Fachaufsatz zu Sergej Eisensteins „Oktober“

Die nie überwundenen Barrikaden:
Oktober (1927) als Quelle zur Konstruktion des Mythos der russischen Revolution von 1917
Ein Kanonenschuss ertönt, Schüsse illuminieren die Dunkelheit und hallen durch die Nacht. Die Massen stürmen furchtlos voran, überwinden Barrikaden und dringen weiter Richtung Palast vor, um diesen in einem heroischen Kampf auf Leben und Tod einzunehmen.
Diese berühmte Sequenz der Erstürmung des Winterpalastes aus Sergej Eisensteins Film Oktober – Zehn Tage die die Welt erschütterten, wie der deutsche Titel des Films in Anlehnung an den Erlebnisbericht John Reeds lautet,
lieferte 1927 die Bilderbuchversion einer Revolution. Dass seine Visualisierung des Oktobers 1917 nicht mit den historischen Ereignissen übereinstimmt, darüber ist sich die Geschichtswissenschaft längst einig.
Wird ein Propagandafilm als wahrheitsgetreue Aufzeichnung historischer Ereignisse ausgegeben, finden das die dem Medium Film gegenüber ohnehin schon oft skeptischen professionellen HistorikerInnen natürlich wenig überzeu-
gend, wenn nicht gar lächerlich. Eisensteins Film als bloße Propaganda abzutun und gar nicht erst als historische Quelle in Betracht zu ziehen,wäre jedoch nichtsdestotrotz ein Verlust.
Eine Quelle ist dieser Film indes weniger für den Oktober 1917 in Russland als vielmehr für den historischen Kontext, in dem er entstand. Die Art und Weise, wie die Oktoberrevolution hier inszeniert wurde, gibt Aufschluss darüber, wie dieses Ereignis in der offiziellen Erinnerungskultur tradiert werden sollte, auf welche Art der Mythos einer glorreichen Revolution konstruiert wurde und nicht zuletzt, wie sich die Bolschewiki selbst sahen oder von der Bevölkerung und der Nachwelt wahrgenommen werden wollten…
Den vollständige Text  ist hier erschienen: WerkstattGeschichte 60 (2012)

Sex and the City in Accra: Die Webserie „An African City“

Sadé, Ngozi and Zainab, drei der fünf Protagonistinnen der 2014 gestarteten Webserie „An African City“, sitzen im Restaurant. Ngozi, gläubige Christin und Nesthäkchen der Gruppe, hat ein Blind Date mit drei Männern arrangiert. Der lahm laufende Small Talk kommt auf das Berufliche. Geschäftsfrau Zainab erzählt von einer Präsentation, bei der es auch um den Gebrauch von Kondomen ging. Die Männer sind überrascht: „Why you use condoms? You look clean?“…

Zum vollständigen Text unter: www.missy-magazine.de

Diskussion zu „Rassismus und Sexismus: Intervention“ in Bochum

Seit den Vorfällen, die sich in der Silvesternacht 2015 in Köln ereigneten, ist „nach Köln“ zu einer Chiffre geworden. Wer über sexualisierte Gewalt, Frauenrechte oder allgemein über Feminismus spricht, wird früher oder später mit ihr konfrontiert. Die große Aufmerksamkeit galt und gilt aber nicht den Opfern oder dem Missstand sexualisierter Gewalt an sich. Das mediale Interesse verbiss sich früh in die Herkunft der Täter, Islamkritik und die Angst vor dem „nordafrikanisch aussehenden Mann“. „Besorgte Bürger“, PEGIDA-Anhänger und die AfD, „vor Köln“ nicht gerade für ein modernes Frauenbild bekannt, schrieben sich begeistert Frauenrechte auf die schwarz-rot-goldene Flagge.

Die Zuspitzung der öffentlichen Debatte, die bis heute mit rassistischen Vorurteilen und Diskriminierungen geführt wird, war laut Laura Chlebos von der Initiative Feminismus im Pott der Anlass für die Veranstaltung „Rassismus und Sexismus: Intervention“, organisiert gemeinsam mit der medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum und dem Bahnhof Langendreer.

Ergänzt wird das Podium durch Menschen, die die persönliche Erfahrung von Mehrfachdiskriminierung – etwa als Flüchtlingsfrau, Woman of Color oder Muslimin – gemacht haben. Neben Madeleine Mwamba von „Women in Exile & Friends“ ist Antonia Schui, die sich seit fünf Jahren als solidarische Aktivistin ohne Fluchthintergrund bei den Friends engagiert, eingeladen. Erweitert wird die Runde um Emine Aslan und Hengameh Yaghoobifarah, beide Mitverfasserinnen des Aufrufs #ausnahmslos, der noch im Januar 2016 mit dem Anspruch „Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall.“ veröffentlicht wurde.

Die Instrumentalisierung von sexualisierter Gewalt zur Bestätigung rassistischer Vorurteile einerseits und die kaum thematisierten Übergriffe auf Flüchtlingsfrauen, Women of Color oder Musliminnen andererseits sollen im Kontext der Kölner Debatten diskutiert werden.

Bianca Schmolze von der medizinischen Flüchtlingshilfe, die u.a. psychotherapeutische Hilfe für Flüchtlinge und Folteropfer anbietet, eröffnet die Diskussion schon in der Vorstellungsrunde mit klaren Worten. „Seit der Silvesterdebatte ist uns die Galle hochgekommen. Dass das Asylrecht verschärft worden ist, finden wir eklig“, bezieht sie klar Stellung.

Wut und leidenschaftlicher Wille zu gesellschaftlicher Veränderung sind auch Madeleine Mwamba anzumerken. Die ursprünglich aus Kamerun stammende Aktivistin stellt mithilfe einer Dolmetscherin die Arbeit von Women in Exile dar. Seit 2002 besuchen die Aktivistinnen Flüchtlingsheime und dokumentieren dortige Missstände. Mangelnde Privatsphäre selbst in den sanitären Anlagen oder sexuelle Übergriffe gehören zum Alltag der in den Heimen untergebrachten Frauen.

Berichtet wird darüber kaum, eine breite Empörung wie angesichts der Übergriffe an Silvester scheint gar undenkbar. Die sexuellen Übergriffe, die Flüchtlingsfrauen aus einem Heim in Köln Gremberg im Februar öffentlich gemacht hatten, sind wieder in Vergessenheit geraten. Erkennbare Konsequenzen für die Täter gab es nicht, dafür wurde die Ehrlichkeit der Opfer umso mehr in Frage gestellt.

„Ein öffentlicher Brief, den wir sehr vielen Medien zugespielt haben, wurde meines Wissens nach nirgendwo veröffentlicht“, stellt Antonia Schui resigniert fest. Für Madeleine Mwamba lautet das Ziel von Women in Exile daher nach wie vor: „Keine Lager für Frauen und Kinder! Alle Lager abschaffen! Hört auf, Diskriminierung und Rassismus mit Frauenrechten zu legitimieren.“

Selber Sturm, anderes Boot

Zu einer anderen Gruppe, die sich mit Mehrfachdiskriminierung auskennt, gehört die Aktivistin Emine Aslan, Muslimin ohne Fluchthintergrund. Mit #SchauHin, einer Plattform, die Alltagsrassismus sichtbar machen will und anderen Projekten unterstützt sie junge Muslime und Musliminnen dabei, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Frauen, die einer Ethnie oder Religion angehören, die in Deutschland eine Minderheit ist, sind anders von Rassismus und Sexismus betroffen. „Wir sind im selben Sturm, aber in unterschiedlichen Booten“, veranschaulicht Aslan. „Wir schauen nur hin, wenn ‚weiße‘ Frauen belästigt werden und stellen gleichzeitig die muslimische Community unter Generalverdacht. Die Stimmung wird – auch nach den Terroranschlägen in Paris und Brüssel – ängstlicher. Die Menschen sehen dann auch mich als Teil eines Phantasiekollektivs. Das ist ein Klima, in dem Rassismen legitimer werden.“

Auch abseits von Belästigung oder Gewalterfahrungen erleben muslimische Frauen Sexismus anders. „Ihr beschäftigt euch mit dem Gender Gap beim Gehalt, ich frage mich, ob ich mit meinem Kopftuch überhaupt einen Job bekommen werde“.

Sexualisierte Gewalt an Frauen vor „Köln“

Hengameh Yaghoobifarah, Bloggerin und freie Journalistin u.a. für das Missy Magazine, erweitert die Runde noch um eine weitere Gruppe: alle Frauen, die auch schon vor Köln die Erfahrung sexualisierter Gewalt gemacht haben. „Es ist ja nicht so, als wären wir nicht schon früher mit ungutem Gefühl durch die Straßen gelaufen. Die Bedrohung oder das Gefühl der Angst gab es für Frauen auch davor schon.“

Dass es sich dabei nicht nur um ein Gefühl handelt, bestätigt die Statistik. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland“, die sich auf die erste repräsentative Umfrage zum Thema aus dem Jahr 2003 bezieht, sind Formen sexualisierter Gewalt in Deutschland schon lange weit verbreitet.

13 % der in Deutschland lebenden Frauen sind schon einmal Opfer sexueller Nötigung oder Vergewaltigung geworden, sexuelle Belästigung haben 58 % der Frauen erfahren. Die Umfrage fand nicht nur vor dem Höhepunkt der Migrationsbewegung statt. Die Täter waren mehrheitlich (Ex-)Beziehungspartner, Familienangehörige, Nachbarn oder Kollegen, nicht der „nordafrikanisch aussehende Mann“.

All diese Erfahrungen sind in die zahlreichen Interventionen „nach Köln“ eingeflossen. Aber was bewirken diese letztlich und wie könnte man die Verbindung von Sexismen und Rassismen besser sichtbar machen und bekämpfen?

Antonia Schui appelliert an die Gründung eigener Projekte, während Emine Aslan fordert, dass Aktivistinnen auch realpolitisch wirken sollen: „Wir brauchen professionelle Lobbyarbeit für Feminismus und Antirassismus“. Hengameh Yaghoobifarah rät dazu, das eigene Engagement zu reflektieren. „Ein Turnbeutel mit Refugees Welcome-Logo ist zwar schön, aber was habe ich konkret bewirkt? Geht auf Demos, macht was in politischen Gruppen.“

In der abschließenden Publikumsdiskussion wird die Frage an Emine Aslan gerichtet, was für eine Berichterstattung sie sich nach Köln gewünscht hätte. Sie erwiedert „Ich wünschte, wir hätten die Gelegenheit genutzt, eine Debatte zu führen, die allen Opfern sexualisierter Gewalt Gehör verschafft.“

Trotz des großen Interesses an diesem Abend bleibt der Eindruck, dass hier wieder nur die, die ohnehin einer Meinung sind, miteinander ins Gespräch kommen. Kristin Schwierz vom Bahnhof Langendreer bringt diese Resignation abschließend auf den Punkt: „Die Situation mag deprimierend sein. Aber es hilft ja nichts. Wir müssen gemeinsam weiterkämpfen.“ Für die Sicherheit von Frauen in Deutschland, egal welcher Herkunft, welcher Ethnie oder Religion sie angehören mögen.

Zuerst erschienen auf: www.trailer-ruhr.de

NRW-Wettbewerb der Kurzfilmtage Oberhausen 2016

NRW ist ein weites Bundesland. Knapp 18 Millionen Bewohner finden darin Platz, geografisch streckt es seine Fühler sowohl in die Republik, als auch nach Belgien oder in die Niederlande aus. Es beinhaltet mit dem Ballungsraum der Rhein-Ruhr-Region eine der größten Metropolregionen der Welt und 29 von 77 Großstädten Deutschlands. Wenig verwunderlich, dass die Kultur- und auch die Filmszene hier äußert vital und vielseitig ist.

Im NRW-Wettbewerb konkurrierten 2016 zwölf in Sujet, Genre und Ästhetik sehr unterschiedliche Werke um die Preise. Zwei Preise vergab die Jury (bestehend aus Florian Deterding, Leiter der Düsseldorfer Black Box, Andreas Heidenreich, Vorsitzender des Bundesverbands kommunale Filmarbeit und der Kuratorin Sylke Gottlebe), den Publikumspreis kürte die West ART-Zuschauerjury.

Zu der Kategorie der im weitesten Sinne dokumentarischen Filme zählte „Erfrischt einzigartig“ von dem in Dortmund lebenden Kameramann und Filmemacher Johannes Klais. Neben Trinkhallen sind auch Kaugummiautomaten ein aussterbendes Markenzeichen des Ruhrgebiets, denen Klais in seinem Film nachspürt. Dabei streift er Themen wie die soziale Verödung von Innenstädten und ganzer Stadtviertel durch den Abbau von Arbeitsplätzen und Verdrängung von Einzelhändlern, bis nur noch der Metzger übrig ist und von der guten, alten Zeit erzählt. Ein Film mit sympathischem Galgenhumor, bei dem Assoziationen an die Oberhausener Marktstraße leider nicht abwegig sind.

Ebenfalls sozialkritisch, aber filmisch weniger puristisch ist „Ein Aus Weg“ von Simon Steinhorst und Hannah Lotte Stragholz. Von einem Seelsorger in einer JVA befragt, erzählt der Kleinkriminelle Alex K. von seinem Leben zwischen Normalität und Drogendelikten. „Ich mache halt, was ich gut kann und das ist klauen“ berichtet er nüchtern, schwärmt aber auch von seiner Freundin und  träumt von einem Leben jenseits der Gitterstäbe. Im Kontrast zu der sachlichen Dialogebene stehen die farbenfrohen und teilweise verträumten Animationen von Hannah Lotte Stragholz. Die West ART-Zuschauerjury vergab dafür einen mit 750 Euro dotierten Preis.

Auch der Förderpreis im NRW-Wettbewerb und 500 Euro Preisgeld gingen an einen animierten Film. In „Das Leben ist hart“ bringt Regisseur Simon Schnellmann mit simplen Strichen diese Weisheit auf den Punkt. In fünf sketchartigen Episoden trifft er mit einfachsten Mitteln den Humor des Publikums, auch wenn einige danach niemals wieder arglos an einem Eis lecken werden.
Aber auch die animierte Fabel „Ginko & Kinko“ von Jie Lu, die schon 2012 mit dem surrealistisch angehauchten „Ein Schuh geht barfuss“ in Oberhausen zu Gast war, berührte den Bertachter. In schattenspielartigen Bildern in Schwarz und Rottönen erzählt die gebürtige Chinesin Lu von dem alten Ginko und seinem Sohn Kinko und zeigt, dass Glück und Unglück oft nah beieinander liegen.
Überzeugen konnten wie so oft im NRW-Wettbewerb aber auch die narrativen Werke mit Spielfilmcharakter. Momentaufnahmen einer Coming of Age-Story am Ende eines Schweizer Sommers zeigt „J’ai tout donné au soleil sauf mon ombre“ (I Gave Everything to the Sun, Except My Shadow) von Valérie Anex und Christian Johannes Koch. Eine junge Frau hinterfragt ihre Beziehung: Ist es Liebe? Oder nur Sex? Sprachlosigkeit statt offenbarter Gefühle drücken sich in kunstvoll komponierten und dennoch intimen Bildern aus, über die sich eine Ahnung von Abschied und Aufbruch legt.

Erzählerisch stark ist auch Christian Beckers und Oliver Schwabes „Der Bruder“. Eine leer stehende Kaserne auf dem platten Land. Ein Mädchen versteckt sich und ihren autistischen Bruder. Warum und wie lange schon, weiß niemand. Ein Vater sucht beide, eine Polizistin findet sie. Während er sich mit der neuen Situation arrangiert und barfüßig seine neue Umgebung erkundet, liegt in ihrem krampfhaft Normalität suggerierendem Verhalten eine schwere Last. Wovor ist sie weggelaufen? Warum hat sie ihn mitgenommen? Wie soll es weiter gehen? Diese Zeitblase der Ungewissheit platzt mit einem unerwarteten Ende auf.

Atmosphärische Bilder aus der Provinz Westfalen um 1873 generiert „Der einsame Hof“ von Christian Zipfel. Eine Viehherde wird geklaut, eine Tochter geschwängert und die Ernte verdirbt. Das alles in westfälischer Mundart in Schwarz-Weiß-Bildern voller Verzweiflung und ohne Happy End. Schlimmer kann es den Pilgervätern Amerikas auch nicht ergangen sein.

Den mit 1.000 Euro dotierten Preis für den besten Beitrag des NRW-Wettbewerbs vergab die Jury mit „Ocean Hill Drive“ von Miriam Gossing und Lina Sieckmann aber an eine experimentelle Arbeit, produziert von der KHM Köln. Eine Frauenstimme aus dem Off führt uns durch ihr Haus in Massachusetts und durch die Umgebung. Die eingerichteten Räume voller persönlicher Dinge sind menschenleer und auch ein Flickereffekt stört immer wieder das Bild, die Szenerie wirkt unheimlich. Doch kein Geist oder ein anderes übernatürliches Phänomen ist dafür verantwortlich, sondern eine falsch installierte Windkraftanlage. In der Begründung lobte die Jury Film und Macherinnen für den „Sog, der die Spannung zwischen Surrealistischem und Dokumentarischem hält“ und für die „Aussagekraft ihrer Bilder, die eine feinsinnige Verbindung mit der Tonebene eingehen“.

Die beiden Programme des NRW-Wettbewerbs, seit 2009 Bestandteil der Kurzfilmtage Oberhausen, sind mittlerweile kein Geheimtipp mehr. So sieht es auch Juror Andreas Heidenreich, der 2016 zum zweiten Mal Teil der insgesamt drei Jahre amtierenden Jury war. „Man hat sich inzwischen an das durchweg hohe Niveau im NRW-Wettbewerb gewöhnt“, sagte er im Rahmen der Preisverleihung am 10.5. in der Lichtburg Oberhausen. Eine Aussage, die für Jury und Publikum gleichermaßen gilt.

Woody Allen zum 80. Geburtstag

Woody Allen
*1.12.1935

„Ich will nie einem Club angehören, der einen wie mich als Mitglied aufnimmt.“ Dieser Satz aus der Eröffnungssequenz von Der Stadtneurotiker charakterisiert Woody Allens Haltung zum Business Hollywood. Als er 1978 dafür mit vier Oscars ausgezeichnet wird, spielt er wie jeden Montag in seinem Stammpub Klarinette. Hollywood ist auch künstlerisch kein Vorbild. Er orientiert sich an europäischen Vorbildern. Mit Innenleben, September oder Eine andere Frau liefert er Charakterstudien mit Großaufnahmen von sprachlosen Figuren in verstörenden (Bild)räumen voller Leere, bei Letzterem arbeitet er mit Sven Nykvist zusammen, dem Kameramann seines Favoriten Ingmar Bergman.

Harry außer sich experimentiert mit Jump Cuts und dekonstruktivistischer Formsprache, inspiriert durch die russische Avantgarde. Mit Stardust Memories zollt er Federico Fellini Respekt. Sein schönster Schwarzweiß-Film ist aber Manhattan.  Eine Ode an den Big Appel, eröffnet durch urbane Impressionen, untermalt von George Gershwins rhapsodischen Klängen. New York war seine Stadt, blieb es aber nicht immer. Allen Steward Konigsberg, so der bürgerliche Name Allens, wurde 1935 in der Bronx geboren. Mit 16 Jahren bessert er sein Taschengeld als Gagschreiber auf, entwickelt als Stand up-Comedian seine Paraderolle als neurotischer, tollpatschiger Intellektueller, verfasst Theaterstücke und erlangt mit Bananas, Der Schläfer oder der Posse Was sie schon immer über Sex wissen wollten in den 1970er Jahren ein Renommee als Macher schräger Slapstickstreifen.

Die letzte Nacht des Boris Gruschenko ist erstmals auch von einem düsteren, melancholischen Grundton durchwirkt, der Allens Schaffen bis in die 1980er dominiert. Der Stadtneurotiker, seine erste Zusammenarbeit mit Kameramann Gordon Willis, lebt von einer völlig neuen bildästhetischen und narrativen Form. Darsteller wenden sich direkt an den Zuschauer, heimliche Gedanken werden während eines Gesprächs als Untertitel eingeblendet.

An einer Stelle zerrt Alvy Singer, wieder gespielt von Allen selbst, Medientheoretiker Marshall McLuhan hinter einer Wand hervor. Mit Zelig, Hannah und ihre Schwestern und Verbrechen und andere Kleinigkeiten wendet er sich wieder Elementen der Komödie zu und brilliert mit Beziehungs-geschichten. Männer und Frauen – dieses Thema ist der rote Faden, der sich durch alle seine Werke zieht.

Die 1990er sind eher eine lockere Phase in Allens Oeuvre. Trotz Mord (Manhattan Murder Mystery), Dramatik mit einem griechischem Chor (Geliebte Aphrodite) oder Hollywood-Satire (Celebtrity) sind die Filme in dieser Zeit leicht, ohne aber seicht zu sein. Danach verschlägt es Allen nach London, wo er 2005 mit Match Point seinen ersten Thriller und komplett ernsten Film verwirklicht, der von Publikum und Kritik gleichermaßen bejubelt wird. Filmisch verweilt er dort, bevor er den Rest Europas für sich entdeckt.

Er inszeniert einen flotten Dreier in Barcelona, feiert die Roaring Twenties um Mitternacht in Paris und sendet Liebesgrüße aus der ewigen Stadt. Zwischendurch platziert er sein zynischstes und gleichzeitig lebensbejahendstes Werk Whatever Works, wo er Seinfeld-Schöpfer Larry David seine Rolle einnimmt.

Mehr als 40 Filme hat er bis jetzt gemacht, bei der Mehrzahl ist er Regisseur, Drehbuchautor und Darsteller in Personalunion und ist damit eine der produktivsten Persönlichkeiten der Filmgeschichte. Doch Allen bleibt bescheiden, dreht hoffentlich auch mit über 80 Jahren noch jedes Jahr einen weiteren Film und spielt jeden Montag Klarinette.

Erschienen in:  Werner / Bothmann, Nils (Hrsg.): Schüren Filmkalender 2015, Schüren Verlag 2014.

Interview mit Lars Henrik Gass, Festivalleiter der Kurzfilmtage Oberhausen (2016)

Maxi Braun: Herr Gass, Sie sind seit fast 20 Jahren Festivalleiter der Oberhausener Kurzfilmtage. Wird es langsam langweilig?
Lars Henrik Gass: Mir nicht. Es sind ja auch jedes Jahr andere Filme und im Gegensatz zum Langfilm ist die Szene viel stärker in Bewegung. Man hat es in den Wettbewerben jedes Jahr zu 50 % mit Menschen zu tun, von denen man vorher noch nie etwas gehört hat. Das hält uns auch selbst jung.

Wie haben sich in den letzten 20 Jahren die Herausforderungen an Festivals insgesamt verändert?
Sehr stark und auf mehreren Ebenen. Zum einen sind da die technischen Herausforderungen, da müssen wir Schritt halten mit der Entwicklung. Wir haben vor Jahren die Online-Einreich-Plattform reelport.com eingerichtet, die mittlerweile unabhängig ist, aber noch immer unsere Online-Einreichungen verwaltet.
Zum anderen hat sich das Freizeitverhalten, auch durch die Digitalisierung, verändert. Die Menschen sind es gewohnt, Angebote im Internet wahrzunehmen und sie bewegen sich nicht mehr so gerne vor die Tür. Wir haben daher versucht, die Qualitäten einer Live-Erfahrung durch bestimmte Maßnahmen zu stärken. Wir merken, dass wir heute weitaus mehr tun müssen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Es reicht heute einfach nicht mehr, ein Festivalmagazin auszulegen. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass sowas im Überangebot von Freizeitaktivitäten unterzugehen droht. Man muss sich schon im Vorfeld der Veranstaltung Gedanken machen, wie man Zielgruppen erreicht, diese pflegt und wer überhaupt Zielgruppe sein könnte. Das beschäftigt uns vielmehr als noch vor 20 Jahren. Wir arbeiten im Team aber auch schon fast genauso lange zusammen und das führt zu einem gemeinsamen Lernprozess. Das schärft die Sinne, wir schauen genauer hin und können Dinge besser verändern. Für Festivals besteht aber nach wie vor eine realistische Perspektive auf dem Freizeitmarkt zu bestehen, sofern sie ihre sinnlichen Qualitäten weiterentwickeln und stärken, statt diese abzubauen.

Gibt es besondere Herausforderungen für die Kurzfilmtage?
Die Kurzfilmtage stehen nach 60 Jahren in einer völlig anderen Tradition. In den 50er Jahren war noch nicht einmal das Fernsehen verbreitet, geschweige denn dass jemand an etwas wie das Internet gedacht hat. Es gab zu diesem Zeitpunkt außer Oberhausen deutschlandweit nur zwei weitere Filmfestivals, in Berlin und Mannheim. Im Bereich des Kurzfilms hatte Oberhausen eine Alleinstellung, was nicht mehr der Fall ist. Heute muss man sich genau überlegen, wie man sich von „Mitbewerbern“ unterscheidet. Das habe ich aber nie als Druck erlebt sondern als Chance, besser zu verstehen, was wir hier tun.

Was sind denn die die sinnlichen Qualitäten eines Festivals, speziell in Oberhausen?
Das verbinde ich jetzt nicht unmittelbar mit der Stadt sondern mit der Frage, wie etwas präsentiert wird. Das beginnt schon mit den Gedanken, die man sich über die Haptik der Druckerzeugnisse macht. Indem man sich zum Beispiel fragt, wie sich der Katalog anfühlt. Das ist eine sehr bewusste Entscheidung, die auch immer mit der Geschichte der Gegend und mit der Stahlproduktion zusammenhängt. Es macht eine bestimmte Ästhetik erforderlich und formt unsere Identität. Sinnliche Qualität bezieht sich auch auf die Projektion und die Performance, auf deren Qualität wir sehr viel Wert legen. Alles soll auf der Leinwand möglichst schön und gut aussehen, damit es dann auch eine Alternative dazu ist, sich einen Film auf einem Smartphone anzuschauen.
Hinzu kommt der soziale und kollektive Aspekt. Es ist interessanter, sich gemeinsam mit anderen Menschen Filme anzusehen. Und zwar nicht mit fünf anderen im kommunalen Kino, sondern mit 400 Zuschauern, die alle sehr leidenschaftliche Reaktionen auf etwas zeigen. Das ist eine besondere Erfahrung, die man Zuhause nicht machen kann.
Außerdem machen wir vieles, was man im Internet oder auch im Team nicht nachstellen kann. Das geht bei Diskussionen los, über Live-Veranstaltungen, Performances und Lesungen bis hin zum Barbesuch am Abend wo Musik gespielt wird. Das ist für mich auch ein energetischer Raum, eine Gemengelage aus ganz unterschiedlichen Sinneseindrücken, die auch intellektuelle Impulse bietet. Alles zusammen ergibt dann eine Erfahrung, die man hier erleben kann, wenn man sich dem über einen gewissen Zeitraum auch aussetzt.

Das gilt auch für Langfilmfestival. Was kann denn der Kurzfilm besser als der Langfilm?
Der Kurzfilm hat leider einen kleinen Marktnachteil in 99 % der Fälle, weil er nicht mit großen Namen aufwartet. Das ist aber auch ein Vorteil. Die Konventionen und der Druck des sogenannten Filmmarkts lasten nicht auf dem Kurzfilm. In ihm kann sich deshalb die kinematographische Sprache immer wieder freier erneuern.
Natürlich gibt es auch im Kurzfilm Konventionen und Leute die versuchen, sich in 15 Minuten für den nächsten Tatort zu qualifizieren. Das geht auch in Ordnung, aber ist nicht unbedingt das, was wir hier zeigen müssten. Ein anderer Vorteil des Kurzfilms ist, dass man ihn interessant programmieren kann. Wenn ich mir einen Langfilm anschaue, egal welchen Genres, ob Doku oder Spielfilm, habe ich in 90 Minuten einen bestimmten Entwurf, mit dem ich als Zuschauer klarkomme oder eben nicht. In einem Kurzfilmprogramm bin ich mit ganz unterschiedlichen kulturellen Fragestellungen und Sichtweisen verschiedener Geschlechter beschäftigt. Wir versuchen in der Regel, auch wenn es nicht immer gelingt, die Programme so zu bauen, dass diese Erfahrung möglich wird und das ganze Programm dann auch wiederum als Einheit erlebt werden kann. Auch wenn die Filme nie so gedacht waren, dass sie als Einheit gezeigt werden.

Kuratieren Sie die Programme also bewusst als ästhetische, geografische oder thematische Einheit?
Ich würde das nicht als kuratieren bezeichnen, der Begriff wird zu inflationär gebraucht. Wir achten lediglich darauf, dass sich die Filme nicht gegenseitig Schaden zufügen sondern ihren eigenen Raum entfalten können. Anders als es oft bei der kuratorischen Praxis der Fall ist, geht es uns nicht darum, selbst eine künstlerische Handschrift erkennbar werden zu lassen. Unser Ziel ist es, die künstlerische Handschrift der Filme unverstellt erleben zu können.

Die Kurfilmtage zeigen 550 Filme, mehr als auf der Berlinale gezeigt werden…
…in der Hälfte der Zeit!

Wie findet man sich da als Besucher am besten zurecht?
So ein Festival ist ein gefährlicher Ort. Es besteht immer die Möglichkeit eines Missgriffs. Gerade auf einem Festival wie unserem, bei dem die Zuschauer wenig Orientierung haben. Auf Langfilmfestivals kennt man meist wenigstens die Schauspieler oder Filmemacher. Das ist bei uns in der Regel nicht der Fall. Der Zuschauer ist bei uns relativ verloren und auf dieses Risiko muss man sich schon einlassen. Es gibt aber Hilfestellungen. Wer sich beispielsweise für Musik interessiert, schaut sich die MuVi-Sektion an. Bei Interesse für verschiedene Regionen kann man sich, zum Beispiel anhand des Katalogs, ebenfalls gut orientieren. Aber ein Risiko bleibt es trotzdem. Bei einem Festival dieser Größenordnung kommt hinzu, dass man ein gewisses Spektrum des Publikums abdecken will. Innerhalb des spezialisierten Fachpublikums gibt es schon viele divergente Ansprüche: von dezidiert künstlerischen bis zu dem Wunsch, Filme auch für Kinder auswerten zu können. Aber auch das breite Publikum kommt mit für uns schwer kalkulierbaren Interessen.

Das Thema beschäftigt sich diesmal unter dem Motto „El pueblo“ mit dem lateinamerikanischen Film. Worum geht es?
Zu dem Begriff „el pueblo“: Wir behalten den Begriff im spanischen Original bei, weil er eine physische Einheit von der kleinsten Hütte über größere soziale Gruppen bis hin zum ganzen Volk umfasst. Dafür gibt es im Deutschen keine Analogie. Der Begriff des Volkes ist in Lateinamerika nicht so vorbelastet wie bei uns. Aber auch hierzulande gibt es eine längere Begriffsgeschichte über das Dritte Reich hinaus. Zum Beispiel als Ruf bei Demonstrationen in der DDR vor dem Fall der Mauer, aber in jüngerer Vergangenheit auch in rechtspopulistischer Umdeutung, wenn der Ausruf „Wir sind das Volk“ vor Asylbewerberheimen rassistisch vereinnahmt wird.
Im Begriff „el pueblo“ schwingen viele Bedeutungen mit. Was uns dabei interessiert ist eine Begriffsschärfung: Wer betrachtet sich unter welchen Umständen eigentlich als Volk und transportiert das auch?

Gibt es den lateinamerikanischen Film denn überhaupt?
Das ist eine völlig berechtigte Frage. Das wäre so, als würde man von dem europäischen Film sprechen. In Lateinamerika waren anders als in Europa in den späten 60er bis in die 80er Jahre fast durchweg Militärdiktaturen an der Macht, die das Volk unterdrückt haben. Im Grunde sprechen wir über post-diktatorische Gesellschaften, die eine traumatisierende Erfahrung verbindet, die verarbeitet werden muss. Auch im künstlerischen Bereich wurden darauf Antworten gefunden und daher unterscheidet sich in Filmen aus Lateinamerika auch die Ästhetik und die Art, wie über politische Themen nachgedacht wird, stark von unserer eigenen.
Man darf aber nicht vergessen, dass es in Europa auch vor dem Dritten Reich faschistische Regime in Ungarn oder Italien gab. Im Grunde kann man vielleicht doch über diesen historischen Zeitpunkt nach 1945 in Europa ähnliches sagen. Der neorealistische Film ist ja auch eine Reaktion gewesen auf das Vierteljahrhundert der Diktaturen in Europa.

Gibt es auch neue Sektionen bei der 62. Ausgabe?
Die „Positionen“ sind neu und reflektieren zweierlei. Erstens die über die Jahre entwickelte Fragestellung, wie Film und Kunst in ein Verhältnis treten und welchen Platz die Kurzfilmtage dabei einnehmen wollen. Wir sind nicht Teil des Kunstbetriebs, sondern nehmen eine Beobachterrolle ein. Zum anderen interessiert bei dieser Sektion die Frage, welche Kriterien bei der Präsentation von Filmen im Kunstbetrieb – im Bereich der Privatgalerie, des öffentlichen Museums und der Privatsammlung – angewandt werden. Diese Bereiche wollen wir in Resonanz zueinander bringen. Deshalb werden die Programme dieser Sektion auch alle an einem Tag gezeigt, damit eine kritische Auseinandersetzung darüber entsteht, wie diese filmischen Arbeiten präsentiert werden. Ob und wie das funktioniert, vermag ich noch nicht zu sagen.

Wie wird das praktisch aussehen?
Dort werden Werke bzw. Ausschnitte aus den Beständen und Sammlungen gezeigt, wobei die Kuratoren durchaus frei sind in der Art und Weise, wie sie etwas präsentieren. Man kann sich das eher wie einen Vortrag mit Filmbeispielen vorstellen.

Der Anteil von Filmemacherinnen beträgt bei den Kurzfilmtagen 50%. Ist das das Resultat einer internen Frauenquote oder Zufall?
Das ist reiner Zufall. Bevor wir eine Auswahl in den Wettbewerben festlegen, diskutieren wir auch solche Aspekte. Sollte es so sein – was nicht der Fall war – dass Frauen massiv unterrepräsentiert wären, dann würden wir möglicherweise eingreifen und die Auswahl nochmal hinterfragen. Das war aber gar nicht nötig.
Ich selbst bin kein Anhänger der Frauenquote aus mehreren Gründen, auch wenn es als Mann schwierig ist darüber zu sprechen. Da wir überhaupt keine Mühe haben, gute Filme von Frauen zu finden, verstehe ich auch nicht, wo das Problem ist. Ich kenne außerdem eine Menge Frauen, die auch im Langfilm beachtliche Erfolge feiern. Zum Beispiel Andrea Arnold. Sie war jetzt wieder in Cannes und wir hatten sie gleich zweimal im Wettbewerb. Auch international setzen sich also Frauen durch, aus Gründen die ich und vielleicht auch sonst niemand kennt. Das über eine Quote zu regeln finde ich schwierig, denn es hat letztlich mit künstlerischem Vermögen zu tun. Das ist etwas anderes, als wenn es um Vorstandsposten geht.

Zuerst erschienen in: trailer 05/16, online unter: www.trailer-ruhr.de

„Perspective Daily“ bietet konstruktiven Netz-Journalismus (Portrait)

Die Welt ist noch zu retten

Medien sind – und das nicht erst seit dem Digitalzeitalter – unser Zugang zu Informationen und somit zu der Welt, die uns umgibt. Die Art, wie und worüber sie berichten, prägt das Bild mit, das wir uns von der Welt, der Gesellschaft und unserer eigenen Position darin machen.

Wer eine Nachrichtensendung einschaltet oder Zeitung liest, kennt das Gefühl: Terroranschlag, Flutkatastrophe, Waldbrand, Unfälle und Krieg sind uns zur Gewohnheit geworden. Für die komplexen Probleme unserer Zeit scheint es keine Lösungen mehr zu geben. Daraus folgt nicht selten ein Gefühl der Ohnmacht, die wiederum in Resignation mündet. Warum also nicht einfach mit K.I.Z.s „Wir sitzen im Atomschutzbunker, Hurra, diese Welt geht unter“ auf den Lippen der unabwendbaren Apokalypse harren?

Dieser „erlernten Hilflosigkeit“, ein aus der Psychologie entlehnter Begriff zur Erklärung depressiver Erkrankungen, möchte das Gründer-Trio von „Perspective Daily“ etwas entgegensetzen. Maren Urner und Bernhard Eickenberg kennen sich bereits seit der Schulzeit, der gebürtige Niederländer Han Langeslag stieß 2007 dazu. Mit ihrem Crowdfunding Projekt wollen die drei promovierten Naturwissenschaftler das erste deutsche Online-Medium für Konstruktiven Journalismus starten.

„Von der Idee bis zur 180°-Wendung von der Wissenschaft zum Journalismus war es ein längerer Prozess“, erklärt Han Langeslag, der wie die beiden anderen Gründungsmitglieder nicht mehr in der Forschung tätig ist, sondern sich vollständig auf das Projekt konzentriert. „Der Konstruktive Journalismus ist mittlerweile eine internationale Bewegung und vor kurzem wurde der erste Lehrstuhl für das Thema in den Niederlanden besetzt. In Deutschland fehlt es bisher an einer Stimme, die Mut macht und die Menschen aktiv dazu auffordert, in die Debatte einzusteigen“.

Bereits erfolgreiche Projekte im Ausland, z.B. De Correspondent in den Niederlanden, das Constructive Journalism Project und Positive News in Großbritannien oder das Solutions Journalism Network in den USA dienten dabei als Inspiration.

Angelehnt ist das Konzept an die Positive Psychologie. Diese formierte sich seit den 1980er Jahren als Gegenpol zur auf Defizite gerichteten Psychologie, analysiert auch Gefühle wie Glück und Optimismus. Mit Themen wie Flüchtlingssituation, Klimawandel, Islamismus und EU-Zusammenhalt auf der Agenda von Perspective Daily ist klar, dass der Fokus nicht auf positive Nachrichten verengt werden soll. Probleme sollen sichtbar gemacht und klar benannt, aber nicht als gegeben und unumkehrbar dargestellt werden. Im Aufzeigen neuer Perspektiven und der lösungsorientierten Berichterstattung liegt der Hauptunterschied zum klassischen Journalismus.

Angst vor Fachjargon und Schachtelsätzen müssen die LeserInnen nicht haben. „Die Artikel richten sich an Menschen, die mitdenken. Wissenschaftliche Themen wie z.B. die Energiewende werden herunter gebrochen, so dass sie auch ohne Vorkenntnisse verständlich sind. Wir wollen die Leser bei der Hand nehmen“, ermuntert Han Langeslag künftige LeserInnen und Mitglieder.

Diese Art der Berichterstattung erfordert genau wie die klassische Berichterstattung das journalistische Handwerkszeug. Gründliche, investigative Recherche soll den Artikeln auf Perspective Daily ebenso als Basis dienen wie Forschungsergebnisse oder soziologische Studien. Nah an der wissenschaftlichen Arbeitsweise ist dazu der Anspruch, eine uneindeutige Datenlage oder sich widersprechende Fakten auch als solche transparent zu machen.

Perspektive Daily will und kann so keine sich im Sekundentakt aktualisierende Nachrichtenseite sein. Angepeilt ist mit einem gründlich recherchierten Artikel pro Tag dennoch ein ambitioniertes Ziel, das ab Mitte April 2016 verwirklicht werden soll. Unterstützt werden die GründerInnen dabei von bereits ausgewählten GastautorInnen wie Glücksforscherin Ute Scheub oder Nahost- und Islamismusexperte Dr. Guido Steinberg. Kontakte zu und weitere Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen und NGOs gehören genauso zum Konzept wie prominente Unterstützung von u.a. der Berliner Schauspielerin Nora Tschirner und Gesine Schwan.

Nachtrag 03.01.2017: Webpräsenz von Perspective Daily.7

Zuerst erschienen unter: www.trailer-ruhr.de

Navid Kermani liest aus „Ungläubiges Staunen“ in Bochum

Wenn ein evangelischer Pfarrer einen Muslim einlädt, um in einer auch profan genutzten Kirche über katholische Bildwelten zu sprechen, ist das ungewöhnlich. Wenn der geladene Gast auch noch Navid Kermani ist, passt dann aber doch alles zusammen.

Schwelgend stellt Pfarrer Arno Lohmann, Leiter der evangelischen Stadtakademie Bochum, den Autor vor: Habilitierter Orientalist, gewürdigt mit zahlreichen Auszeichnungen für sein literarisches und kulturelles Schaffen (zuletzt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels) und Engagement für den interreligiösen und interkulturellen Dialog zwischen Europa und der islamischen Welt.

Mit dem Juristen, Kulturwissenschaftler und Goethe-Kenner Dr. Manfred Osten, der in diplomatischer Mission u.a. in Kamerun und im Tschad und fast eine Dekade als Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung tätig war, steht Kermani ein nicht minder kompetenter Gesprächspartner zur Seite.

Leichtfüßig und unterhaltsam

Unbeeindruckt von diesen Verdiensten entwickelt sich die Lesung leichtfüßig und unterhaltsam. In „Ungläubiges Staunen“ setzt sich Navid Kermani mit christlichen Bildwelten auseinander. Der Ansatz ist kein intellektuell-kunsthistorischer, sondern gründet in der Überwältigung und Faszination angesichts von Meisterwerken christlicher Motivik in der Malerei und Sakralarchitektur.

Vor der mehr als zur Hälfte gefüllten Christuskirche Bochum liest Kermani seine Kapitel zu den Themen Liebe und Lust, während er die dazugehörigen Bilder mittels Beamer zeigt. So, wie er von Farbe und Licht in El Grecos „Abschied Christi von Maria“ schwärmt oder seine Sprach- und Atemlosigkeit vor dem Gerhard Richter-Fenster im Kölner Dom schildert,  scheint Liebe der passende Leitfaden.

Doch dabei bleibt es nicht. In El Grecos Werk fällt ihm ein „komisches Schmachten“ auf, das so gar nicht zu der Mutter-Sohn-Beziehung passen will, in Caravaggios „Die Opferung Isaaks“ erkennt er im Vater den „Hausmeister Gottes“ und im Kölner Dom sieht er eher eine Menschenleistung: „Der Dom preist nicht Gott, son­dern die Köl­ner. Ich mag, das, nicht nur als Kölner.“

Die gelesenen Kapitel verraten, wie genussvoll störrisch Kermani in „Ungläubiges Staunen“ seine subjektive Analyse ausbreitet, augenzwinkernd frech, ausdrücklich gegen die kanonische Lesart, aber niemals beleidigend. Dieser Respekt vor der anderen, fremden Religion, macht ihn wie von Manfred Osten angekündigt zu einem „synoptischen Brückenbauer“. Die Christuskirche, vor der am 11.12. der Platz des europäischen Versprechens“ eröffnet wird, ist dafür ein würdiger Ort.

Dabei kann es aber auch an diesem Abend nicht bleiben. Schon lange vor Pegida, Paris und Europas Eintritt in den Krieg gegen den Terror des IS hat der Gottesglaube seine Unschuld verloren. Kermani selbst ist zu wach und kritisch gegenüber seiner eigenen Religion, als dass er dieses Thema meiden würde. Die kurzen Exkurse zwischen den vier vorgetragenen Abschnitten aus seinem Buch streifen auch ernste Themenfelder.

Islam und Islamismus

Da geht es um den Unterscheid zwischen der Theologie und sinnlich erfahrbarer Religiosität, die Körperfeindlichkeit des Christentums und um Islam und Islamismus. Auch hier zeigt sich Kermani als wacher Denker, der mit beiden Welten bis in Details vertraut ist.

Die wörtliche, gewalttätige Auslegung des Korans sei kein Problem der Orthodoxie, sondern eine Reaktion der Muslime auf die Schwäche und Unfähigkeit ihrer religiösen Lehrer, Antworten auf die Herausforderungen der Moderne zu finden. Mehrfach betont Kermani, dass Theologie dazu da wäre, das nicht Erklärbare zu erklären und nicht mit der sinnlich erfahrbaren Religion identisch sei.

Der Koran, so Kermani weiter, sei „ein liturgischer Text“ und kein Text an sich. Die martialische Lesart des Koran durch islamistische Terroristen sei somit auch keine Besinnung auf, sondern der Verlust der Tradition, die die Rezitation der Suren während des Gebets und nicht deren wörtliche Umsetzung fordert. „Es käme ja auch niemand auf die Idee, eine Partitur einfach vorzulesen ohne Musik. Wie die Partitur wird der Koran erst durch Gesang zum Text“, veranschaulicht Kermani. In diesem Kontext erlaubt sich der Optimist eine pessimistische Aussage „Der Glaube, dass Geschichte immer nach vorne geht und sich weiterentwickelt, wurde schon zu oft widerlegt. Ich glaube eher, sie verläuft zyklisch.“

Schlusspointe

Als es um „die ungeübten Knutscher“ in Giottos „Joachim und Anne“ und um Lust als Facette der Liebe geht, schließt die Lesung humorvoll ab. Der Auor beschreibt den ungewöhnlich leidenschaftlichen Kuss des älteren Paares, das das Strohfeuer der Jugendliebe überdauert hat. Lust und Sexualität beschäftigen Kermani. Denn aufgewachsen im protestantischen Siegen nahm er die Protestanten als „gute, aber nicht schöne Menschen“ wahr, bei denen er an „Nächstenliebe, nie an Sex“ dachte. Evangelische Kirchentage beschreibt er als „die unerotischste Veranstaltung“ seines Lebens. Die Begeisterung für alles Wolllüstige habe ihm aber nicht Körperfeindlichkeit des Christentums, sondern erst die allgegenwärtige Pornografie ausgetrieben, wo „alle alles, an allen Orten“ treiben.

Nach der Lesung signiert Kermani geduldig, bis keine Exemplare der mitgebrachten Bücher mehr übrig sind. Er schüttelt Hände und nimmt Bekundungen wie „Ich danke Ihnen, gut, dass es sie gibt!“ sichtlich errötend zur Kenntnis. Würden wir wie Kermani dem Fremden, dem jeweils Andern so offen und neugierig begegnen, ohne die Überzeugung, alles besser zu wissen – die Welt wäre eine andere. Der ökumenische Blick und die Horizonterweiterung, wie sie Manfred Osten eingangs ankündigte, sind zumindest an diesem Abend geglückt.

 Zuerst erschienen unter: www.trailer-ruhr.de

Es kann nicht nur den Einen geben (Leitartikel zum Thema Islam)

„Der Islam gehört zu Deutschland“. Was Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2010 sagte, wiederholte Angela Merkel im Januar 2015 bei einer Kundgebung gegen islamistischen Terror, als Reaktion auf den Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Aber diese Aussage ist unsinnig. Den Islam gibt es weder in Deutschland, noch sonst irgendwo. Der Islam fächert sich in verschiedene, einander teilweise spinnefeind gegenüberstehende Glaubensrichtungen und Subbewegungen auf. Das gilt nicht nur global, sondern auch für Deutschland. Selbst herunter gebrochen auf NRW, wo die Mehrheit der Muslime in Deutschland lebt, kann von „dem“ Islam nicht die Rede sein. Das deutsche Allgemeinwissen rund um den Glauben, zu dem sich weltweit etwa rund 1,5 Milliarden Menschen bekennen, wabert irgendwo zwischen den exotischen Märchen von 1001 Nacht und den Enthauptungsvideos des IS.

Wie komplex sich der Islam hierzulande präsentiert, verdeutlicht die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ von 2008. Von der Deutschen Islam Konferenz in Auftrag gegeben, gilt diese erste bundesweite Befragung von Migranten auch 2015 noch als repräsentativ, ebenso wie die aus ihr hervorgegangene Zusatzstudie „Muslimisches Leben in NRW“ (2009). Die eindeutig größte Konfessionsgruppe stellen in NRW die Sunniten (80,4%). Mit großem Abstand folgen Aleviten (9,1%), die derzeit intern diskutieren, ob sie überhaupt zum Islam gehören, hinzu kommen Shiiten (6,1%), Ahmadi (0,4%), Sufi/Mystiker (0,2) und 3,7% „Sonstige“.

Wie der Islam insgesamt von Nicht-Muslimen wahrgenommen wird, darüber gibt eine Sonderauswertung des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung Auskunft. Ein Ergebnis der Umfrage von 2012 ist besonders ernüchternd: „Islamfeindlichkeit ist keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern findet sich in der Mitte der Gesellschaft“; das Image der vielfältigen Religion ist seitdem nicht besser geworden.

Diverse Akteure sind in Sachen Islam unterwegs, um das zu ändern. Denn anders als christliche Kirchen ist der Islam weniger hierarchisch. Eine höchste Autorität gibt es ebenso wenig wie einen formellen Aufnahmeakt, die Zahl der fest in Gemeinden organisierten Muslime ist unklar.

In neun Verbänden sind aber rund die Hälfte der Muslime in ganz Deutschland organisiert, vier davon üben den größten Einfluss aus. Mit 700-900 zu vertretenden Gemeinden steht die DITIB zahlenmäßig an der Spitze und würde gerne alle deutschen Muslime repräsentieren. Allerdings sind in ihr allein türkischstämmige Sunniten organisiert und sie ist dem Ministerpräsidentenamt in Ankara unterstellt, Imame und Geld kommen daher aus der Türkei. Auch der Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ) vertritt Muslime mit türkischen Wurzeln. Multiethnisch sind der Islamrat der BRD und der Zentralrat der Muslime angelegt, die auch Stimmen von Gläubigen mit afrikanischen, arabischen oder bosnischen Wurzeln vertreten.

Ebenfalls verschiedenen Konfessionen will das erst im April 2015 auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung gegründete Muslimische Forum Deutschland Gehör verschaffen, zu deren Mitbegründern Prof. Dr. Mouchanad Khorchide oder Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gehören. Letztere ist auch Vorsitzende des Liberal Islamischen Bundes. Dieser sieht sich „in der Verantwortung, die mehrheitlich liberalen Positionen des in Europa vorherrschenden Islamverständnisses zu vertreten“, fordert die dogmenfreie Diskussion des Koran und die Gleichstellung der Geschlechter wie die Anerkennung homosexueller Partnerschaften.

Auf kleinerer Ebene ist die Moschee das Zentrum einer jeden Gemeinde. Mal versteckt in Wohnsiedlungen, nicht einmal verraten durch ein Minarett, mal monumental wie die Merkez Moschee in Duisburg-Marxloh, die sich als interreligiöses und interkulturelles Begegnungszentrum versteht. Erst auf Gemeindeebende nähert man sich der Lebenspraxis von Muslimen, denn hier wird nicht nur der religiöse, sondern auch der weltliche Alltag organisiert. Die Aufgaben reichen weit über den Ruf zum Gebet hinaus: Seelsorge, Krankenpflege oder Jugendarbeit sind wie in christlichen Gemeinden zu bewältigen. Moscheegemeinden werden aber nicht wie Kirchen vom Staat anerkannt und unterstützt.

Dafür müsste „der“ Islam zuerst als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden, was aufgrund der beschriebenen Vielseitigkeit schwierig ist. Nicht der eine Islam, aber viele seiner Facetten sind Teil der deutschen Gesellschaft und somit unserer Kultur. Ob ein einzelner Islam oder überhaupt eine weitere, vom Staat anerkannte Religionsgemeinschaft wünschenswert ist, bleibt fraglich. Diskutiert werden sollte, ob nicht sämtliche Religionen ins Private gehören. Vor der Herausforderung, den Islam zu modernisieren, stehen die Muslime aber trotzdem. Denn neben der Fiktion von 1001 Nacht gibt es real eben auch 1000 Peitschenhiebe für Raif Badawi.

Zuerst erschienen in trailer 06/15, online unter: www.trailer-ruhr.de

Rezension zu „Unsagbare Dinge“ (Laurie Penny)

Wer die aktuelle Debatte und die medialen Hass- und Liebeserklärungen zum aktuellen Stand des Feminismus verfolgt, muss erkennen: der Feminismus ist tot.
Die Frauenbewegungen verhalten sich in den letzten Jahren wie der Rest der zunehmend globalisierten Welt: heterogen, pluralistisch und manchmal auch widersprüchlich.

Da es den Feminismus als einheitliche Strömung nicht mehr gibt, wird nach neuen Modellen gefahndet. Die ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ widmete ihre Ausgabe vom 28.4.2015 einer durchaus selbstkritischen Reflextion des eigenen Umgangs mit Frauen(themen), die Nummer 17 der Wochenzeitung „Der Freitag“ unterstreicht mit dem Titelthema „Mir nach, Leute! Der Feminismus ist eine Erfolgsstory. Manche wollen das nicht begreifen“ die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Feminismus und auch choices lieferte im März mit dem Monatsthema FRAUENMENSCHEN eine Bestandsaufnahme.

In diese Richtung geht auch Laurie Penny mit ihrem Manifest „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“. Die noch nicht einmal 30-jährige Autorin, Bloggerin und Journalistin schreit uns auf knapp 280 Seiten ein wütendes Pamphlet entgegen, in dem sie persönliche Erfahrungen, politische Entwicklungen, akademisches Wissen und die daraus gezogenen Schlüsse zu größtenteils Polemik verdichtet.

Schon zu Beginn stellt die gebürtige Britin klar: „Dieses Buch hilft euch nicht dabei, einen Mann zu finden, eure Frisur zu richten oder euren Job zu behalten. Dieses Buch handelt von Liebe, Sex, Schönheit und Ekel, Macht, Leidenschaft und Technik.“ Ebenso schnell wird deutlich, dass sich Pennys Kritik nicht pauschal an die üblichen Verdächtigen wie die Medien, den Staat, die Pornoindustrie oder gar an die Männer richtet. Ihr Buch ist im klassischen Sinne kein feministisches Werk, denn Ziel ihrer stilistisch eigenwilligen und von revolutionärem Pathos durchwirkten Attacken ist nicht der Antifeminismus, sondern das kapitalistische System.

Anders als FEMEN oder Alice Schwarzer lehnt sie Prostitution oder Pornografie nicht kategorisch ab. Untypisch ist auch, dass sich Penny als Romantikerin sieht und ein ganzes Kapitel der Liebe und zwischenmenschlichen Beziehungsformen widmet. Als digital native liefert sie zudem ungewöhnliche Einblicke in den Komplex „Sexistische Gewalt im Internet“.

Die Männer oder die „verlorenen Jungs“, denen sie ebenfalls ein eigenes Kapitel zugesteht, definiert sie gleichsam als Verlierer einer paternalistischen Herrschaftsform, die alle Geschlechter unterdrückt. Die nur scheinbar über Frauen herrschenden Männer sind auch nicht die Urheber dieser Gesellschaftsordnung. Durch den ihnen zugestandenen Einfluss werden sie davon abgehalten, Machtverhältnisse, die auch sie selbst an ihrer Entfaltung hindern, kritisch zu hinterfragen. Gleiches gelte verstärkt für alle, die von der heterosexuellen cisgender-Norm abweichen.

Feminismus als Instrument

Dreh- und Angelpunkt ist aber auch für Penny das Frauenbild, das Instrument zur Umsetzung revolutionärer Visionen bleibt der Feminismus. Die großen Fortschritte, die FrauenrechtlerInnen auf dem Terrain von Recht und Selbstbestimmung in den letzten Jahrzehnten erwirkt haben, bewertet sie kritisch. Die Verheißung der Gleichberechtigung richte sich vornehmlich an die Karrierefrau, die sowohl ihr intellektuelles, als auch ihr erotisches Kapital fortwährend im Sinne des Neoliberalismus maximiert und nun alles sein und haben kann: 60-Stunden-Woche, Kinder, Haushalt, Beziehung und anschließendes Burnout.

Für Penny ist diese fortwährend schöne und erfolgreiche Frau „ausnahmslos weiß und fast völlig fiktional.“ Sie verlangt stattdessen eine Stimme für alle Frauen, die von diesem Ideal abweichen, denn generell gelte für Frauen noch immer „Wir haben Objekte des Verlangens zu sein, nicht verlangende Subjekte“. Sexismus ist ihrer Meinung nach immer dann präsent, wenn nur ein Geschlecht betroffen ist. Das zeigt sich ihrer Meinung nach auch bei den medialen Identifikationsangeboten. „Gute kleine Jungs sollen davon träumen, die Welt zu verändern. Gute kleine Mädchen sollen davon träumen, sich zu verändern“.

Mehr Phantasie bitte!

Anders als WELT-Autorin Ronja von Rönne, die Anfang April 2015 unter dem Titel „Warum mich der Feminismus anekelt“ perfekt vorführte, wie man als Wohlstandstöchterchen hedonistisch soziale Gerechtigkeit am eigenen, und nur am eigenen Erfahrungshorizont abmisst, ist sich Penny ihrer privilegierten Stellung durchaus bewusst. Ihr Anspruch ist kein geringerer, als eine bessere Welt für alle sozial Benachteiligten, wenn schon nicht zu schaffen, dann doch wenigstens gedanklich zu antizipieren.

Früher nannte man diese Denkweise übrigens Utopie oder in ihrer unpolitischen Variation die Phantasie von einer besseren Welt. Eine Qualität, an der es der EU-Politik zwischen Ukraine-Konflikt, IS-Terror und Griechenlandkrise – kurz angesichts der vielgestaltigen Anforderungen der Postmoderne – zu fehlen scheint.

Wer „Unsagbare Dinge“ zur Hand nimmt, darf weder eine stringente, noch eine ausnahmslos sachliche Argumentation, einfache Antworten oder klare Handlungsanweisungen erwarten. Der Stil schwankt zwischen poetisch-plakativen Zeilen wie „Der Neoliberalismus kolonialisiert unsere Träume“ und Statements wie „die ideale Frau ist fickbar. Fickt aber nie selber“, die beide im Gedächtnis bleiben.

Neben intimen, autobiografischen Einblicken spricht „Unsagbare Dinge“ gesellschaftliche Probleme aus, die all jene angehen, die sich eine gerechtere Gesellschaft für Frauen und Männer wünschen und das gegenwärtige System nicht als der Weisheit letzter Schluss und schon gar nicht als geeignet für die Anforderungen unserer Zeit empfinden. Am harten Realismus orientiert sich aber Pennys letzter Appell: Vor uns liegt ein langer Weg, der weh tun wird. Fangt an.

Laurie Penny: „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ | aus dem Englischen von Anne Emmert | Edition Nautilus | 283 S. | 2015

Zuerst erschienen auf: www.choices.de