Framing: Podcast Podcast #28: Framing Flesh and Fluids

Ende August 2026 war ich in Framing-Podcast eingeladen, um mit Eli Lewy und Till Kadritzke über Jane Schoenbruns „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ zu sprechen, der zugleich Slasher-Film, Genre-Reflexion und die Geschichte einer Befreiung ist. Im Zentrum stehen Hannah Einbinder als junges Regie-Talent, Gillian Anderson als ultimatives Final Girl und ein lustvoller kleiner Tod.

Ihr könnt die Episode hier oder fast überal, wo es Podcasts gibt, nachhören:
https://steady.page/de/framing/posts/190ac066-236d-4b9b-9d22-6d9bf3b011b2

Ziemlich netter Typ: Stephen Graham

Als Nebendarsteller hat Stephen Graham Gangster, Neonazis und Psychopathen gespielt, die im Gedächtnis blieben. Spätestens seit seinem Erfolg mit »Adolescence« bekommt er auch in der ersten Reihe die Aufmerksamkeit, die er schon lange verdient

Gauner, Kleinkriminelle, Mörder, Neonazis, Psychopathen – Stephen Graham hat sie alle gespielt. Wer Gangsterfilme mag, kennt sein Gesicht. Lange war er einer dieser Nebendarsteller, die überall mitspielen, die man sofort wiedererkennt – nur der Name fällt einem partout nicht ein. Das liegt nicht an mangelndem Charisma und erst recht nicht an seinem Talent, denn der 1973 in Liverpool geborene Schauspieler ist einer der besten und nuanciertesten britischen Schauspieler der letzten 25 Jahre. Seit dem Erfolg der One-Shot-Netflix-Sensation »Adolescence« 2025, für die er das Drehbuch schrieb, die er produzierte und in der er die Rolle des Vaters übernahm, ist sein Name ein Begriff.

Die Berufung zum Schauspieler ereilte Graham früh. Seine erste Rolle spielte er mit zehn Jahren in der Schultheaterproduktion »Die Schatzinsel«, als Teenager trat er in Produktionen des Everyman Theatre auf, unter anderem beim renommierten Edinburgh Festival. In den 1990er Jahren war er in einigen britischen TV-Serien zu sehen, unter anderem in zwei Episoden der Kinder-Krankenhausserie »Children’s Ward«. Nach seinem Schulabschluss besuchte er das Rose Bruford College in London, das auch Gary Oldman absolviert hat. Erste größere Filmrollen übernahm Graham 2000 in Guy Ritchies »Snatch« – wo er als tapsig-naiver Sidekick von Jason Statham seine selten gezeigte komödiantische Seite offenbart – und in Martin Scorseses »Gangs of New York« (2002).

Das Abgründige, auch körperlich Brachiale steht Graham einfach zu gut. Größere Bekanntheit erlangte er mit genau einer solchen Rolle: In »This Is England« (Shane Meadows, 2006) bringt er als Combo, der nach drei Jahren Haft und nationalistisch radikalisiert zurück in seine Heimatstadt kommt, die Dynamik einer friedlichen Skinhead-Gruppe durcheinander. Oft zitiert wird sein rassistischer Monolog, in dem jedes seiner Worte, die er wie Gift und Galle ausspeit, beängstigend glaubwürdig wirkt. Dabei überzeugt er vor allem in den emotional leisen Momenten. Combos harte Fassade bröckelt, wenn er behutsam den zwölfjährigen Shaun unter seine Fittiche nimmt oder Skinhead-Girl Lol seine Liebe gesteht….

Der vollständige Text ist erschienen in epd Film 05/2026 und online hier abrufbar.

Nachruf: Michael Madsen (25.9.1957 – 3.7.2025)

Er steht einfach nur da. Ein 1,88 Meter großer Hüne in schwarzem Anzug und Krawatte, lässig an eine Säule gelehnt, irgendwo in einem leerstehenden Lagerhaus. Unbeeindruckt beobachtet er zwei Männer, die sich prügeln, und schlürft dabei einen Softdrink. Dann schaut er lässig über den Rand seiner Sonnenbrille, beide Brauen skeptisch hochgezogen. Die Rolle des Psychopathen Mr. Blonde in Quentin Tarantinos Debüt »Reservoir Dogs« hat Michael Madsen weltberühmt gemacht, vor allem die Sache mit dem Ohr. Eigentlich wollte er unbedingt Mr. Pink spielen, um nicht von einem Nobody wie Tim Roth alias Mr. Orange abgeknallt zu werden. Das hatte er aus den Western und Klassikern gelernt, in denen seine Helden Robert Mitchum, Humphrey Bogart oder James Cagney stets einen glorreichen Tod starben. 

Als Sohn einer Dokumentarfilmerin und eines Feuerwehrmanns in Chicago geboren, verbrachte Madsen eine turbulente Jugend dort inklusive kleinerer Vergehen. Für die Schauspielerei interessierte er sich spätestens nach Besuch einer Inszenierung in der damals noch unbekannten Steppenwolf Theatre Company, wo er auch John Malkovich kennenlernte. Madsens Vater war davon wenig begeistert: »Weißt du, wie die Chancen stehen, es als Schauspieler zu schaffen? 1 zu 10 Millionen.« Madsen ließ sich nicht entmutigen und folgte Anfang der 1980er seiner Schwester, der Schauspielerin ­Virginia Madsen, nach L.A., wo er, um über die Runden zu kommen, an einer Tankstelle in Beverly Hills Stars wie Fred Astaire bediente. Nach seinem ersten nennenswerten Leinwandauftritt in »War Games 1983«, TV-Serien (»St. Elsewhere«, »Cagney & Lacey«, »Miami Vice«) und kleineren Filmrollen (»Der Unbeugsame«, »The Doors« und »Thelma & Louise«) folgte 1992 »Reservoir Dogs«. Tarantino schrieb ihm danach auch die Hauptrolle in »Pulp Fiction« auf den Leib. Die verhalf dann John Travolta zum Comeback, weil Madsen vertraglich schon an »Wyatt Earp« gebunden war, der floppte. Trotz Karriereknicks in den 1990ern drehte Madsen zeitlebens enorm viel. IMDb listet 344 Schauspielrollen auf, darunter viele B-Movies, die es nie ins Kino schafften. Madsen, der insgesamt drei Mal verheiratet war (zuerst mit Chers Halbschwester), sechs Kinder hatte und bis zuletzt in Malibu wohnte, machte nie einen Hehl daraus, dass er Rechnungen bezahlen und seine Familie versorgen müsse. Er erledigte die Jobs, die es für ihn gab.  

Die Zeit, die er allein auf Flügen, in Hotels und in Trailern an Filmsets verbrachte, nutzte er, um Gedichte zu schreiben, beeinflusst von Hemingway, Kerouac oder Bukowski. Außerdem lieh er seine markante Stimme, die nach Whisky, Tabak und Wehmut klang, Figuren in Animationsfilmen oder Computerspielen. Auch wenn er selbst besonders stolz auf seine Performance als alleinerziehender Vater in dem wenig beachteten »Strength and Honour« (2007) war, bleiben seine besten Rollen eng mit Tarantino verbunden. Als Bills Bruder Budd in »Kill Bill« oder mysteriöser Cowboy Joe Gage in »The Hateful Eight« alterte Madsen »on screen«, wirkte vom Leben gegerbt, den Stetson tief ins Gesicht gezogen. Sein typisches Grinsen – in dem sich Charme, Spott und eine Prise Wahnsinn beunruhigend vermischten – blieb. Genau wie die Nostalgie, die ihn umgab, als stamme er aus einer anderen Ära. 

Wer zu Tarantinos Inventar gehörte, musste sich Ende 2017 auch zum Fall Harvey Weinstein äußern. Madsen tat das offen, bezeichnete Weinsteins Praktiken als monströs und merkte lakonisch an, in Hollywood hätten davon schon immer alle gewusst. Ironischerweise eilte Madsen selbst der Ruf voraus, ein »American Badass« (so auch der Titel eines seiner Lyrikbände und seiner eigenen Hot-Sauce-Marke) zu sein. Er nährte es als Biker, durch einen schmutzigen Scheidungskrieg mit seiner zweiten Ehefrau und diverse Verhaftungen wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss in Teilen selbst. Seine Schwester erzählte, sie sei in der Branche nie schlecht behandelt worden, weil alle Angst vor ihrem großen Bruder hatten. Madsen arrangierte sich damit und schloss auch Frieden mit Mr. Blonde. Trotzdem hätte er gern noch Dirty Harrys Sohn, Batman oder einen romantischen Helden gespielt. Bis zuletzt beklagte er in Interviews die Fantasielosigkeit von Casting Agents: »I’m a leading man trapped in a bad guy’s body. I want to ride into the sunset with a girl.«

Erschienen in epd Film 08/2025 und online hier.

Filmkritik: Milch ins Feuer

Lakonie trifft Sinnlichkeit: Drei ­Generationen von Bäuerinnen ­zwischen ländlichem Alltag, Arbeit und Zukunftsplanung

Das deutsche Kino hat nicht zu Unrecht den Ruf, spröde zu sein. In Justine Bauers Debüt »Milch ins Feuer« mischt sich diese Eigenschaft mit einer bildsprachlichen Sinnlichkeit und einer guten Portion Lakonie. Es ist die Geschichte eines Sommers auf dem Land, bei dem verschiedene Generationen von Bäuerinnen im Mittelpunkt stehen. Katinka (Karolin Nothacker) ist gerade mit der Schule fertig und will Bäuerin werden, so wie ihre Mutter (Johanna Wokalek) und ihre Oma (Lore Bauer) vor ihr. Die Mutter sieht in der sich immer weniger auszahlenden Landwirtschaft allerdings keine Zukunft und wünscht sich für ihre Töchter ein anderes Leben. Katinka packt trotzdem beim Kühemelken, beim Einfahren des Heus oder beim Kastrieren der Lamas mit an. Ihre Freizeit verbringt sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern und ihrer Freundin Anna (Pauline Bullinger) meistens am Teich, wo sie Abkühlung suchen. Anna ist ungewollt schwanger und überlegt, was aus ihr werden soll. Dazwischen passiert einiges, aber nichts, was die landwirtschaftlichen Kreisläufe durcheinanderbringen oder gar unterbrechen könnte. 

Regisseurin Justine Bauer weiß, wovon sie erzählt. Sie ist auf einer Straußenfarm aufgewachsen, kennt sich in der Landwirtschaft aus und wollte auch die Krise, in der sich diese befindet, nicht aussparen. Zu ihrem präzise beobachtenden Blick trägt die mutige Entscheidung bei, ihre Figuren Hohenlohisch sprechen zu lassen. Johanna Wokalek arbeitete dafür mit einem Dialektcoach und fügt sich hemdsärmelig und zupackend in den mehrheitlich aus Laien bestehenden Cast ein. Die Darstellerin der Katinka fand Bauer durch einen Aufruf in einer Lokalzeitung. Ihre Schwestern…..

Ganze Kritik auf epd Film online lesen (zuerst in Print erschienen in epd Film 08/25)

Filmkritik: Memoiren einer Schnecke

Mit Akribie, Einfallsreichtum und skurrilen Figuren erzählt dieser »Claymationfilm« die berührende Lebensgeschichte eines australischen Zwillingspaars für ein erwachsenes Publikum

Swingende Adoptiveltern (die Musikrichtung ist hier nicht gemeint), Nudistencamps, Schimpfworte, religiöser Fanatismus, Fetische, Alkoholismus, Kleptomanie und fickende Meerschweinchen – Adam Elliots neuer Animationsfilm »Memoiren einer Schnecke« ist wirklich nichts für Kinder – oder allzu zartbesaitete Erwachsene. Was aufgeschrieben nach purer Provokation klingt, entfaltet sich auf der Leinwand zu der wunderbar aufrichtigen, von vielen Schicksalsschlägen geprägten Geschichte der Zwillinge Grace und Gilbert.

Nachdem die Mutter im Kindbett stirbt, gibt der Vater von Grace und Gilbert sein Bestes. Trotz Armut und Alkoholabhängigkeit versucht er, ihnen ein sorgloses Leben zu ermöglichen. Als auch er stirbt, werden die beiden Geschwister getrennt. Grace wird in Canberra bei einem herzensguten Ehepaar untergebracht, mit dem sie jedoch nie ganz warm wird. Gilbert landet bei einer fundamental christlichen Farmersfamilie, in der er hart arbeiten und ständig beten muss. Über die Jahre schreiben sich die beiden Briefe und sehnen ein Wiedersehen herbei. Grace füllt die Leere, die der Bruder hinterlassen hat, mit dem erratischen Sammeln von Schnecken in jeder Form. Bis sie Pinky kennenlernt, eine exzentrische ältere Frau, die sie unter ihre Fittiche nimmt….

Ganze Kritik online bei epd Film lesen (zuerst erschienen in Print 07/2025)

Filmkritik „Tatami“ in der Freitag

Inspiriert von einem wahren Fall schildert der Film „Tatami“ den Konflikt einer iranischen Judoka bei einem internationalen Wettbewerb. Politisch brisant: Es ist die erste israelisch-iranische Kooperation der Filmgeschichte

Leila Hosseini (Arienne Mandi) kniet auf der Matte. Nur ihr schwerer Atem ist zu hören, alles andere klingt dumpf. Drei Kämpfe hat sie gewonnen, aber jetzt hat sie einfach keine Kraft mehr. Der iranische Judo-Verband setzt sie seit Stunden unter Druck, unter einem Vorwand aus dem Wettkampf um die Weltmeisterschaft auszusteigen. Aus Sicht des Regimes darf sie auf keinen Fall gegen eine israelische Sportlerin antreten, das wäre ein Sakrileg. Leila hat diesem Druck lange standgehalten. Aber nun ist sie geschwächt, verletzt und ausgelaugt. Verliert sie jetzt, war alles umsonst.

Tatami wurde von dem realen Fall Saeid Mollaei inspiriert. Bei der Judo-Weltmeisterschaft in Tokio 2019 versuchte der iranische Judo-Verband, Mollaei auf Befehl von oben zur vorzeitigen Aufgabe zu zwingen, um einen Kampf mit dem Israeli Sagi Muki zu vermeiden. Mollaei widersetzte sich. Obwohl er vorher ausschied und es gar nicht erst zur Begegnung mit Muki kam, kehrte er aus Furcht vor Repressionen nicht in seine Heimat zurück. Aber Mollaeis Schicksal ist kein Einzelfall. Der Gewichtheber Mostafa Rajai schüttelte 2023 bei der Senioren-WM einem israelischen Konkurrenten die Hand und…

Der Text ist in Print in der Freitag 31/24 erschienen und online hier abrufbar.

Sterben

Kaputte Körper im Alter, unkaputtbare Frauenfiguren, dysfunktionale Familien und ein sympathischer Lars Eidinger: Matthias Glasner riskiert viel und erschafft einen fast grandiosen Film, bei dem er nur manchmal die Balance verliert

Es besteht ein schmaler Grat zwischen der kreativen Vision, mit der Künstler*innen kreativ ihr Innerstes nach außen vermitteln wollen, und dem, was einem Publikum zuzumuten ist. Wer kompromisslos sein Ding durchzieht, geht das Risiko ein, nicht verstanden zu werden. Biedert man sich zu sehr an den Mainstream an, kippt die emotionale Botschaft schnell in Kitsch. So erklärt es sinngemäß der von Selbstzweifeln geplagte Komponist Bernard (Robert Gwisdek) an einer Stelle in Matthias Glasners »Sterben«. Es passt zur feinen Selbstironie des Films, dass dieser den beschriebenen Balanceakt selbst nicht durchgehend meistert….

Die ganze Kritik auf epd film lesen

Thementext GIRLHOOD in epd film 01/2024

»Barbie« hat gezeigt, dass man mit Filmen für weibliches Publikum richtig Kasse machen kann. Und Gerwigs Blockbuster markiert nur die Spitze eines Trends: Das Kino entdeckt Mädchen und junge Frauen als Zielgruppe wieder.

»It is literally impossible to be a woman. [. . .] We have to always be extraordinary, but somehow we’re always doing it wrong.« Mit dieser Aussage beginnt America Ferreras Monolog in »Barbie«. Sie zählt darin auf, wie schwierig und im Grunde unmöglich es ist, all die paradoxen Herausforderungen zu erfüllen, die an Frauen gestellt werden. Aber niemand – bis auf Barbie selbst – ­wird als Frau geboren. Die Gesellschaft mit ihren Normen und Rollenerwartungen beeinflusst das Selbst- und Fremdbild von Mädchen und Teenagern. Dass sie in ihrer Kindheit, Jugend und Pubertät zwangsläufig andere Erfahrungen machen als Jungen, interessierte das Kino allerdings jahrzehntelang nicht. Das ändert sich allmählich. Molly Manning Walkers »How to Have Sex« oder Catherine Corsinis neuer Film »Rückkehr nach Korsika«, der in Cannes lief und demnächst bei uns ins Kino kommt, sind dafür aktuelle Beispiele: Beide erzählen authentisch und mit komplexen Frauenfiguren im Mittelpunkt davon, wie es ist, als Mädchen oder junge Frau in dieser Welt zurechtzukommen. 

Wie revolutionär das ist, zeigt ein Rückblick in die Genese des Genres, das diesen Lebensabschnitt in den Blick nimmt wie kein anderes: der Coming-of-Age-Film. Das aufgrund seiner schieren Reichweite Stereotype prägende und Diskurse bestimmende US-amerikanische Kino spielte dabei eine wichtige Rolle. Coming-of-Age als Genre lässt sich nicht genau definieren, weist Überschneidungen mit Komödie, Drama oder dem Horrorfilm auf. Es entstand in den frühen 1950er Jahren, als Hollywood eine bis dato unbekannte Zielgruppe für sich entdeckte: Teenager. Damit waren allerdings vor allem junge, weiße Männer an der Schwelle zum Erwachsenwerden gemeint. In frühen Meilensteinen wie »Der Wilde« mit Marlon Brando (1953), . . . »Denn sie wissen nicht, was sie tun« (der James Dean 1955 zum Ruhm katapultierte) oder »Sie küssten und sie schlugen ihn«, mit dem François Truffaut 1959 die Nouvelle Vague mitbegründete, sind adoleszente Männer Motor und Fluchtpunkt der Handlung. 

Männliche Figuren und ihre Konflikte veränderten sich in den folgenden Jahrzehnten, wurden komplexer, sexuell aktiv und tummelten sich in verschiedenen soziokulturellen Milieus. Die Rolle der jungen Frau – ­so sie denn überhaupt vorkam – tangierte das nicht. In »Die Reifeprüfung« von 1967 ist Elaine nur das passive Love Interest von Benjamin Braddock, in »American Graffity« sorgen die Girlfriends der Männerclique für Stress. 1983 inszenierte Francis Ford Coppola…

Der Text ist in Print erschienen in epd film 01/2024 und ist online hier verfügbar: Ganzen Text auf epd film online lesen

Aus sicherer Entfernung

Einleitung zur Essayreihe „Distanzmontage“ im Auftrag der Duisburger Filmwoche 2023

Kollektives Filmerleben wird in Duisburg seit fast 50 Jahren durch anschließende Gespräche in den öffentlichen Raum des Diskussionssaals verlängert, die dort ausgetauschten Seherfahrungen und Gespräche in den Protokollen festgehalten. Die gezeigten Filme wirken so in mehrfacher Hinsicht nach. Seit 2020 ist das Protokoll-Archiv virtuell zugänglich und um einen Blog mit weiteren Texten zum Dokumentarfilm ergänzt worden. Für die aktuelle Textreihe haben wir 2023 Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Filmemacher und -vermittlerinnen eingeladen, dort in der Festivalhistorie nach verbindenden Elementen zu suchen: Zwischen den in Duisburg gezeigten Filmen und den in ihnen und im Anschluss an sie verhandelten Diskursen. Ihre Ausgangspunkte sind – neben den Filmen der 46. Duisburger Filmwoche 2022 – ausführliche Recherchen in unserem Protokoll-Archiv. Ihre Texte erscheinen hier unter dem Titel Distanzmontage.

Der Begriff Distanzmontage geht auf den armenischen Dokumentarfilmregisseur Artavazd Peleschjan zurück. Ihre Besonderheit liegt darin, „daß eine Montageverbindung über Abstände hinweg nicht nur Einzelelemente als solche […] verknüpft, sondern auch […] ganze Elementkomplexe wobei es zu einer Wechselwirkung zwischen einem Prozeß mit einem anderen, ihm kontroversen Prozeß kommt. Dies nenne ich das Blockprinzip der Distanzmontage.“1 Peleschjan geht davon aus, so die Wahrnehmung für das filmische Erleben zu intensivieren. Mit jeder neu hinzukommenden Einstellung soll das zuvor Gesehene neu bewertet, definiert und reflektiert werden. Fast so, als würden wir einen Film mit jeder Szene erneut rekapitulieren und am Ende nochmals rückwärts lesen.

Um eine gedankliche Einkreisung, die im Rückblick bisher Unverbundenes zueinander in Bezug setzt, bemühen sich auch die hier versammelten Texte. Wie bei der Distanzmontage ergibt sich durch die rückwärtige Lektüre eine neue Sicht auf die Filme, aber auch auf Fragen und Diskurse, die darüber hinausweisen.

Michelle Koch denkt über Spannungs- und Machtverhältnisse innerhalb der Konstellation Protagonist:in – Regie – Publikum nach und fragt, wer hier eigentlich das Wort hat. Marion Biet beschreibt, wie sich das Verhältnis von Untertiteln mit und im Bild in den letzten Jahrzehnten verändert hat und streift ebenfalls Fragen der Übersetzung zwischen kulturellem Transfer und bewusster Auslassung. Petra Palmer widmet sich den sozialen Räumen, die Dokumentarfilme abbilden, (re)konstruieren und antizipieren – ästhetisch oder in utopischen Konzepten – und wie sich Menschen darin situieren oder diese subversiv unterlaufen. Ausgehend von der ersten gemeinsamen Konferenz mit unserem Partnerfestival doxs! dokumentarfilme für kinder und jugendliche überlegt Mirjam Baumert, wie Dokumentarfilmen und Kurator:innen ein intergenerationeller Dialog gelingen kann. Oliver Schwabe wendet sich Filmen zu, die das Fernsehen historisieren, untersucht die Mitwirkung des Mediums an meinungsbildenden Prozessen und schildert seine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit TV-Archivmaterial. Fiona Berg schließlich betrachtet, wie Natur als Resonanzraum für die teils romantisierten Sehnsüchte der urbanisierten Gesellschaften inszeniert und vereinnahmt wird, statt sie in ihrem Wert an sich und in ihrer verletzlichen Vergänglichkeit filmisch zu respektieren und zu bewahren.

Die Texte selbst laden dazu ein, die Programmhistorie der Duisburger Filmwoche noch einmal zu rekapitulieren und dabei neue Standpunkte, Diskurse oder schlicht noch ungesehene Dokumentarfilme zu entdecken.

1 Zitiert nach: Norbert M. Schmitz: „Distanzmontage als modernes Kunstprinzip. Artavazd Peleschjans Theorie und Praxis der Montage“ in: montage AV 20/1/2011.

Die Texte der Essayreihe erscheinen sukzessive auf dem Blog der Duisburger Filmwoche und können hier online abgerufen werden.
Als verantwortliche Redakteurin habe ich gemeinsam mit den Verantwortlichen der Filmwoche Themen erarbeitet, Autor*innen gesucht und die Veröffentlichung der Texte betreut.

Alcarràs – Die letzte Ernte (epd Film)

Das Porträt einer Großfamilie fesselt durch die genaue Beobachtung des landwirtschaftlichen Lebens, der familiären Dynamik und ein fantastisches Laienensemble

Pfirsichbäume, so weit das Auge reicht. Wind, der sanft durch Blattwerk raschelt. Regen, der auf das Land hinunterprasselt. Das rot-gelbe Leuchten der reifen Früchte. Immer wieder verweilt der Blick auf der Schönheit dieser Obstplantage in Alcarràs im Nordosten Spaniens. Seit Jahrzehnten werden hier von der Familie Solé Pfirsiche angebaut, gehegt und geerntet. Es ist ein hartes Geschäft für alle Beteiligten und die Existenzgrundlage von drei Generationen. Doch die Tage der Plantage sind gezählt. Der Vater von Opa Roger (Albert Bosch) hatte einst im Spanischen Bürgerkrieg die Großgrundbesitzer versteckt und ihnen so das Leben gerettet. Als Dank dafür wurde das Land damals an die Familie Solé übergeben, per Handschlag. Einen schriftlichen Vertrag gibt es nicht. Jetzt hat der offizielle Grundbesitzer Pinyol neue Pläne und teilt den Solés mit, dass die Plantage nach der letzten Ernte einem Solarpark weichen muss.

»Alcarràs – Die letzte Ernte« gewann überraschend den Goldenen Bären bei der diesjährigen Berlinale. Überraschend deswegen, weil das ausschließlich mit Laien besetzte und langsam erzählte Familienporträt kein kontroverser Film und nur in Ansätzen politisch ist. Das Interesse von Regisseurin Carla Simón richtet sich ganz auf die generationenübergreifende Dynamik der Großfamilie und die landwirtschaftliche Arbeit, was auch den Reiz des Films ausmacht….

Der Text ist erschienen in epd 4/22 oder online in voller Länge lesbar hier.