Premiere von Kerstin Poltes „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ in Essener Lichtburg am 2.5.18

v.l.n.r.: Meret Becker, Annalee Ranft, Kerstin Polte, Karl Kranzkowski Foto: Maxi Braun

Essen, den 2.5.: Es gibt diese Momente, in denen uns ein Mensch auffällt. Weil er aus der Masse heraus sticht oder abseits alleine steht. Wir beobachten diese Person, studieren ihre Haltung, ihre Mimik und etwas fesselt uns an der Art, wie er oder sie ein Buch, ein Bier oder eine Zigarette hält. Wenn sich dann die Blicke kreuzen und wir den Mut fassen, ein Gespräch zu suchen, versuchen wir dem Gegenüber telepathisch einzuflüstern: Bitte, sag oder tue jetzt nichts, was diesen ersten, magischen Eindruck zerstört.

Ein ähnliches Gefühl wie dieses Flirtszenario erzeugt auch Kerstin Polts Debüt-Spielfilm „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“. Es ist einer dieser Filme, die man von Anfang an mögen will. Liebevolle Opening Credits, ein schmissiger Song, wohl komponierte Einstellungen, die einen emotional und ästhetisch auf das vorbereiten, was kommt. Und auch während dieser Exposition hoffen wir inständig, dass der erste, positive Eindruck nicht zerstört werden möge. Diese Hoffnung setzt in diesem Fall unterbewusst schon vor der Filmvorführung ein. Die Regisseurin und HauptdarstellerInnen Meret Becker, Karl Kranzkowski und Annalee Ranft nehmen sich Zeit auf dem roten Teppich, machen Faxen vor der Fotowand, wirken bodenständig, sympathisch. Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen posiert mit seinem Mann Davi Lüngen, Joachim H. Luger (besser bekannt als Hans Beimer aus der „Lindenstraße“) versucht sich mit Sonnenbrille vorbei zu schleichen.

Im Saal berichtet Maximilian Leo von der Produktionsfirma „Augenschein“, dass es über sieben Jahre vom Exposé auf seinem Tisch bis zur Realisation des Films gedauert habe, der schließlich in nur 25 Drehtagen auf Fehmarn mit viel Herzblut abgedreht wurde. Thomas Kufen bescheinigt der Regisseurin, alles richtig gemacht zu haben: „Sie feiern die Premiere im größten und schönsten Kino Deutschlands“. Im Mittelpunkt des Films steht Charlotte (Corinna Harfouch), die nach mehr als 37 Jahren Ehe mit ihrem Mann Paul (Karl Kranzkowski) nicht nur unter der Routine leidet. Charlotte vergisst immer mehr und fürchtet sich davor, gänzlich zu verschwinden. Weder ihrem Mann, noch ihrer chaotischen Tochter Alex (Meret Becker) oder ihrer Enkelin Jo (Annalee Ranft) vertraut sie sich an. Als sie Paul spontan an einer Autobahnraststätte stehen lässt und mit Jo zu einem Abenteuertrip aufbricht, setzt der impulsive Befreiungsakt erst die Handlung in Gang.

In „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ werden eine Vielzahl von Themen gleichermaßen tiefgründig wie leichtfüßig verhandelt: Es geht ganz praktisch um Krankheit, Alter, allein erziehende Mütter, rebellische Töchter, die Tücken des Alltags eben. Auf einer Metaebene streift die Regisseurin aber die ganz großen Themen…

Dieser Text ist erschienen auf www.trailer-ruhr.de

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Leitartikel zum Thema KARL MARX (engels-Magazin 05/18)

Marx modern frisiert

Die Frage ist nicht ob, sondern wie der Kapitalismus endet

Ein TV-Interview von Richard David Precht mit Sahra Wagenknecht 2015 brachte den Widerspruch von Philosophie und Politik auf den Punkt: Für Wagenknecht steht die Utopie am Ende einer Entwicklung vieler kleiner Maßnahmen. Precht meint, die Utopie muss der Ausgangspunkt jeder tiefgreifenden, gesellschaftlichen Veränderung sein. Aber wie gelangen wir zu Utopien, die nichts anderes als Antworten auf die Frage sind: Wie wollen wir leben?

Mitte des 19. Jahrhunderts erdachte Karl Marx so eine Utopie: den Kommunismus. Die Versuche praktischer Umsetzung, ob ernst gemeint oder ideologisch instrumentalisiert, können nur als brutal gescheitert gesehen werden. Für dieses Scheitern konnte Marx nichts, viele andere Entwicklungen hat er prophetisch vorhergesagt. Das verelendete Proletariat haben wir im Zuge der Globalisierung in die Textilfabriken, Bergwerke oder Minen Asiens und Afrikas ausgelagert. Konzerne wie Nestlé, Google oder Facebook konzentrieren Macht und Reichtum in nie gekanntem Maße und die Krisenanfälligkeit unserer Wirtschaft ist seit 2007 keine Propaganda einer irren Kommunisten-Kassandra mehr, sondern Realität.

Kann uns Marx bei der Gestaltung unserer Zukunft behilflich sein? Tatsächlich könnte die Digitalisierung die Überwindung der arbeitsteiligen Gesellschaft bedeuten, das Ende der Lohnarbeit und der Trennung in eine herrschende, weil über die Produktionsmittel verfügende Klasse und eine beherrschte, über die Produktivkraft verfügende Klasse. Harald Welzer und Precht beschäftigen sich beide mit der digitalen Revolution und deren –nach Perspektive – utopischen bis dystopischen Folgen. Welzer skizziert in seinem Buch „Die smarte Diktatur“ (2016) das Digitale als Triebkraft, die den Kapitalismus in neue Extreme führen wird. Precht identifiziert im Digitalen eine Chance zur Überwindung des Kapitalismus. Er malt sich flexible Start-Upper aus, die in einem Café vor dem Laptop sitzen und Latte Macchiato süppelnd Aufträge abarbeiten, während die Kinder zu ihren Füßen wuseln. Zwischen Welzers versklavtem Digital-Prekariat und Prechts Digital-Bohème liegt der Raum, den Menschen, nicht Maschinen künftig gestalten müssen …

Dieser Text ist erschienen im engels-Magazin 05/18 und online auf: www.engles-kultur.de
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Vorbericht: 64. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Meine erste Begegnung mit dem „anderen Kino“ hatte ich 2007, als der Studienkreis Film an der Ruhr-Universität Bochum sein 40-jähriges Jubiläum feierte. Plötzlich sah ich mich im Hörsaal-Kino einem riesigen Penis gegenüber, der ein Filmfördergesetz zitiert und danach herzhaft ejakuliert. Dabei handelte es sich um Hellmuth Costards Film „Besonders wertvoll“. Dieser wurde 1968 ob seiner Anstößigkeit nach Einspruch der Staatsanwaltschaft aus dem Programm der (damals noch) Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen genommen, guerillamäßig nach Bochum transportiert und in dem kurz zuvor gegründeten Filmclub gezeigt. Costard war Teil eben jener Experimentalfilm-Bewegung, die das Medium vom Kino und seinen klassischen Konventionen befreien und eigene Spielorte und Festivals kreieren wollte. Wichtige AkteurInnen neben Costard waren Lutz Mommartz, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki oder Werner Nekes und Dore O. Mit diesem „anderen Kino“ beschäftigt sich auch das Thema der 64. Ausgabe der Kurzfilmtage Oberhausen unter dem Titel „Abschied vom Kino. Knokke, Hamburg, Oberhausen (1967-1971)“. Hamburg war ein Hotspot der Bewegung, 1968 fand dort mit der „Hamburger Filmschau“ das erste unabhängige Festival statt. Das belgische Knokke war die Heimat des Experimentalfilmfestivals „Exprmntl“. In Oberhausen werden Arbeiten aus dieser Zeit gezeigt und mit AkteurInnen von damals diskutiert.

Das Festival wird in diesem Jahr außerdem um vier Sektionen reicher. Die erste, „Conditional Cinema“, versteht das bewegte Bild als fließende Kunstform, Mika Taanilas Projekt „live cinema“ ist der Auftakt. Neu sind auch die „Lectures“: Marisa Olson, Roee Rosen und Liam Young erhalten in dieser Sektion eine Carte blanche für ihre unterschiedlichen Ansätze Bewegtbilder zu präsentieren. Ebenfalls neu sind die Sektionen „Labs“ und „re-selected“, die beide gegen die Diktatur des Digitalen aufbegehren. Labs bietet Künstlerlaboren, die sich mit allen Bereichen des Analogfilms in der post-kinematografischen Ära beschäftigen, eine Plattform, „re-selected“ versteht Filmgeschichte als Kopiengeschichte.

Seit bereits 20 Jahren fester Bestandteil ist die MuVi-Sektion. Neben dem abendfüllenden Programmblock internationaler Musikvideos kann noch bis zum 5. Mai online für das beste deutsche Musikvideo gevotet werden. Weiblich dominiert sind in diesem Jahr die Profile. Von Fotografin und Filmemacherin Louise Botkay, den Regisseurinnen Eva Könnemann aus Deutschland und Salomé Lamas aus Portugal und dem rumänischen KünstlerInnen-Duo Florin Tudor und Mona Vatamanu werden kleine Werkschauen präsentiert. Hinzu kommen fünf Wettbewerbsprogramme, in denen 132 Kurzfilme und Musikvideos zu sehen sind. Insgesamt warten über 500 Filme aus mehr als 60 Ländern in Oberhausen darauf, entdeckt zu werden. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch das ein oder andere gesprächige Genital dabei, das Filmgeschichte schreiben wird.

Der Artikel ist erschienen im trailer-Magazin 05/18 und auf www.trailer-ruhr.de.

NRW-Premiere von „Das schweigende Klassenzimmer“ in der Lichtburg Essen

Bitterkalt ist es auf der Kettwiger Straße. Von Minusgraden und dem schneidenden Wind ungerührt tummeln sich wie bei jeder Premiere in der Lichtburg Kinoliebhaber hinter der Absperrung. Ein paar bibbernde Fotografen und ein WDR-Team harren ebenfalls aus, bis die Gäste eintreffen. Regisseur Lars Kraume, der vor zwei Jahren schon mit seinem preisgekrönten „Der Staat gegen Fritz Bauer“ in Essen war, kommt mit Lena Klenke und Leonard Scheicher, alle vepackt in dicke Winterjacken. „Das ist ja noch kälter als in Berlin hier“, fröstelt es Scheicher. Die Weltpremiere von „Das schweigende Klassenzimmer fand eine Woche zuvor während der Berlinale statt. Der eigentliche Star des Abends ist aber Dietrich Garstka. In der 2006 veröffentlichten, gleichnamigen Buchvorlage verarbeitete er seine eigene Geschichte von Flucht und Neuanfang.

Die Handlung des Films setzt Ende 1956 ein. Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) erfahren bei einem Ausflug nach Westdeutschland durch die Wochenschau zufällig, wie unterschiedlich die Berichterstattung über den Ungarischen Volksaufstand in Ost- und Westdeutschland ausfällt. Zurück in ihrer Heimat Stalinstadt verfolgen sie heimlich mittels des Westsenders „Rias“ gemeinsam mit KlassenkameradInnen die Entwicklung der Ereignisse. Sie hören, wie die Sowjetunion brutal gegen die vom Westen als Freiheitskämpfer, vom Osten als faschistische „Konterrevolutionäre“ verurteilten Ungarn vorgeht. Die Mehrheit der Abiturklasse beschließt, im Unterricht eine solidarische Schweigeminute für die Opfer des Aufstands abzuhalten.

Das ruft zunächst den Schuldirektor, dann eine strenge Kreisschulrätin und schließlich den Volksbildungsminister auf den Plan. Die Solidaritätsbekundung wird selbst zur „Konterrevolution“ erklärt. Der Anführer des Protest soll denunziert werden, andernfalls droht der gesamten Klasse der kollektive Ausschluss vom Abitur. Das bedeutet: keine Aufstiegschancen, sondern schuften als ArbeiterIn. Was als jugendlicher Überschwang begann, zwingt die SchülerInnen dazu, ihre eigenen Überzeugungen und das Regime, in dem sie leben, zu hinterfragen und Position zu beziehen.

Kraume widmet sich damit wie schon in seinem letzten Film einem Stück deutsch-deutscher Geschichte. Wie in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist auch in „Das schweigende Klassenzimmer“ das authentische Setting bis in den kleinsten Winkel der Mise-en-scène perfekt. Mit der Figur Bauers stand ein Zeitzeuge der Verbrechen des Nationalsozialismus sowie Trauma und Verlust einer ganzen Generation im Mittelpunkt…

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Zuerst erschienen auf: www.trailer-ruhr.de

Abschluss der CineScience-Reihe „Helden im Film“ im Filmstudio Essen

Bonnie Tyler suchte einen, David Bowie wollte selbst einer sein – zumindest für einen Tag. Aber was genau ist das eigentlich für ein Stoff, aus dem die Helden in Film gemacht sind? Wie werden sie inszeniert? In welcher Welt und Gesellschaft können sie überhaupt über sich hinaus wachsen und zu HeldInnen werden?

All diesen Fragen ist die CineScience-Reihe des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen in Kooperation mit dem Filmstudio Glückauf im letzten halben Jahr nachgegangen. Neben dem klassisch amerikanischen (Action)Helden (hier fehlt die weibliche Form bewusst), dem Wissenschaftler als Filmheld und den Sheroes der Filmgeschichte, schließt die Reihe mit einer Analyse zu AntiheldInnen. Verena Keysers und Nora Schecke vom KWI haben sich als Patinnen und Moderatorinnen des Abends Amerikanist Markus Wierschem und Filmwissenschaftler Alexander Schultz von der Universität Paderborn eingeladen.

Mit einer Fülle von Filmausschnitten und Detailwissen analysieren sie sich durch mehr als 50 Jahre Filmgeschichte. Dabei konzentrieren sie sich auf das US-amerikanische Kino und entwickeln mit dem Publikum gemeinsam die eine oder andere Hypothese dazu, was ein/e AntiheldIn ausmacht. Die ersten Antihelden entwickelten sich in der Spätphase des US-amerikanischen Film Noir Mitte der 1950er Jahre. Das Genre entstand unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. die Welt wurde stets düster und zynisch gezeichnet. Diesem Pessimismus stand nur ein wenn auch gebrochener Held gegenüber.

Wierchem und Schultz erklären, wie sich in der Spätphase des Genres die Figur des Helden zu wandeln beginnt. Exemplarische Ausschnitte aus Robert Aldrichs „Rattennest“ („Kiss me deadly“) stellen darin den Privatdetektiv Mike Hammer …

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Zuerst erschienen auf: www.trailer-ruhr.de

Medienwissenschaftlerin Jutta Zaremba über Gender in Videospielen & Gamerinnen

Frau Zaremba, zocken Frauen anders als Männer?
Jutta Zaremba: Die Gretchen-Geschlechterfrage… Man kann das höchstens grob beantworten, weil es nicht DIE Spielerin gibt. Wir reden hier von einer Altersspanne zwischen circa 8 bis 80 Jahren! Bislang zeichnen sich eher einige bei Mädchen und Frauen beliebtere Games-Genres ab, zum Beispiel Lebenssimulationen wie „SIMS“, Rollenspiele wie „Final Fantasy“, Action-Adventures wie „American McGee‘s Alice“ oder Musik- und Bewegungsspiele wie „SingStar“ oder „Wii“. Gleichzeitig gibt es auch zahlreiche E-Sportlerinnen, die sich in Teams zusammenschließen, um intensiv und im Wettbewerb Shooter zu spielen.

Spielen Frauen weniger, weil sie Games weniger interessieren oder interessieren sie die Games nicht, weil sie darin nicht repräsentiert werden?
Das unterstellt ja, dass Frauen weniger gamen, was nicht stimmt! In der BRD sind fast die Hälfte aller Spielenden weiblich, in den USA ungefähr 41 Prozent. Und es spielen übrigens mehr Frauen über 18 Computerspiele als Jungen unter 18. Für ganz entscheidend halte ich das Stichwort „bedroom culture“. Das ist ein Begriff, den die britische Theoretikerin und Feministin Angela McRobbie 1975 zum Thema „Girls and Subcultures“ ins Spiel gebracht hat: Es kommt darauf an, in welcher grundsätzlichen Spielekultur man aufgewachsen ist, durch welche Spiele, Spielsachen und Spielformen man also seit der Kindheit geprägt ist.

Was macht eine emanzipierte, feministische Protagonistin aus?
Wie sieht denn Ihre Wunschvorstellung aus? Diese Frage wird seit fast 20 Jahren von Frauen aus dem Gaming-Umfeld diskutiert und zeigt, dass die jeweilige Perspektive die Vorstellungen bestimmt. Das businessorientierte US-Portal „Womengamers“ hat Bewertungen von Protagonistinnen vorgenommen, nach folgenden Aspekten: Ihre Rolle im Computerspiel (zentral und aktiv oder nur erotische Nebenfigur), ihr Standing dem Geschehen gegenüber, ihr Stehvermögen im Kampf, ihr Aussehen, ihre Intelligenz und Stimme sowie Vermarktungsversuche des Spiels hinsichtlich Spielerinnen.

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Das ganze Interview ist erschienen auf www.choices.de

 

Kritik zu „Manifesto“ mit Cate Blanchett (R: Julian Rosefeldt, 2017)

Audiovisuelle Partitur

„I do manifest because I have nothing to say“ – dieser Satz aus Julian Rosefeldts ursprünglich als 13-Kanal-Installation für Museen konzipiertem Werk „Manifesto“ ist durchaus augenzwinkernd gemeint. In der Installation schallt Cate Blanchett mehrstimmig in verschiedenen Rollen von zwölf Leinwänden herab.

In der linearen Kinofassung geht der polyphone Rausch verloren, dafür bleibt Zeit, in die von Kameramann Christoph Krauss vorwiegend on location in Berlin komponierten Sequenzen einzutauchen. Die Monologe, die Blanchett u. a. als Nachrichtensprecherin, Obdachlose, Puppenspielerin, Punk oder Brokerin proklamiert, bestehen aus gekürzten und neu editierten Manifesten aus den Bereichen der bildenden Kunst, Architektur, Literatur und Film. Einige der rezitierten Statements zu Dada, Futurismus, Fluxus oder Dogma korrespondieren mit den Settings. Andere funktionieren als ironischer Kommentar zu den Situationen, die gleichermaßen alltäglich wie fremdartig wirken.

Julian Rosefeldt vertraut dabei sowohl auf die künstlerische und literarische Kraft der einzelnen Texte als auch auf Cate Blanchett. In nur elf Drehtagen streifte sie sich mit Leichtigkeit unterschiedlichste Akzente, Gesten und diverse Habitus über. Statt Kunsttheorie in Bilder zu gießen, gelingt Rosefeldt eine audiovisuelle Partitur, die Lust macht, die Ursprungstexte – übrigens alle von Männern verfasst und daher bewusst durch eine Schauspielerin performed – aufzuspüren und deren Bedeutung für die Gegenwart selbst zu ergründen.

Zuerst erschienen in:  Missy Magazine

Sexualtherapeutin Silke Niggemeier über BDSM als erotische und sexuelle Praxis

Wann und wo beginnt die Geschichte von SM?
Silke Niggemeier
: In der Moderne und der westlichen Welt liegen die Ursprünge in der schwulen Leder-Bewegung in den USA der 1960er Jahre. Deswegen sind auch viele Begriffe aus dem Englischen übernommen worden. BDSM – was SM detaillierter beschreibt – steht für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“. Darüber hinaus besteht eine historische Verbindung zur AIDS-Hilfe, mit der auch heute noch viele SM-Stammtische kooperieren. Abgesehen davon ist SM schon seit Jahrtausenden Teil der menschlichen Kultur, wie Quellen belegen.

Was muss bei Erotik und Sexualität im SM-Bereich beachtet werden?
Der Grundpfeiler ist Respekt. Danach kommt ein Credo, das auch aus der Leder-Schwulenbewegung stammt. Es lautet: Safe, Sane and Consensual, kurz SSC. Also sicher, bei geistiger Gesundheit und einvernehmlich. Mit Sicherheit ist dieselbe Sicherheit gemeint, die auch bei jedem anderen Date gilt. Wer sich als Top [dominanter Part, Anm. der Redaktion] oder als Sub [sich unterwerfender Part] in eine Spielsituation begibt und nicht dafür sorgt, dass er abgesichert ist, hat ein Problem mit Sicherheit ganz allgemein. Auch hier gilt: „Trau, schau wem!“

Wie sieht so eine Absicherung aus?
Indem mich eine dritte Person covered. Dazu informiere ich vorher diese Person darüber, wo ich hingehe und melde mich auch wieder ab, wenn alles vorbei ist. Damit ist sichergestellt, dass ich aus einer Spielsituation gesund herauskomme. Meine Kontaktperson kann auch zwischendurch anrufen und fragen, ob alles ok ist. Da kann dann ein Codewort vereinbart werden. Zum Beispiel: Wenn ich „Hey Mama“ sage, weiß mein Kontakt, dass ich Hilfe benötige. Außerdem kann man sich erst mal in der Öffentlichkeit treffen, etwa beim Stammtisch. Da kann ich auch beobachten, wie der/die gewünschte Partner*in auf bestimmte Themen reagiert und ob er oder sie überhaupt öffentlich in Erscheinung tritt, das eigene Gesicht zeigt. Prinzipiell ist jeder One-Night-Stand, bei dem Fremde miteinander Vanilla-Sex haben – also Sexualität ohne SM – ebenso riskant.

Über die Praxis hinaus, was unterscheidet SM noch von „Vanilla“-Sex?
Zum SM gehört mehr als zu jeder anderen Art von Sexualität oder Erotik Kommunikation. Reden, reden, reden! So schrecklich die „Fifty Shades of Grey“-Bücher sind, dort gibt es einen Vertrag zwischen dem Top und dem Sub. Solche Verträge, die die Regeln einer Spielsituation oder Beziehung beschreiben, gibt es tatsächlich, sie sind jedoch nicht rechtlich bindend. Im Internet finden sich unzählige Varianten davon und ich rate gern dazu, sich mit so einem Vertrag mal hinzusetzen und diesen als Basis für ein Gespräch zu nehmen, was die Partner voneinander wollen, brauchen und was eben gar nicht infrage kommt.

Ist der machtvolle Manager privat eher unterwürfig oder ist das nur ein Klischee?
Ich glaube, dazu gibt es keine Zahlen. Es ist ein Klischee, aber vielleicht nicht ohne Grund. Es gibt bestimmt den Manager, der sich auspeitschen lässt. Genauso wie es im Alltagsleben dominante Männer gibt, die auch in ihrem Sexualleben dominant sind. Ich kenne tatsächlich mehr Frauen in Verantwortungspositionen als Männer, die im SM Sub sind. Männer sind oft im Alltag ähnlich positioniert, wie in ihrer erotischen Rolle. Auch hier besteht ein Kontrast. Es sind meist sehr toughe Frauen, auf ihre Art Managerinnen, mit Doppelbelastung durch Familie und Berufstätigkeit, die im Alltag ständig ihren Mann stehen müssen und sich dann im privaten SM-Bereich fallen lassen können. Es ist der Spaß am Rollentausch, der selbst gewählt ist und daher als befreiend empfunden wird. Das ist für mich eine sehr emanzipierte Form von Erotik, bei der ich selbst entscheide, wann ich mich zum Spaß als „kleines Weibchen“ unterwerfe und wann ich in meinen Alltag zurückkehre, stark bin und mein Leben regiere.

Was ist mit Dominas?
Da muss zwischen klassischen Dominas und sogenannten Bizarr-Ladies unterschieden werden. Letztere haben meist auch sexuellen Körperkontakt. Klassische Dominas haben den mit ihren Kunden nicht. Da gibt es sehr tolle Frauen, die Workshops anbieten, Vorträge halten, hervorragend vernetzt sind und das privat leben. Gute Dominas benötigen viel Empathie, psychologische Grundkenntnisse und medizinisches Fachwissen um die menschliche Anatomie. Diese Kompetenzen einer guten Domina sind jeden Cent wert.

Das ungekürzte Interview ist zuerst erschienen auf trailer-ruhr.de.

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Filmscreening & Diskussion zu „Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?“ von Carola Hauck

Die Geburt eines Kindes ist ein überwältigendes Erlebnis, sowohl für Mütter als auch Väter. Wenn ein neuer Mensch das Licht der Welt erblickt, ist dieses Ereignis begleitet von Glücksgefühlen, die kinderlose Menschen zwar erahnen, aber schwer fassen oder beschreiben können.

Die Geburt des ersten Kindes, die drei Mütter in Carola Haucks Dokumentation „Die sichere Geburt – Wozu Hebammen?“ schildern, könnte sich nicht stärker von diesem Idealbild unterscheiden. In Interviews – gemeinsam mit ihrem Partner oder allein – berichten sie von dem Trauma dieser Geburt. Da ist wie wohl bei allen Erstgebärenden die Unsicherheit einer völlig neuen Erfahrung: Wie schlimm werden die Schmerzen sein? Wie lange wird es dauern? Und vor allem: Wird alles gut gehen, mit mir und dem Kind?

Die Frauen schildern, wie sie nach dem Blasensprung in der Klinik ankamen, alleine blieben mit unheilvoll piependen CTGs und schmerzenden Venenzugängen im Arm. Sie erzählen, wie sich anfängliche Nichtbeachtung in Ungeduld der Beleghebammen und ÄrztInnen wandelte. Sie berichten von der PDA, die sie nicht wollten und die ihren Unterkörper derart lähmte, dass sie kein Gefühl und keine Verbindung zu den Wehen und dem eigenen Körper spürten. Sie erinnern sich, wie ihre Wünsche nach einer natürlichen Geburt einfach übergangen und als unzurechnungsfähige Phantastereien abgetan wurden – ohne dass eine medizinische Indikation das nötig gemacht hätte.

Die Krankenhäuser, in denen diese Frauen ihr erstes Kind zur Welt gebracht haben, sind keine Kliniken aus einem Horrorfilm, das Personal nicht grausam oder sadistisch. Aber zwischen überarbeitetem Personal, reglementierten Abläufen und forensischen Unsicherheiten und der Ausnahmesituation der Mütter, klafft ein tiefer Graben. Hauck will nicht die medizinischen Errungenschaften wie PDA oder Kaiserschnitt verteufeln. Sie geht der Frage nach, was Geburten sicher macht, wodurch eine Geburt gestört wird und welche Folgen sogenannte Interventionen während der Geburt (Verabreichung wehenhemmender und weheneinleitender Mittel, Kaiserschnitt, Zangen- oder Saugglockengeburt) für Mutter, Kind und die Gesellschaft haben können.

Neben den eindrücklichen und sehr intimen Erlebnissen der Mütter kommen auch ExpertInnen zu Wort, die es anders machen. Darunter die mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnete, „bekannteste Hebamme der Welt“ Ina May Gaskin oder Rainhild Schäfers, Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit Bochum. Dazu kommen Neonatalogen, Perinatologen und ein Ostheopath. An anatomischen Modellen und in Trickfilmanimationen wird gezeigt, welche Interventionen während der Geburt möglich und oftmals nur vermeintlich notwendig sind.

Erschreckend ist dabei für Laien, wie viele medizinische Erkenntnisse bei der Mehrzahl der Geburten, von denen 98 % in Krankenhäusern stattfinden, scheinbar ignoriert werden….

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Der Artikel ist erschienen auf www.trailer-ruhr.de

Interview mit Klimaforscher Felix Ekardt über die Herausforderungen eines nachhaltigen Lebensstils

Herr Ekardt, wir sägen mit unserem Lebensstil an dem Ast, auf dem wir sitzen. Warum fällt es uns so schwer, nachhaltiger zu leben?
Felix Ekardt: Viele denken, es würde am Wissen scheitern, das stimmt aber nur begrenzt. Die, die am meisten wissen, haben tendenziell den größten ökologischen Fußabdruck.  Menschen sind häufig von Eigennutzenkalkülen getrieben, Politiker wollen kurzfristig wiedergewählt werden, Unternehmer wollen ihre Produkte absetzen. Wir alle wollen hier und heute unser Leben leben. Da sind der Klimawandel oder Nachhaltigkeitsziele zeitlich weit weg.

Wir handeln also bewusst wider besseren Wissens?
Was oft vergessen wird: Menschen entscheiden nicht immer bewusst und kalkulierend. Ein Großteil unserer Verhaltensantriebe ist uns wenig oder gar nicht bewusst. Das betrifft etwa unsere Normalitätsvorstellungen. Ein Lebensstil mit der täglichen Autofahrt zur Arbeit, regelmäßigen Urlaubsflügen und einem großen Stück Fleisch ist in Ländern wie Deutschland normal. Dazu kommen unsere Emotionen: Bequemlichkeit, Gewohnheit, Verdrängung. Eine Rolle spielt auch die menschliche Neigung, mit dem Widerspruch zwischen Einstellungen und Verhalten zu leben. Wir reden uns das Ganze schön, fühlen uns in Europa und Deutschland als Umweltvorreiter, dabei sind wir genau das Gegenteil.

Von wem geht Wandel aus?
Gesellschaftlicher Wandel geschieht immer in einem Wechselspiel verschiedener Akteure. Ob man jetzt in erster Linie eine andere Politik, ein anderes Konsumentenverhalten oder anders investierende Unternehmen braucht, ist eine Henne-Ei-Diskussion. Bestimmte Emotionen werden sich wohl nie ändern, aber Normalitätsvorstellungen können sich wandeln. Es muss nicht so sein, dass alle meine Facebook-Freunde jährlich nach Malaysia fliegen, ganz andere Normalitäten sind denkbar….

Das Interview ist erschienen im choices-Magazin 12/17 und auf www.choices.de 

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