es gegen diese Ursache von Verfall?
Da müsste man einen genossenschaftlichen Ankauf von Privatbeständen, eine Art genossenschaftliche Gruppenprivatisierung, erwägen. Das kann und muss auch in Migrantenvierteln passieren. Die Menschen dort haben wenigstens Motivation. Viele Deutsche, auch in den Stadtverwaltungen, reagieren da schockiert, denken: „Jetzt bilden die Migranten auch noch Eigentum.“ Dahinter steckt provinzielles Denken, denn genau das wäre eine Lösung für verschiedene Probleme. Die Migranten würden mehr Verantwortung in „ihren“ Vierteln übernehmen, denn sie haben ein persönliches Interesse, eben weil sie da leben. Hilflosigkeit wird zu einem Problem in solchen Vierteln, wenn eine Struktur der Apathie entsteht und sich alle darin unterstützen, gar nichts zu tun. Mit Mikrokrediten könnte man auch den Geringverdienern unter ihnen den Einstieg erleichtern und deutschen Eigentümern, die nichts mehr tun, die Last zu einem günstigen Kurs abnehmen. Dann sieht das Viertel später eben nicht aus wie eine typisch deutsche Provinz, es würde aber funktionieren.

Trägt die Politik da die Verantwortung?
Eigentumsbildung am Wohnungsmarkt ist grundsätzlich vom Staat zu fördern, mit Muskelhypotheken und der Wiederbelebung der genossenschaftlichen Tradition, die es im Ruhrgebiet ja früher gab. Gruppenbezogene Eigentumsbildung, die nicht nur auf Profit zielt, muss gefördert werden.

Stichwort Tradition und neue Konzepte. Was halten Sie von alternativen Wohnkonzepten?
Zu meiner Studienzeit hat das mit den WGs angefangen, in meiner dritten WG lebten bereits zwei Generationen zusammen, weil es Studenten mit Kindern gab. Wer sich da für innovativ hält sollte in Migrantenviertel gucken, da ist das völlig normal. Viele Deutsche müssen das aber erst wieder lernen, denn es gibt neue Situationen zu bewältigen und es ist gut, dass darüber nachgedacht wird. Für mich wäre wenn überhaupt die Frage der Senioren-WG von Belang, aber ich bin skeptisch, dazu bin ich zu sehr Individualist.

Ist das Ruhrgebiet auch bezüglich neuer Wohnformen spezifisch?
Speziell im Ruhrgebiet verfügen gerade die Älteren über noch mehr Familienrückhalt und kennen eine Art Nachbarschaftstradition, die müssten offen sein für kollektive Wohnformen. Andererseits haben hier viele ältere Menschen noch einen kleinen Garten, warum sollten die jetzt auf Alternativen umsteigen, wie sie in Berlin und München diskutiert werden? Das wird im Ruhrgebiet eher eine marginale Rolle spielen und nicht zu einer Bewegung werden.

Haben Sie einen Lieblingsort im Pott?
Eindeutig das Bermudadreieck, einer der wenigen Orte, wo ich meine Freunde noch zufällig treffe. Oder der Rhein-Herne-Kanal, da fahre ich gerne Fahrrad und die Emscherinseln bezeichne ich als mein privates Long Island. Das Ruhrgebiet war für mich eine prägende Dominante und ist noch immer meine Heimat, mit der ich mich verbunden fühle, und ich habe große Sympathie für die Menschen, die hier leben. Ich fühle mich hier zu Hause.

Das Interview erschien zuerst in trailer 04/15, online unter: www.trailer-ruhr.de