Alcarràs – Die letzte Ernte (epd Film)

Das Porträt einer Großfamilie fesselt durch die genaue Beobachtung des landwirtschaftlichen Lebens, der familiären Dynamik und ein fantastisches Laienensemble

Pfirsichbäume, so weit das Auge reicht. Wind, der sanft durch Blattwerk raschelt. Regen, der auf das Land hinunterprasselt. Das rot-gelbe Leuchten der reifen Früchte. Immer wieder verweilt der Blick auf der Schönheit dieser Obstplantage in Alcarràs im Nordosten Spaniens. Seit Jahrzehnten werden hier von der Familie Solé Pfirsiche angebaut, gehegt und geerntet. Es ist ein hartes Geschäft für alle Beteiligten und die Existenzgrundlage von drei Generationen. Doch die Tage der Plantage sind gezählt. Der Vater von Opa Roger (Albert Bosch) hatte einst im Spanischen Bürgerkrieg die Großgrundbesitzer versteckt und ihnen so das Leben gerettet. Als Dank dafür wurde das Land damals an die Familie Solé übergeben, per Handschlag. Einen schriftlichen Vertrag gibt es nicht. Jetzt hat der offizielle Grundbesitzer Pinyol neue Pläne und teilt den Solés mit, dass die Plantage nach der letzten Ernte einem Solarpark weichen muss.

»Alcarràs – Die letzte Ernte« gewann überraschend den Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale. Überraschend deswegen, weil das ausschließlich mit Laien besetzte und langsam erzählte Familienporträt kein kontroverser Film und nur in Ansätzen politisch ist. Das Interesse von Regisseurin Carla Simón richtet sich ganz auf die generationenübergreifende Dynamik der Großfamilie und die landwirtschaftliche Arbeit, was auch den Reiz des Films ausmacht….

Der Text ist erschienen in epd 4/22 oder online in voller Länge lesbar hier.

Nicht verRecken

Protokoll zu Filmscreening & Diskussion im Rahmen der 45. Duisburger Filmwoche

Eine alte Frau blickt in die Kamera, zögert kurz und sagt dann leise: „Gott sei Dank vergisst man. Erst wenn man danach gefragt wird, erinnert man sich und merkt, dass sich da doch etwas eingebrannt hat“. Sie spricht als eine der letzten Zeitzeuginnen über einen der sogenannten „Todesmärsche“, der 1945 ihr Dorf passierte. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurden tausende entkräftete KZ-Häftlinge dazu gezwungen, die frontnahen Lager zu verlassen. Ohne geeignete Kleidung und Versorgung mussten sie bis zu 40 Kilometer am Tag marschieren. Wer zusammenbrach, wurde sofort erschossen. Ein historisch gut erforschtes, aber in der kollektiven Erinnerungskultur wenig präsentes Kapitel nationalsozialistischer Verbrechen. Das Zitat der Zeitzeugin zeigt: Vergessen ist keine Option, weder für die Opfer und die Überlebenden, noch für unsere Gesellschaft. Aber können wir auch filmisch an den Holocaust erinnern?

Diese Frage ist nicht neu und berührt das Dilemma, Bilder für etwas zu finden, was sich unserer Vorstellungskraft gänzlich entzieht. Claude Lanzman hat in diesem Kontext einmal gesagt, fände er authentische Bilddokumente aus den Gaskammern, würde er sie sofort vernichten. Mit „Shoah“ (1985) etablierte er stattdessen die Methode, Orte aufzusuchen, denen die dort verübten Verbrechen nicht mehr anzusehen sind. Für „Nicht verRecken“ orientiert sich Martin Gressmann an diesem Konzept…

Der vollständige Text ist online auf Protokult, der Online-Plattform für die Protokolle der Duisburger Filmwoche, erschienen. Hier geht’s direkt zum Text.

Außerdem erschienen in diesem Rahmen Protokolle von mir zu:

Köy (R: Serpil Turhan)
Herr Bachmann und seine Klasse (R: Maria Speth)
Zuhurs Töchter (R: Laurentia Genske, Robin Humboldt)

Archive des Alltags (filmdienst)

Rezension zu „Was wir filmten. Filme von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990“

Petra Tschörtners Dokumentarfilm „Berlin –Prenzlauer Berg. Begegnungen zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990“ beginnt mit einer Einstellung der filmhistorisch symbolisch aufgeladenen „Ecke Schönhauser“. Von dort setzt sich der Streifzug durch den Szenekiez fort. In der alten Eckkneipe, vor „Konnopkes Imbiss“ oder in der Textilfabrik offenbaren DDR-Bürgerinnen und -Bürger Hoffnungen und Ängste, die sie wegen der bevorstehenden Währungsunion umtreiben. Das Gewohnte scheint sich bereits aufzulösen, die interviewten Menschen wirken fast skurril. Die filmische Ästhetik, mit der die Regisseurin hier auf 35mm-Schwarz-weiß-Material diesen Schwebezustand, den urbanen Rhythmus und die verschiedenen Subkulturen einfängt, assoziiert große Vorbilder wie Walter Ruttmanns „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“ oder Dziga Vertovs „Der Mann mit der Kamera“. Wer „Berlin – Prenzlauer Berg“ gesehen hat, fragt sich, warum bloß Petra Tschörtner, die in Babelsberg mit Helke Misselwitz und Thomas Heise studierte, „als Filmemacherin verloren“ gegangen ist, wie Matthias Dell 2012 in seinem Nachruf auf sie schrieb.

Der Sammelband „Was wir filmten. Filme von ostdeutschen Regisseurinnen nach 1990“ nimmt diese und weitere Fragen, die über die Filmhistorie hinausreichen, in den Blick. Der Schwerpunkt liegt dabei meist auf Dokumentar- und Experimentalfilmen. Die ehemaligen DEFA-Regisseurinnen waren hier im Vergleich zum Spielfilm stärker vertreten, ihre Geschichte und ihre Erfahrungen der Wendejahre sind jedoch bisher weit weniger erforscht. Anders als der Titel suggeriert, wird neben dem ostdeutschen Filmschaffen nach 1990 auch die DDR selbst immer wieder zum Thema….

Der vollständige Text ist erschienen auf filmdienst.de. Hier geht’s zum vollständigen Text.

Die Schnittmeisterin (an.schläge)

Keine österreichische Filmeditorin hat mehr Filme und Serien montiert als Ingrid Koller. Jetzt wird sie in Deutschland für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Frauenfiguren die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, muss aber irgendwann doch lachen. Dass der Film Noir mit seinen ironischen Gesangseinlagen und jeder Menge Hardboiled-Klischees heute noch funktioniert, ist vor allem Ingrid Koller zu verdanken. Ihre Montage an „Müllers Büro“ offenbart ihr Können und die Herausforderung des perfekt getimten Komödien-Schnitts.

Dabei war es für sie kein Kindheitstraum, „Filmeditorin“ zu werden. „Niemand will das, weil die meisten gar nicht wissen, was das ist. Selbst die aus der Branche nicht“, lacht sie und atmet hörbar Zigarettenrauch aus. Dabei kann die Bedeutung des Filmschnitts für den fertigen Film kaum überschätzt werden. Anders als viele vermuten, gibt die Regie nicht vor, an welcher Stelle geschnitten wird. Filmeditor*innen sichten das gesamte gedrehte Material, wählen die besten Einstellungen aus und setzen alles zu einer verständlichen Narration zusammen, bei der Spannung entsteht und das Timing von Pointen sitzen muss. 1950 wird Koller in eine filmaffine Familie in Wien…

Erschienen in: an.schläge VII/2021 (Print). Hier geht’s zum vollständigen Artikel.

Gesellschaft aus dem Takt

Filmkritik: „Waldheims Walzer“ legt spannend montiert wie ein Politthriller die Mechanismen von Fake News und Populismus offen.

Geschichte wiederholt sich nicht. Bestimmte gesellschaftliche Muster schon, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Seit 2015 sind es anti-muslimische Ressentiments, mit denen rechte Bewegungen und Parteien in Österreich, Ungarn oder Deutschland gegen Geflüchtete und Migrantinnen mobilisieren. Als Ex-UN-Generalsekretär Kurt Waldheim 1986 für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte, waren es längst überwunden geglaubte antisemitische Vorurteile, die plötzlich wieder laut ausgesprochen wurden. Es sind vor allem jene Szenen in „Waldheims Walzer“, die offenen Antisemitismus in den Straßen Wiens Ende der 1980er dokumentieren, die uns daran erinnern, wie dünn die Membran ist, die unsere demokratische Zivilisation umgibt. Während des Wahlkampfs traten Lücken in der Kriegsbiografie Waldheims zwischen 1941 und 1945 zutage, die dieser nicht erklären konnte und wollte. Österreichische Medien und der Jüdische Weltkongress in New York recherchierten und legten Beweise vor, dass Waldheim im Zweiten Weltkrieg mehr gesehen und getan hatte, als er öffentlich zugab. Konfrontiert mit Vorwürfen zu seiner Beteiligung bzw. Mitwisserschaft an NS-Kriegsverbrechen, verstrickte er sich in Widersprüche. Er inszenierte sich als Opfer einer Verschwörung und zog sich auf die Position soldatischer Pflichterfüllung zurück. Es kam zu heftigen Protesten gegen Waldheim, andererseits schien er vielen Österreicherinnen aus der Seele zu sprechen. Die Vorwürfe gegen ihren Kandidaten empfanden sie als ungerechtfertigte Einmischung von außen und standen gemäß dem Motto „Jetzt erst recht!“ umso vehementer hinter ihm.

Fesselnder Politkrimi. Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann erzählt diese Ereignisse, die als „Waldheim-Affäre“ in die Geschichte eingegangen sind, chronologisch zuspitzend wie einen Politthriller. Die Wienerin war 1986 selbst „halb dokumentierend, halb demonstrierend“, wie sie im Film erwähnt, vor Ort an den Anti-Waldheim-Protesten beteiligt. Auf eine historische Rückschau mit klassischen Talking Heads verzichtet sie bewusst. Stattdessen kompiliert sie ihr eigenes Filmmaterial und solches, das sie in akribischen Recherchen in den Archiven des ORF sowie in den USA, Großbritannien und Israel aufspüren konnte. Derart verdichtet liefert sie nicht nur eine Analyse der Affäre und eines Generationenkonfliktes, sondern legt auch die Charakterstudie eines für seine Generation typischen Mannes vor.
Für „Jenseits des Krieges“ (1996) interviewte Beckermann Besucher*innen und Zeitzeug*innen auf der viel diskutierten Wehrmachts-Ausstellung unter direktem Eindruck der Exponate, um individueller Erinnerung nachzuspüren. In „Waldheims Walzer“ geht es ihr dagegen um kollektive Verdrängung und die Rekonstruktion von Vergangenheit. Das von Editor Dieter Pichler in perfektem Rhythmus montierte Bildmaterial bringt in Kombination mit dem Off-Kommentar der Regisseurin Objektivität und Subjektivität, aber auch Vergangenheit und Gegenwart in ein fesselndes Spannungsverhältnis. So behandelt der Kompilationsfilm zwar ein abgeschlossenes historisches Ereignis, ist aber zugleich ein Lehrstück über die universellen Mechanismen von Fake News, Populismus und das Schüren von Ressentiments. Diese waren auch schon vor Social Media wirkmächtig und sie sind es noch heute. 2018 denkt dabei niemand mehr an Waldheim. Dafür aber an Trump, Orban oder die menschenverachtenden Ausfälle der FPÖ oder AfD.

Beginn historischer Aufarbeitung. Kurt Waldheim wurde in einem zweiten Wahlgang dennoch gewählt. Aber der „Österreicher, dem die Welt vertraut“ blieb während seiner gesamten Amtszeit international isoliert und landete 1987 sogar auf der Watchlist der USA für mutmaßliche Kriegsverbrecher. Die Waldheim-Affäre markierte jedoch den Beginn eines Aufarbeitungsprozesses: Die bis dato gültige und für viele Österreicher* innen bequeme Lebenslüge, ihr Land sei das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen, wurde erstmals kritisch hinterfragt. Ein wichtiger Film über eine historische Zäsur, der viel über unsere Gegenwart aussagt und beweist, wie viel gesellschaftlicher Druck bewirken kann.

Erschienen in: an.schläge 2018, an.sehen, Kultur, VII / 2018 (Print)
Link zum Online-Text

Gattungsgrenzen sprengende Dokumentarfilme

Seit den ersten dokumentarischen Szenen der Filmgeschichte vor gut 120 Jahren hat sich der Dokumentarfilm als Gattung ausdifferenziert. Von Dziga Vertovs agitatorisch-experimenteller „Kino-Pravda“ über das französische Cinéma Vérité und das US-amerikanische Direct Cinema der 1960er, bis hin zu Essayfilmen im Stile Harun Farockis und den Mockumentarys eines Michael Moore. Entsprechend viele Definitionen gibt es heute. Neben der Non-Fiktionalität ist ein allgemein an Dokumentarfilme gerichteter Anspruch, wirklichkeitsnah oder authentisch zu sein. Mit Objektivität hat das nichts zu tun, denn Dokumentarfilme präsentieren stets einen bewusst gewählten Ausschnitt der Realität.

Im Oktober starten zwei die dokumentarische Form strapazierende Filme in den Kinos. Die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann analysiert in „Waldheims Walzer“ die Affäre um den Ex-UN-Generalsekretär Kurt Waldheim. Während dieser 1986 um das Amt des österreichischen Bundespräsidenten kandidierte, traten Lücken in seiner Kriegsbiografie zutage. Konfrontiert mit dem Vorwurf mutmaßlicher Kriegsverbrechen, verstrickte sich der Kandidat in Widersprüche und zog sich auf die Position soldatischer Pflichterfüllung zurück. Er wurde zwar gewählt, blieb aber während seiner Amtszeit international isoliert. Die Causa Waldheim führte dazu, dass Österreich den Mythos, erstes Opfer der Nationalsozialisten gewesen zu sein, aufzuarbeiten begann. Beckermann war selbst Teil  der Anti-Waldheim-Proteste und somit persönlich involviert. Sie montiert eigenes Material und solches aus Archiven, um den Wahlkampf spannend wie einen Politthriller darzustellen. In Kombination mit ihrem retrospektiven Off-Kommentar wird der Kompilationsfilm so zu einer universellen Erzählung über die Mechanismen von Populismus, Fake News und das Schüren von Ressentiments, die wir 2018 mit der AfD oder Trump assoziieren.

Auch für Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter wurde der Dreh zu „Eine gefangene Frau“ persönlich. Sie begleitete Marish, die in Ungarn als Haussklavin in einer Familie arbeiten muss. Ihr Lohn für nächtliche Fabrikarbeit wird ihr abgenommen, tagsüber erledigt sie den Haushalt. Zum Dank wird sie physisch wie psychisch misshandelt. Modernes Sklaventum dieser Art ist in Europa übrigens kein Einzelfall. Im Verlauf des Films fasst Marish aber Mut zu fliehen und baut sich ein selbstbestimmtes Leben auf. Wäre dies auch ohne die Präsenz der Kamera geschehen? Wurde das Umdenken durch das Reflektieren der eigenen Situation im Verlauf der Dreharbeiten motiviert? Hat die Regisseurin in die Realität eingegriffen und falls ja: Wie hätte sie es denn nicht tun können? Diese Fragen und eine extrem mutige Protagonistin machen „A Woman Captured“ zu einem spannenden Seherlebnis.

Der sowjetische Filmemacher Sergei Eisenstein sagte einmal: „In einem guten Film geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit.“ Ob die beiden ungewöhnlichen Werke diesem Credo gerecht werden, finden Sie am besten selbst im Kino heraus.

Dieser Text erschien im trailer ruhr-Magazin 10/18 und online auf:
www.trailer-ruhr.de
Zum vollständigen Text.

Premiere von „HeimatKino – Kinokultur im Ruhrgebiet“ am 7.10. in Schauburg Gelsenkirchen

Der Kern des Kinos

Gelsenkirchen, den 7.10.: Fast jeder Mensch erinnert sich daran, wann er oder sie das erste Mal im Kino gewesen ist oder zumindest an das erste besondere Kinoerlebnis. Das hat mit dem dort gesehenen Film zu tun, aber auch mit der Atmosphäre: Schummriges Licht, schwere Samtvorhänge, gepolsterte Sitzreihen, abebbende Gespräche, die in erwartungsvolle Stille übergehen in dem Augenblick, wenn sich der Vorhang öffnet. Das Publikum ist bereit, sich für einen bestimmten Zeitraum in eine andere Welt entführen zu lassen und vielleicht sogar in etwas einzigartiges, völlig neues einzutauchen. Diese Magie des Kinos hat sich in den gut 120 Jahren seines Bestehens technisch zwar massiv verändert, die Formel ist im Kern aber gleich geblieben: Menschen lassen sich in einem dunklen Raum auf ein kollektives Seherlebnis ein.

Die Regisseure Daniel Huhn, Benjamin Leers und Stefan Kreis spüren mit ihrem Film „HeimatKino“ dieser Magie ebenso nach wie den Orten, an denen sie sich entfaltet hat und weiterhin abspielt. Chronologisch führt uns der 55-minütige Dokumentarfilm durch die Geschichte der Lichtspielhäuser der Region. Was mit den ersten Filmvorführungen im 19. Jahrhundert, damals noch als Jahrmarktsattraktion in Kneipen, beginnt, entwickelt sich zu einem boomenden Geschäft.

Nach 1945 lagen hier auch die meisten Kinos in Schutt und Asche, wurden aber wieder aufgebaut und läuteten eine goldene Ära ein. Wer ein hartes Leben hatte, flüchtete für kleines Geld ins Kino. Bald hatte jeder Vorort sein eigenes Filmtheater, zur Hochzeit waren es 500 allein im Ruhrgebiet. In den 1950ern konnten die Kinobetreiber die Eintrittsgelder „Mit der Schubkarre rausfahren“, wie Marianne Menze, heute Leiterin der Essener Lichtburg, erklärt. Historische Hintergründe liefert auch der gebürtige Essener Dietrich Leder, Professor der Kunsthochschule für Medien Köln. Andere Zeitzeugen berichten von dem ersten Kino, das in ihrer Straße eröffnete. Weiter erzählt „HeimatKino“ von der aufkommenden Konkurrenz des Fernsehens, der Gründung kommunaler Kinos und der Ära der Multiplexe bis in die Gegenwart. Heute sind von den 500 Lichtspielhäusern noch 50 Kinos übrig.

Wer kinotechnisch im Ruhrgebiet sozialisiert wurde, wird vor allem die kurzen Porträts der sieben Kinos bzw. Filmclubs wertschätzen, die auch Poträts ihrer BetreiberInnen sind. Wie im Fall des Essener Autokinos DriveIn oder der Postkutsche in Dortmund Aplerbeck präsentieren sie sich wie hartnäckige, kleine Inseln, am Leben erhalten durch überzeugte IdealistInnen. Andere wie das sweetSixteen in Dortmund haben sich etabliert und ein Stammpublikum für sich eingenommen, dass nicht nur das sorgfältig kuratierte Programm, sondern auch die persönliche Ansprache schätzt. Das Filmforum Duisburg behauptet sich als ältestes, kommunales Kino und ist gleichzeitig ein Ort, der Filmgeschichte dokumentiert und archiviert. Oder sie stehen – wie das Metropolis im Bochumer Hauptbahnhof – zumindest durch ihren Standort für eine längst vergangene Ära wie die der Bahnhofskinos mit ihrem durch B-Movies geprägten, non-stop laufenden Programm. Diesem Repertoire hat sich auch der geheimnisvolle Filmclub Buio Omega verschrieben, der jeden dritten Samstag im Monat ab 11 Uhr dem abseitigen, trashigen Film huldigt. Der Motor all dieser Orte ist Idealismus, der auch andere, in „HeimatKino“ nur angedeutete Kinos auszeichnet. Ob das endstation Kino im Bahnhof Langendreer, Astra, Eulenspiegel und Filmstudio in Essen oder Roxy und Schauburg in Dortmund.

Mit der Schauburg Gelsenkirchen findet die Premiere von „HeimatKino“ an einem würdigen Ort statt. Der große Saal ist nicht komplett, aber doch sehr gut gefüllt. Vor dem Screening führt Markus Köster, Leiter des LWL Medienzentrum für Westfalen, in den Abend ein und freut sich „Film zu erleben, wo er hingehört“. Köster erklärt außerdem, dass „HeimatKino“ auch in der schulischen Bildung zum Einsatz kommen wird. Wie nötig es ist, auch Jugendliche für Kino zu begeistern, zeigt sich auch im Altersdurchschnitt des Publikums. Das an die Vorführung anschließende Filmgespräch dreht sich passend dazu um die Frage, wie die Zukunft des Kinos aussehen wird.

Eine Frau wünscht sich beispielsweise im Revier mehr Filmfestivals als zeitlich und räumlich verdichtetes Kinoerlebnis: „Es schadet ja nicht, auch mal ein einen ganzen oder mehrere Tage in einem Kinosaal zu verbringen“. Eine kaum 18-Jährige denkt laut darüber nach, warum Kino bei ihren AltersgenossInnen nicht mehr so in ist und stellt fest, noch gar nicht alle Ruhrgebietskinos mit Programmen abseits des Mainstreams zu kennen.

Zum Abschluss fragt Daniel Huhn, ob jemand im Publikum beschreiben könne, was den Kern des Kinos ausmache. Schließlich meldet sich ein Mann mittleren Alters: „Sich bewusst an einen Ort zu begeben, wo man sich im Dunkeln ohne Ablenkung durch äußere Einflüsse für eine gewisse Zeit auf einen Film einlässt, diesen mit anderen gemeinsam ansieht und danach darüber spricht. Das ist für mich der Kern des Kinos.“ Dieses Statement und das gesamte Projekt „HeimatKino“ machen Lust, die besondere Kinokultur des Ruhrgebiets für sich zu entdecken und all den FilmenthusiastInnen zwischen Dortmund und Duisburg mindestens einen Besuch abzustatten. Solange es sie gibt, ist es um die Zukunft des Kinos gut bestellt.

Die Einzelporträts sind auf den Kinoseiten bei trailer-ruhr.de zu finden. Auf großer Leinwand werden sie im Wintersemester 2018/19 im Studienkreis Film der Ruhr-Universität Bochum als Vorfilm zu sehen sein: www.skf-kino.de
Weitere Infos unter: heimatkino.ruhr

Der Artikel ist Online unter der Rubrik „Foyer“ erschienen auf www.trailer-ruhr.de

Leitartikel zum Thema RECHTSBLIND (trailer ruhr-Magazin 09/18)

Frage ich mich, ob wir mit Rechten reden müssen, fühlt es sich an, als grübelte ich zu lange über die Unendlichkeit des Universums: Mein Gehirn wäre lieber woanders. Ob und wie wir mit Rechten reden, mit rechtspopulistischen bis rechtsextremistischen Menschen, Tendenzen, Aussagen oder Parteien in unserer Gesellschaft umgehen, hängt von vielen Faktoren ab: Von den Personen, die (gegebenenfalls) miteinander sprechen, dem Ort an und dem Rahmen in dem dies geschieht und nicht zuletzt davon, wer zuhört.

Was unter bestimmten Voraussetzungen richtig ist, kann unter anderen unmöglich sein. Wenn Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, nach dem Gespräch mit dem AfD-Abgeordneten Stephan Brandner feststellt, dass es keinen Sinn ergibt, mit Vertretern der AfD zu sprechen, weil diese ihre geschichtsrevisionistischen Positionen gar nicht diskutieren wollen, ist das nachvollziehbar. Eine Demonstration ist kein Ort, mit denen, gegen deren Ideologie man ein öffentliches Zeichen setzen will, in einen sinnvollen Austausch zu gelangen. In Landtagen und im Parlament ist es seit der letzten Bundestagswahl für PolitkerInnen dagegen unmöglich, den Dialog mit der AfD per se zu verweigern. Medien reflektieren seitdem kritischer, ob und wann sie RechtspopulistInnen zu Wort kommen lassen oder deren Themen aufgreifen. Im ZDF-Sommerinterview, das Thomas Walde im August mit Alexander Gauland vor allem zu Rente, Klima und Digitalisierung führte, ging es nicht um die Bekehrung Gaulands. Den ZuschauerInnen wurde dafür aufgezeigt, dass Gauland und die AfD jenseits der Flüchtlings- und Migrationsthematik sehr schlecht informiert sind. Das Argument, Rechte müssten als Feinde der Demokratie von dieser ausgegrenzt werden, ist nicht in allen Kontexten umsetzbar und hat auch nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Nicht zuletzt, weil manche Menschen die AfD vielleicht nicht trotz sondern wegen ihrer rechtsextremistischen Ansichten und Mitglieder wählen.

Wer mit Rechten reden will, ob in Sozialen Netzwerken oder analog am Arbeitsplatz, im Familien- und Freundeskreis, sieht sich allerdings oft mit der Herausforderung konfrontiert: Wie streite ich mit Personen, die die Regeln der Streitkultur selbst nicht einhalten? Mit diesem Dilemma beschäftigt sich der Bochumer Philosoph Daniel-Pascal Zorn. 2017 hat er mit Per Leo und Maximilian Steinbeis das Buch „Mit Rechten reden“ veröffentlicht, das kein How-to-Ratgeber ist, aber die Lust am Streit als produktives Instrument der pluralen Demokratie stärken will. Zorn selbst kommentiert auf Facebook oder seinem Blog „Die Kunst der Rechtfertigung“ politische Ereignisse und legt logische Fehlschlüsse in den Argumentationen seiner DiskussionspartnerInnen offen. Aber auch Nicht-PhilosophInnen gab er in der WDR5-Sendung „Neugier genügt“ praktische Tipps für den nächsten Streit: Aussage und Person trennen, StreitgegnerInnen wirklich zuhören (also nicht die eigene Antwort im Kopf formulieren, wenn man selbst nicht spricht) und offen für die Erkenntnis bleiben, dass die eigene Überzeugung nicht die allein gültige sein könnte. Das sind für ihn basale Grundvoraussetzungen einer Streitkultur.

Im besten Fall gehe ich so offener in Diskussionen und achte Regeln, die ich von meinem Gegenüber einfordere. Konfrontiert mit der Aussage, die AfD sei keine rassistische, extremistische Partei, dürften uns so ausgestattet doch gute Gegenargumente einfallen. Behauptungen, die Regierung plane einen großen Bevölkerungsaustausch und Merkel gehöre zur Gattung der Reptiloiden, können wir immerhin kritisch hinterfragen und Belege einfordern. Wenn jemand diese aber partout nicht liefern, nicht argumentieren oder zuhören will oder gar beleidigend wird, kann ein Gespräch immer noch abgebrochen werden.

Jeder von uns muss im Einzelfall entscheiden, ob und wie wir auf rechte Aussagen reagieren und wo wir die Grenze ziehen, an der Reden für uns nichts mehr bringt. Wer sich aber jedem Diskurs mit Rechten mit Verweis auf Sinnlosigkeit, verlorene Lebenszeit oder dem Argument, Argumente brächten nichts, verweigert, ist längst schon mittendrin. Zwei Gegenfragen scheinen mir die besten Argumente, im Gespräch zu bleiben, so kräftezehrend es auch sein mag. Erstens: Warum sollten wir denn nicht mit Rechten reden, was haben wir zu verlieren? Zweitens: Wenn wir es nicht mehr tun, was wollen wir stattdessen machen, das unseren eigenen, demokratischen Prinzipien nicht Hohn spricht? Fühlen Sie sich frei, mir zu widersprechen.

Dieser Text erschien im trailer ruhr-Magazin 09/18 und online auf:
www.trailer-ruhr.de
Hier geht’s zur Online-Veröffentlichung

Wechselwirkungen: HIV und Aids in der Filmgeschichte

Filme greifen gesellschaftliche Stimmungen auf und können ihrerseits den öffentlichen Diskurs beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist Jonathan Demmes Drama „Philadelphia“ aus dem Jahr 1993. Tom Hanks erhielt für seine Verkörperung des aidskranken Anwalts, der gegen seine Entlassung klagt, seinen ersten Oscar. Aus der schwulen Community kam seinerzeit Kritik: an der heterosexuell besetzten Hauptfigur und der ohne die Andeutung sexuellen Begehrens inszenierten Liebesbeziehung zwischen Hanks‘ Figur und seinem Partner (gespielt von Antonio Banderas). Dennoch veränderte die erste Hollywood-Produktion zum Thema die Darstellung homosexueller Beziehungen im Mainstream-Kino sowie den gesellschaftlichen Dialog über Aids.

„Philadelphia“ war aber nicht der erste Film, in dem Aids thematisiert wurde. Schon 1984 wurde Manfred Salzgeber auf „Buddies“ von Arthur Bressan Jr. aufmerksam, der zu einem  frühen Zeitpunkt Vorurteile und Irrtümer rund um HIV und Aids aufgriff. Kein deutscher Verleiher traute sich an den Vertrieb, woraufhin Salzgeber selbst einen Verleih gründete und „Buddies“ 1985 in die westdeutschen Kinos brachte. Heute ist Edition Salzgeber der Traditionsverleih für queeres Kino in Deutschland. Bill Sherwoods „Parting Glances“ von 1986 (Steve Buscemi in seiner ersten Hauptrolle) und „Longtime Companion“ von Norman René (1989) waren zwei weitere, einfühlsame Filme zu der Thematik, an der viele der Pioniere persönliches Interesse hatten. Arthur Bressan Jr., Bill Sherwood, Manfred Salzgeber und Norman René – alle starben an den Folgen von Aids.

Erst seit den späten 1990er Jahren kam im Kino die Botschaft an, dass Aids nicht ausschließlich schwule Männer, Drogensüchtige und Prostituierte, sondern alle Menschen betrifft. In Larry Clarks Independent-Aufreger „Kids“ (1995) wird HIV durch heterosexuellen Sex übertragen, in Almut Gettos „Fickende Fische“ (2002) ist der Protagonist durch eine Bluttransfusion HIV-positiv. Kommerziell und bei der Kritik erfolgreiche Produktionen der letzten Jahre wie „Dallas Buyers Club“ (2013) oder „120 BPM“ (2017) werfen mit ebenso spannend wie emotional erzählten Geschichten den Blick zurück auf die frühe Aids-Ära und zeugen von der allmählichen Historisierung des Themas.

Aktuell ist in den Kinos Carla Simóns einfühlsames Debüt „Fridas Sommer“ zu sehen, in dem eine Sechsjährige 1993 nach dem plötzlichen Tod der Mutter zur Familie ihres Onkels ziehen und neben der Trauer auch Vorurteile und Ausgrenzung bewältigen muss. Denn es ist unklar, ob Frida sich bei ihrer Mutter angesteckt hat. HIV muss hier nicht explizit erwähnt werden. Die Zeit, in der die Geschichte spielt und die Panik anderer Eltern, als Frida sich beim Spielen das Knie blutig schrammt, rufen die fast 40-jährige Geschichte von HIV und Aids in unserem kollektiven Gedächtnis auf.

Heute ist die Krankheit gut therapier-, jedoch nicht heilbar, Neuinfektionen gibt es nach wie vor. Medizinische Aufklärung bleibt daher wichtig. Seit Ausbreitung des Virus vor fast 40 Jahren haben sich aber Vorurteile und Diskriminierung verringert und das Verständnis für Betroffene ist deutlich empathischer. Davon zeugt die Entwicklung der Darstellung von Aids im Film. Andersherum dürften die Filme zum Thema einen Anteil an dieser positiven Entwicklung gehabt haben.

Dieser Text erschien im trailer ruhr-Magazin 08/18 und online auf:
www.trailer-ruhr.de
Zum vollständigen Text.

Netflix gebingewatched, geweint: Wer entscheidet, wofür Filme gemacht werden?

Bekanntlich schlagen die Bäume erst im Mai aus, in Cannes wird aber schon seit März kräftig ausgeteilt. Das mag am mediterranen Klima der Côte d’Azur liegen, vielleicht auch an einer frühlingsgefühlsbedingten Testosteronwallung der Alphahengste Thierry Frémaux und Ted Sarandos. Denn neben Selfies am Roten Teppich und exklusiven Presse-Screenings für JournalistInnen fällt auch Netflix in diesem Jahr an der Croisette aus.

Festivaldirektor Frémaux entschied, dass 2018 nur noch Filme im Wettbewerb laufen, die auch in französischen Kinos starten. Der Abstand zwischen Kinostart und Streaming-Verwertung muss laut französischem Recht aber mindestens 36 Monate betragen – und so lange wollte Ted Sarandos, Chief Content Officer von Netflix, nicht warten und zog beleidigt alle Netflix-Produktionen vom Festival zurück. Außer Konkurrenz oder in einer anderen Sektion? Nicht mit ihm. Aus cinephiler Sicht ist das ein Verlust, denn das Breivik-Biopic „Norway“ von Paul Greengrass, „Hold the Dark“ von Jeremy Saulnier und Alfonso Cuaróns „Roma“ werden wohl nie in einem Kino zu sehen sein. Das könnte auch für Orson Welles‘ unvollendeten „The Other Side of the Wind“ von 1972 mit John Huston, Peter Bogdanovich und Susan Strasberg gelten, für den Netflix 2016 die Rechte erwarb. Die aufwendig restaurierte Fassung sollte in Cannes Premiere feiern. Allerdings: Cannes ist ohnehin kein Publikumsfestival und uns bleibt immer noch der Stream.

Spannender ist der Konflikt wegen der grundlegenderen Frage, um die es eigentlich geht: Wer hat die Definitionsmacht darüber, was Kino ist? Hier stehen sich der US-amerikanische VoD-Anbieter und Cannes als Verfechter unterschiedlicher Auffassungen von Filmkultur gegenüber. Netflix kommt aus dem Land, das Film in erster Linie als massenkompatibles Konsumprodukt versteht. Cannes hingegen gilt als exklusiv und sogar elitär, ein Palm d‘Or-Gewinner muss nicht notwendig auch beim Publikum ankommen. Das Festival rühmt sich nicht zu Unrecht, Film als Kunstform gegen rein kommerzielle Marktmechanismen zu verteidigen. Andersherum wird seelenloser Glamour auch in Cannes nicht kleingeschrieben und Netflix‘ Eigenproduktionen können ein Hort für Innovation sein. Spielfilme wie Dee Rees „Mudbound“ oder Noah Baumbachs „The Meyerowitz Stories“ (der 2017 noch in Cannes lief) sind dafür ebenso Beweis wie die Netflix-Serien, die oft etwas genuin Filmisches haben. „Stranger Things“ feiert das Kino der 1970er/80er Jahre in jeder Einstellung und die Mystery-Serie „Dark“ wirkte als erste deutsche Produktion mal nicht wie ein „Tatort“ oder Fernsehspiel.

Dennoch: Für Netflix ist Film eine Kunstform, die auf dem heimischen Flatscreen oder gar dem Smartphone ebenso funktioniert wie auf der großen Leinwand. Aber der Streit um das Kino als Ort, für den Filme gemacht werden, wird nicht erst seit Erfindung von VHS und DVD geführt und diese Debatte ist nicht die letzte. Auch Amazon-Produktionen laufen auf Festivals und im Kino, Disney strebt eine eigene Streaming-Plattform an und es wird gemunkelt, sogar Facebook verfolge Streaming-Ambitionen. Wie sich die Kunstform, das Kulturgut und das Geschäftsmodell Kino entwickeln wird, bleibt spannend. Und immerhin haben wir als Publikum mit unseren Sehgewohnheiten da auch noch ein Wort mitzureden.

Dieser Text erschien  im trailer ruhr-Magazin 05/18 und online auf:
www.trailer-ruhr.de
Hier geht es zur Online-Veröffentlichung.