Leitartikel zum Thema GLÜCK

Wir müssen nur wollen

Bei einem Samenerguss werden im Schnitt zwei bis sechs Milliliter Ejakulat ausgestoßen. Von den darin enthaltenden Spermien landen rund 300 Millionen in der Scheide, wiederum nur ein Teil davon nimmt den Hindernisparcours des Eileiters in Angriff. Nur circa 300 erreichen die Eizelle, das macht 0,0001 Prozent der ursprünglichen Suppe. Was das alles mit Glück zu tun hat? Selbst wenn man sonstige, die Fruchtbarkeit beeinflussende Faktoren außen vor lässt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass neues Leben bei einem Akt zustande kommt, gering. Wenn auch größer als die, sechs Richtige im Lotto zu tippen (0,0000064 %). Obwohl mehr Kinder geboren werden als Lottogewinner jubeln, dürfte sich jeder von uns rein qua Geburt ständig als ausgesprochener Glückspilz fühlen.

Aber auch wenn kein Mangel an existentiellen Dingen wie Wasser, Nahrung, Obdach, Kleidung und an sozialen Annehmlichkeiten wie freundschaftlichen, familiären oder sexuellen Beziehungen besteht, hüpft niemand von uns unablässig von purem Glück beseelt durch Gegend. Im Gegenteil. Laut einer Schätzung der WHO wird die depressive Störung 2020 die weltweit zweithäufigste Erkrankung darstellen. Stehen wir in den westlichen Industrienationen auf Kriegsfuß mit dem Glück? Schließlich gilt Deutschland nicht nur als Land der Dichter und Denker, sondern auch als das der notorischen Nörgler.

Nicht wenn man dem World Happiness Report 2015, der am 23.4. in New York vom Earth Institute der Columbia Universität veröffentlicht wurde, glaubt. In Puncto Glücksempfinden steht die BRD auf Rang 26 von 160 Ländern passabel dar. Am glücklichsten sind dem Ranking zufolge die Schweizer, aber auch Westeuropa insgesamt schneidet sehr gut ab, stellt mit Island, Norwegen, Finnland, den Niederlanden und Schweden noch fünf weitere der zehn glücklichsten Staaten. Einen Eindruck unseres nationalen Glücksempfindens vermittelt der Glücksatlas der Deutschen Post von 2014, dessen Datenbasis Umfragen des Allensbacher Instituts und die repräsentativen Erhebungen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) bilden, das seit mehr als 30 Jahren Wiederholungsbefragungen in Privathaushalten durchführt und auch „subjektive“ Daten zur Lebenszufriedenheit sammelt. Deutschland befindet sich demzufolge seit vier Jahren auf einem „Zufriedenheitsplateau“, das Ruhrgebiet und Westdeutschland schneiden im guten Mittelfeld ab, hinter dem noch zufriedeneren Norden und vor dem mürrischen Osten.

Abgesehen von der Geografie: Wo finden wir unser individuelles Glück? Natürlich im Internet. Bei der Eingabe des Schlagwortes „Glück“ in den Amazon-Bücherkatalog werden dem Glückssuchenden 31.537 Ergebnisse geliefert. Die Ratgeberliteratur, die mannigfaltige Wege zum ultimativen Glück verspricht, boomt seit Jahren ebenso wie Seminare bei sogenannten Lifecoaches. Rund ums Thema Glück pulsiert eine ganze Industrie, die weniger nach dem „pursuit of happiness“ der Konsumenten, als nach Vermehrung der eigenen Einkünfte lechzt.

Kann uns die Wissenschaft Antworten liefern? Akademisch versucht sich die Glücksforschung seit den 1980er Jahren als empirische Wissenschaft zu etablieren. Der Soziologe Alfred Bellebaum gilt als Pionier des deutschen Forschungszweigs, in deren Teilbereichen sich u.a. Philosophen, Neurobiologen, Soziologen oder Psychologen mit Problemen der Gegenstandsbestimmung, Methodik, Messbarkeit und der Theoriebildung kämpfen. Die US-Journalistin Barbara Ehrenreich ist eine der bekanntesten Kritikerinnen des Teilbereichs der Positiven Psychologie. In ihrem 2009 veröffentlichten Sachbuch „Smile or Die: Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“ konstatiert sie, dass das positive Denken das Glück als Mittel zum Zweck instrumentalisiert, um im Sinne des Marktes unser aller Leistungsfähigkeit zu steigern.

So interpretiert, fügt sich das Produkt Glück™ nahtlos in den Kapitalismus ein. Das „Streben nach Glück“ impliziert ja auch die Arbeit, die damit verbunden ist. Glück fällt nicht einfach so vom Himmel, wenn jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Daraus resultiert vielmehr, dass wir alle glücklich sein können – wenn wir uns nur hart genug darum bemühen.

Wie die Schönheit liegt auch das Glück stets im Auge des Betrachters. (Markt)Forschung und Ratgeber können uns nicht sagen, wie glücklich wir sind und auch nicht, wie wir es werden. Fangen wir doch damit an uns gemeinsam darüber zu freuen, dass wir erfolgreich 299.999.999 andere Spermien abgehangen haben, um bis hierhin zu kommen. Wer dann unbedingt noch den Vergleich sucht: Zu den Schlusslichtern im World Happiness Report gehören u.a. die Bevölkerungen Afghanistans und Syriens. Glücklich macht diese Information gewiss nicht, sie regt aber zum Nachdenken an.

Zuerst erschienen in trailer 05/16, online unter: www.trailer-ruhr.de

Interview mit Arnold Voß zum Thema Wohnen

Maxi Braun: Herr Voß, Sie sind in Wanne-Eickel geboren und aufgewachsen, leben seit Jahren aber auch mehrere Monate im Jahr in New York und in Berlin. Kann man das Ruhrgebiet mit den beiden Metropolen vergleichen?
Arnold Voß:
Diese drei großen Städte – ich zähle das Ruhrgebiet dazu, weil ich es als eine große Stadt sehe – sind strukturell zu unterschiedlich, als dass man sie vergleichen könnte. Voraussetzung für das Wohnen in den drei Städten ist vielmehr die Frage, wie man überhaupt wohnen will. Wer in einer Weltstadt wohnen will, muss nach New York. Berlin ist keine Weltstadt, könnte es irgendwann werden, spielt aber noch in einer anderen Liga. Das Ruhrgebiet wird nie Weltstadt werden. Es hat durch seine Struktur gar nicht das Potential dafür.

Was ist typisch für das Wohnen im Ruhrgebiet?
Typisches Wohnen im Ruhrgebiet kann man nicht auf einen Punkt bringen. Typisch ist das Ruhrtal, aber typisch sind auch die Bereiche im Emschertal. Immerhin gibt es auch vier richtige Großstädte. Verschiedene Sorten von Lebensarten lassen sich innerhalb des Ruhrgebiets befriedigen.Wer eine spezielle Mischung von Großstadt und Land sowie gute Kulturangebote schätzt, ist hier ziemlich gut aufgehoben. Die Lebens- und Wohnqualität ist, wenn man wie gesagt auf die große Weltstadt-Atmosphäre verzichten kann,ausgezeichnet. Dann lebt man hier besser als irgendwo anders, kann sowohl eine dörfliche Lebensweise finden als auch die kulturellen Vorzüge der Großstadt und wirklich schräge Clubs genießen. Man kann im Dorf leben und ist trotzdem schnell in der Stadt. Die Stadtlandschaft ist hier einfach auf den Punkt gebracht.

Und die negativen Seiten?
Der Nachteil liegt in der Erreichbarkeit innerhalb des dispersen Raumes des Ruhrgebiets, der eine ziemliche Ausdehnung hat. Das ist ein Riesenmanko für jemanden, der die Möglichkeiten des Ruhrgebiets wirklich leben will, denn der ist auf ein Auto angewiesen. Aufgrund der Kosten stellt das für die Jüngeren ein Problem dar. Für jede Art von Nachtleben sind das Ruhrgebiet und sein öffentlicher Nahverkehr feindlich. An Parkplätzen mangelt es übrigens auch und an den Autobahnen kann noch Jahre gebaut werden, Dauerstaus werden die Regel bleiben. Im Ruhrgebiet hat man den Stress der großen Stadt, das urbane Angebot reicht da nicht jedem als Kompensation.

Wo wohnt es sich im Ruhrgebiet gut?
Wie in allen anderen Städten existiert eine gewisse Spreizung des Wohnungsmarktes zwischen sehr guten Lagen und sehr schlechten. Auch im Ruhrgebiet gibt es Toplagen, die auch im Weltvergleich als solche gelten. Z.B. in Essen-Bredeney, wo man nah an der Stadt mit ihrer Kultur und Einkaufsmöglichkeiten ist und einen fantastischen Ausblick ins Ruhrtal hat. Im Norden gibt es ebenfalls spannende Lagen, wenn man z.B. an eines der alten Bergwerksdirektorenhäuser käme, das sind richtige kleine Schlösser mit Parks. Aber auch für die Mittelschicht sind in einer schönen alten Arbeitersiedlung bezahlbare Sachen dabei.

Wo will man eher nicht wohnen?
Richtig schlechte Lagen gibt es im Ruhrgebiet, angesichts der großen Agglomeration im Vergleich zu anderen Gegenden der Welt, sehr wenige. Wer jetzt wieder sagt, in Duisburg wäre es so fürchterlich, soll das mal mit der New Yorker Bronx von früher vergleichen. Dann ist es nämlich plötzlich toll in Duisburg. Selbst in Problemvierteln gibt es sehr wohl Wohnqualität. Wer es als schlechte Lage empfindet, wenn viele Migranten an einem Ort wohnen – dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen. Die richtig kaputten Gegenden könnten aber noch kommen.

Unter welchen Voraussetzungen?
Das ist das Drama der letzten Jahre. Große Fonds und Mietkonzerne haben Wohnbestände übernommen und zwar in einer Größenordnung, die europaweit Seltenheitswert hat. In den letzten 30 Jahren wurden so viele Wohnungen nur verscherbelt, weil sie in der Weltmarktlage als unterbewertet gelten. Im Ruhrgebiet fing das sogar noch früher an als in Berlin. Als Folge steigen die Mieten, während die Wohnsituation aber nicht besser wird, weil viele dieser Wohnungen in großem Maßstab als Spekulationsobjekte genutzt werden und die Investoren sie vergammeln lassen. Da besteht große Gefahr. Aber auch Eigentümer von Grundstücken mit geringem Verkaufswert am Markt, die selbst kein Geld für Reparaturen haben, lassen ihre Bude oft verrotten, das gibt es jetzt schon im Ruhrgebiet und es wird schlimmer werden.

Braucht man dann nicht Investoren wie die großen Immobilienkonzerne?
Wo die nicht einsteigen ist eben überhaupt kein Investment mehr vorhanden, d.h. insgesamt wird die Wohnsituation schwieriger und schlechter, das ist leider meine Prognose. Ohne rechtzeitige Maßnahmen werden sich auch Slums entwickeln. Damit meine ich nicht heutige Problemviertel, wie in Duisburg und Dortmund, da wird überdramatisiert. Voraussetzung wäre, dass die Städte genügen Geld haben, um dem Verfall entgegenzuwirken, haben sie aber nicht. Ebensowenig wie die Privateigentümer. Dann bleiben nur Privatinvestoren mit Spekulationsinteresse.

Was kann man solchen Spekulanten entgegensetzten?
Sehr wichtig ist die Selbstorganisation der Mieter gegen die großen Mietkonzerne. Wenn das unter entsprechend politischem Druck geschieht und die Städte dabei mitziehen, anstatt den Investoren auch noch in den Hintern zu kriechen, kann man solche Spekulanten unter Druck setzen und denen das Leben zumindest erschweren, wenn es um Mieterhöhungen geht. Das ist eine große Aufgabe. Gegen den Wertverfall von Eigentum am Wohnungsmarkt können die Hausbesitzer allerdings gar nichts tun.

Welche Alternativen gibt es gegen diese Ursache von Verfall?
Da müsste man einen genossenschaftlichen Ankauf von Privatbeständen, eine Art genossenschaftliche Gruppenprivatisierung, erwägen. Das kann und muss auch in Migrantenvierteln passieren. Die Menschen dort haben wenigstens Motivation. Viele Deutsche, auch in den Stadtverwaltungen, reagieren da schockiert, denken: „Jetzt bilden die Migranten auch noch Eigentum.“ Dahinter steckt provinzielles Denken, denn genau das wäre eine Lösung für verschiedene Probleme. Die Migranten würden mehr Verantwortung in „ihren“ Vierteln übernehmen, denn sie haben ein persönliches Interesse, eben weil sie da leben. Hilflosigkeit wird zu einem Problem in solchen Vierteln, wenn eine Struktur der Apathie entsteht und sich alle darin unterstützen, gar nichts zu tun. Mit Mikrokrediten könnte man auch den Geringverdienern unter ihnen den Einstieg erleichtern und deutschen Eigentümern, die nichts mehr tun, die Last zu einem günstigen Kurs abnehmen. Dann sieht das Viertel später eben nicht aus wie eine typisch deutsche Provinz, es würde aber funktionieren.

Trägt die Politik da die Verantwortung?
Eigentumsbildung am Wohnungsmarkt ist grundsätzlich vom Staat zu fördern, mit Muskelhypotheken und der Wiederbelebung der genossenschaftlichen Tradition, die es im Ruhrgebiet ja früher gab. Gruppenbezogene Eigentumsbildung, die nicht nur auf Profit zielt, muss gefördert werden.

Stichwort Tradition und neue Konzepte. Was halten Sie von alternativen Wohnkonzepten?
Zu meiner Studienzeit hat das mit den WGs angefangen, in meiner dritten WG lebten bereits zwei Generationen zusammen, weil es Studenten mit Kindern gab. Wer sich da für innovativ hält sollte in Migrantenviertel gucken, da ist das völlig normal. Viele Deutsche müssen das aber erst wieder lernen, denn es gibt neue Situationen zu bewältigen und es ist gut, dass darüber nachgedacht wird. Für mich wäre wenn überhaupt die Frage der Senioren-WG von Belang, aber ich bin skeptisch, dazu bin ich zu sehr Individualist.

Ist das Ruhrgebiet auch bezüglich neuer Wohnformen spezifisch?
Speziell im Ruhrgebiet verfügen gerade die Älteren über noch mehr Familienrückhalt und kennen eine Art Nachbarschaftstradition, die müssten offen sein für kollektive Wohnformen. Andererseits haben hier viele ältere Menschen noch einen kleinen Garten, warum sollten die jetzt auf Alternativen umsteigen, wie sie in Berlin und München diskutiert werden? Das wird im Ruhrgebiet eher eine marginale Rolle spielen und nicht zu einer Bewegung werden.

Haben Sie einen Lieblingsort im Pott?
Eindeutig das Bermudadreieck, einer der wenigen Orte, wo ich meine Freunde noch zufällig treffe. Oder der Rhein-Herne-Kanal, da fahre ich gerne Fahrrad und die Emscherinseln bezeichne ich als mein privates Long Island. Das Ruhrgebiet war für mich eine prägende Dominante und ist noch immer meine Heimat, mit der ich mich verbunden fühle, und ich habe große Sympathie für die Menschen, die hier leben. Ich fühle mich hier zu Hause.

Das Interview erschien zuerst in trailer 04/15, online unter: www.trailer-ruhr.de

Leitartikel zum Thema FRIEDEN

Frieden schaffen – auch durch Waffen?

„Es befinden sich weltweit über 550 Millionen Schusswaffen in Umlauf. Das heißt, auf diesem Planeten hat jeder zwölfte Mensch eine Schusswaffe. Das führt zu der einen Frage: Wie bewaffnet man die anderen elf?“ So eröffnet Protagonist Yuri Orlov „Lord of War“, einen bitterbösen Spielfilm über den internationalen, illegalen Waffenhandel. Diesen zu verurteilen fällt nicht schwer. Für die Dealer der tödlichen Waren zählt nicht das Motiv, sondern die finanzielle Liquidität der Empfänger.

Schwieriger ist es da, ein Urteil über den legalen Waffenhandel, auch Rüstungsexport genannt, zu fällen. Immerhin ist Deutschland nach den USA und China der weltweit drittgrößte Exporteur von Rüstungsgütern und Kriegsmaschinerie. Die freie Meinungsbildung zur Causa des legalen Waffenhandels wird dadurch erschwert, dass die Entscheidungen über Rüstungsexporte in Deutschland für die Öffentlichkeit nicht transparent sind. Der Bundessicherheitsrat, der sich aus der Kanzlerin und acht weiteren Mitgliedern, darunter Verteidigungs-, Außen-, Finanz- und Wirtschaftsminister zusammensetzt, entscheidet im stillen Kämmerlein über Rüstungsgeschäfte, Parlament und Volk werden danach vor vollendete Tatsachen gestellt. Auch die Klage der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, Claudia Roth und Katja Keul konnte daran nichts ändern. Am 21.10.2014 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Regierung weiterhin keine Auskünfte über noch nicht genehmigte Rüstungsexporte geben müsse: „Die parlamentarische Kontrolle erstreckt sich nur auf bereits abgeschlossene Vorgänge“, heißt es in Karlsruhe. Diese Klage und die Debatte um fragwürdige Waffengeschäfte haben ihren Ursprung in der Lieferung deutscher Panzer nach Saudi-Arabien – ein Regime, das nicht unbedingt als Bollwerk für die Durchsetzung von Menschenrechten im Nahen Osten gilt. Aber erst am Sonderfall der kurdischen Peschmerga-Kämpfer, die im September dieses Jahres durch die Bundesregierung beschlossen wurde, offenbart sich die eigentliche Krux. Hier geht es nicht nur um eine ökonomische, juristische oder moralische Bewertung, sondern im Kern um die Frage, ob man Frieden überhaupt mit Waffengewalt erzwingen und auch aufrechterhalten soll und kann.

Die Befürworter geben zu bedenken, dass in akuten Situationen manchmal nur noch Waffengewalt das Leben vieler Menschen zu retten imstande ist. Daniel Cohn-Bendit bemerkte vor einiger Zeit in der taz: „Es gibt historische Momente, so traurig das ist, wo Waffen die einzige Möglichkeit sind, um zu überleben.“, überstrapazierte das Argument aber mit dem Zusatz, dass auch der Aufstand im Warschauer Ghetto schließlich Waffen gebraucht habe. Ähnliche Totschlagargumente sind Verweise wie der, dass Nazideutschland kaum ohne Waffengewalt hätte besiegt werden können oder dass gegen Maschinengewehre keine menschlichen Lichterketten und Peace-Fahnen helfen würden. All dies klingt verdächtig nach Waffenlobbyist Wayne LaPierre und seiner Losung: Das Einzige, was einen bösen Menschen mit einer Waffe aufhält, ist ein guter Mensch mit einer Waffe.

Und die Gegner? Deren Argumente klingen längst nicht immer wie von bekifften Hippies. Sie verweisen z.B. auf die Gefahr, dass Waffen in die falschen Hände fallen könnten. Diese ist nicht so buchstäblich zu verstehen wie der Vorfall am 22.10., als eines von 28 Paketen, die US-Militärs über Kobane zur Unterstützung der kurdischen Armee abgeworfen hatten, in die Hände des IS fiel. Die Gotteskrieger kämpfen aber häufig schon mit besseren Waffen, die sie auch auf Militärstützpunkten der irakischen Armee erbeutet haben, die wiederum zuvor von den USA ausgestattet wurde. Ein weiteres Gegenargument ist die Unabsehbarkeit der Folgen, gepaart mit der Langlebigkeit der Waffen. Ob die Kurden beispielsweise ihre Waffen irgendwann artig abgeben oder noch Jahrzehnte für die Durchsetzung der eigenen Interessen damit kämpfen werden, wird sich zeigen. Und ob Deutschland ausgerechnet durch Waffenlieferung seiner Verantwortung gerecht wird oder andere die Drecksarbeit erledigen lässt, liegt im Auge des Betrachters.

Hier Stellung zu beziehen ist also nicht leicht. Sogar Gregor Gysi, dessen Partei ja bekanntlich konsequent gegen Rüstungsexporte ist, stolperte im Sommer über diese Frage. Bei den berechtigten Einwänden sollten wir vielmehr ins Grübeln kommen, ob „Ja“ oder „Nein“ zu Waffenlieferungen, insbesondere in Krisengebiete, überhaupt die einzig richtigen Antworten sind. Vielleicht geht es gar nicht darum, ob man Frieden nur mit oder ohne Waffen schaffen kann, sondern ob uns im 21. Jahrhundert denn wirklich gar nichts Besseres einfällt. Was wir brauchen sind Alternativen, nicht noch mehr Waffen.

Zuerst erschienen in trailer 11/14, online unter: www.trailer-ruhr.de

Krause Kresse im Beet der Beine – Raoul Schrott & Maria Schrader lesen in Essen

Jeder von uns hat schon einmal die intensive Wucht einer sexuellen Begegnung, egal ob in einem flüchtigen Abenteuer oder im intimen, zärtlichen Liebesspiel hautnah erlebt. Zumindest möchte man es jedem wünschen. So lebendig die Erinnerung daran in Bildfetzen, Gerüchen, Geschmack und Gefühlen auch sein mag – körperliche Leidenschaft, gar erotische Anziehung in Worte zu fassen ist schwierig. Das betrifft nicht nur den Dirty Talk, der derb, direkt und im Eifer des Gefechts herausplatzt, wenn man es denn mag. Es sind vielmehr die kleinen Feinheiten, die den Körper des Anderen abtastenden Blicke und inneren Vorgänge der sich steigernden Erregung, bei der uns die Sprache allzu oft versagt.

Dass es aber möglich ist, etwas so heikles wie Erotik sprachlich in Prosa und Poesie zu fassen, will die Reihe „Von Sinnen. Eros und Illusion in der Literatur“, die das Literaturbüro Ruhr bis Anfang November veranstaltet, zeigen. Mit einer Mischung aus Lesung, Rezitation, Musik und dem offenen Dialog wird versucht, der Erotik eine Stimme zu geben.

Bereits die Eröffnungsveranstaltung am 28.8. in Kooperation mit der Essener Zentralbibliothek ist eine pointierte Mischung aus Leselust, Hintergrundinformation und Interpretation. Gerd Herholz, wissenschaftlicher Leiter des Literaturbüros Ruhr, stellt mit Maria Schrader, Insa Wilke und Raoul Schrott die Gäste des Abends vor. Noch bevor Wilke, die sympathisch zurückhaltend und locker durch den Abend führen wird, ihre Mitstreiter vorstellt, setzt Maria Schrader mit der ruhigen, akzentuierten Stimme einer Theaterschauspielerin an. Sie liest aus der deutschen Übersetzung von „Die schlafenden Schönen“ (1960/61) des japanischen Schriftstellers Kawabata Yasunari. Schon der kurze Auszug ist ein gutes Beispiel, wie subtil Erotik und Erregung allein durch die Beschreibung von verstohlenen Blicken, unbehaglichem Schweigen und dem unausgesprochen im Raum Stehenden verbalisiert werden kann.

Maria Schrader ist an diesem Abend für die Prosa des 20. Jahrhunderts zuständig, Raoul Schrott führt durch die erotische Lyrik der Jahrhunderte. Bei der Eröffnung, die den Titel „Hinter durchsichtigen Spiegeln. Ein Abend mit erotischer Literatur“ trägt und unter der beeindruckenden Glaskuppel der Bibliothek stattfindet, soll es nicht um erotische Gebrauchsliteratur gehen. Das meint Lyrik und Prosa, die als geschriebenes Äquivalent zur Pornografie wirken und nur der körperlichen Erregung dienen soll. Vorgestellt werden soll vielmehr die „große“ Literatur, die Erotik zu fassen vermag.

Die Sprache einer solchen Literatur darf nicht schüchtern und verklemmt sein, ebenso wenig wie derjenige, der sie vorträgt. Dafür ist Schrott der richtige Mann. Der Sprach- und Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, der 2007 mit Thesen zu Homer und Troja polarisierte, kennt sich aus mit der Geschichte der Lyrik. Er startet mit einem Gedicht aus sumerischer Zeit, auf Sumerisch versteht sich. Einen niederländischen Akzent möge man ihm verzeihen, schließlich habe er sein Sumerisch bei einem Leidener Professor erlernt. Auch Humor kann anziehend und somit hoch erotisch sein.

Bei der deutschen Übersetzung des überhaupt ersten überlieferten Gedichts aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stand Raoul laut eigener Angabe vor einem Problem, das typisch für die erotische Literatur insgesamt ist: die Benennung der Geschlechtsorgane. Während die Italiener diese phantasievoll beispielsweise mit „Erbschen“ sprachlich liebkosen, hat ausgerechnet die Sprache der Dichter und Denker heutzutage nur Ausdrücke parat, die schnell derb und hässlich klingen.

Doch wie findet man eine treffende Übersetzung für die Vagina, die die Sumerer streng wörtlich übersetzt als „Salat“ bezeichneten, in dem der DupDup-Vogel pickt? Wenig metaphorisch ist von dem Acker und der Furche die Rede, da wächst „krause Kresse im Beet der Beine“ und der erwähnte DupDup-Vogel meint die Klitoris. Auch 1750 Jahre später werden Schwung und Rundungen der weiblichen Gestalt, der weichen Schenkel, der goldenen Haut der Arme beschrieben. Aber schon hier sind die trivialen Konflikte, die unüberwindbaren Gegensätze zwischen den Geschlechtern auffällig: „Willst du jetzt aufstehen und Bier trinken gehen?“ fragt enttäuscht die Frau, als der Geliebte sich unter Vorwänden davonzuschleichen versucht, während sie ihr Laken für ihn aufschlägt und ihren Schoß entblößt, schon 1250 v. Chr.

Dergestalt geben die Passagen, die Schrott durch spannende, prägnante Geschichten in einen historischen, literaturgeschichtlichen Kontext einzubetten weiß, Aufschluss über den Wandel der sozialen Geschlechterrollen. Die weibliche und männliche Stimme, zur Zeit der Ägypter noch gleichberechtigt zu vernehmen, weicht laut Schrott der Frauenfeindlichkeit der antiken Griechen („Die schlechte Ehefrau ist dem Mann eine Krankheit, die nicht zu kurieren ist“), obwohl deren Literatur so reich an überirdisch schönen Göttinnen, Musen und Nymphen war. Erstickt werden die weibliche Sexualität beziehungsweise deren künstlerische Ausdrucksformen dann spätestens mit Aufkommen der monotheistischen Religionen, bei denen eine gewisse Körperfeindlichkeit und fromme Unschuld ja zum guten Ton gehört.

Die Stimme weiblicher Lust ist erst wieder im 20. Jahrhundert zu vernehmen. Nach einer so langen Zeit der Repression kommt diese ziemlich heftig daher, was Insa Wilke zu Elfriede Jelinek und ihrem 1983 veröffentlichten Roman „Die Klavierspielerin“ führt. Maria Schrader erspart uns den genitalen Rasierklingen-Horror und liest eine kurze Passage, die Erika Kohut auf die Praterwiesen führt, um ein Paar beim Sex zu beobachten. Das schnaufende, keuchende Paar „fickt sich in Erikas Augäpfel“, sie nimmt die klassisch männlich konnotierte Perspektive des Voyeurs ein. Der Kampf der Geschlechter wird in „Die Klavierspielerin“ in einer Person ausgefochten, so meint zumindest Wilke. Wer den Roman nicht kennt, wird dies allein anhand des vorgetragenen Auszugs nicht feststellen können. Die eindringliche und zugleich nüchterne Stimme Schraders ist trotzdem ein Erlebnis. Weit entfernt meint man das Vibrieren des tief verdrängten Verlangens von Erika zu spüren, fühlt Wiese und Laubgrund der Praterwiese unter den eigenen Fußsohlen schmatzen.

Erotik, Begehren und sexuelles Verlangen gibt es nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch in homoerotischer Form. Es passt zu der offenen Konzeption der Reihe und der lockeren Atmosphäre der Eröffnung, dass auch die homoerotische Literatur präsentiert wird. Der französische Schriftsteller Jean Genet beschäftigte sich wie Pier Paolo Pasolini mit den Subalternen, von der Gesellschaft geächteten, schilderte nicht nur homosexuelle, sondern auch sadomasochistische Szenen. Dabei ging es ihm laut Wilke nicht um den Skandal und die Verherrlichung von Gewalt, sondern auch um die Entdeckung der Zärtlichkeit zwischen Männern. Gelesen wird aus seinem 1947 erschienenen Werk „Querelle“. Bei Nacht kommen sich auf einem von Nebel verhangenen Kai Matrose Querelle und Polizist Mario näher, bis Querelle die stramme Erektion des Polizisten in den Händen hält. Schraders weibliche Stimme verstärkt den Eindruck einer zärtlichen Begegnung. Der Speichel an Querelles Ohr und der Zungenkuss, bei dem er wie in einen Hohlraum voller Granit vorstößt, machen aber auch eine rohe Sexualität, für die es Anziehung, aber nicht zwangsläufig Liebe braucht, nachvollziehbar.

Abschließend richtet Wilke die Frage an Schrott, mit dessen beiden erotischen Gedichten der Abend ausklingen wird, ob es besonders schwer sei, erotische Literatur zu verfassen. „Nicht schwerer als alles andere auch“ entgegnet Schrott. Neben offensichtlichen Problemen wie dem bereits erwähnten Manko der deutschen Sprache, wohlklingende Namen für die Geschlechtsorgane zu finden, sei vor allem die Haltung entscheidend. Schrott subsumiert diese auf folgende Formel: Ein in die Liebe Verliebter wie Don Juan sucht die Eine in den verschiedenen Frauen, während der Dichter in der Einen die verschiedenen suche.

Ein gelungener Auftakt zur Lesereihe, die noch bis 3. November in verschiedenen Ruhrgebietsstädten teils bilateral und interkulturell mit spannenden Gästen fortgesetzt werden wird. Das sich hervorragend ergänzende Trio wirkte tatsächlich anregend, wenn auch eher geistig als körperlich und machte dennoch Lust, sich schleunigst ins Bett zu verziehen: und zwar mit einem guten Buch.

Zuerst erschienen auf: www.trailer-ruhr.de