Werkporträt Jane Schoenbrun

Mit nur zwei Filmen ist Jane Schoenbrun zur Kultfigur für Filmnerds und die queere Crowd aufgestiegen. Der neue, »Teenage Sex and Death at Camp Miasma«, startet jetzt. Über ein Universum, in dem Bildschirme und Popkultur eine große Rolle spielen

Der Auftakt von Jane Schoenbruns aktuellem Film hat es in sich: In einer der ersten Einstellungen wird ein Mensch mit einem gezielten Hieb um seinen Kopf erleichtert, und aus der klaffenden Halswunde eruptiert eine grellrote Blutfontäne meterhoch in den Nachthimmel. Diese Opulenz deutet sich bereits im Titel an: Das Wort Miasma – das im Altgriechischen Besudelung bedeutet und in der antiken Medizin des Hippokrates für die Lehre von aus dem Boden aufsteigenden Krankheitserregern etabliert wurde – kündet nicht nur von Schmutz im epidemiologischen Sinn, sondern trägt auch die Verheißung von bewusst verspritzten Körpersäften und schmutzigem Sex in sich. Tatsächlich geht es in »Teenage Sex and Death at Camp Miasma«, mit dem Jane Schoenbrun bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes die Queer Palm gewann, um nichts Geringeres als Sex, Tod und wie beides miteinander zusammenhängt. Aber um das in seiner Komplexität zu verstehen, muss man ein bisschen zurückblenden.

Schoenbrun, geboren 1987 im New Yorker Stadtteil Queens, ist Filmemacher*in und bevorzugt genderneutrale Pronomen. Aufgewachsen in einer jüdischen Familie als älteste von drei Geschwistern, ist dey von der Popkultur der 1990er und frühen 2000er Jahre ästhetisch und thematisch geprägt. »Teenage Sex and Death at Camp Miasma« ist Schoenbruns dritter Langfilm und beendet eine »Screen Trilogy«, die mit dem Debüt »We’re All Going to the World’s Fair« (2022) begann und mit »I Saw the TV Glow« (2024) fortgesetzt wurde. Screens – also Bildschirme – spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die zunehmend ephemer werdende Grenze zwischen Realität und Fiktion innerhalb der Diegese. Flackernde Röhrenfernseher, der Widerschein eines Desktops, der das Gesicht der User beleuchtet, im Dunkeln fluoreszierende Bemalungen und Nebel oder das Projektorlicht im Kinosaal prägen die Ästhetik der gesamten Trilogie, die sich rückwärts durch die Mediengeschichte, Filmhistorie und Popkultur bewegt. Mit einem spezifischen Mix aus Nerd-Sensibilität, visueller Poesie, erzählerischem Erfindungsreichtum und Mut zu Grusel und Splatter hat sich Schoenbrun zur Kultfigur von Außenseitern und der queeren Crowd entwickelt.

Teil 1: Allein im Dunkeln

m Debüt »We’re All Going to the World’s Fair« geht es um die Teenagerin Casey (Anna Cobb), die an einer Internet-Challenge teilnimmt, wie sie Anfang der 2000er in mannigfacher Variation im Netz kursierte. Um die Challenge anzutreten, muss Casey dreimal den Satz »We’re all going to the World’s Fair« sagen, sich in den Finger stechen und in den folgenden Wochen und Monaten Videos posten, in denen sie Veränderungen an ihrem Körper und Geist dokumentiert. Die virtuelle Variante eines Rollenspiels, bei dem die Teilnehmenden eine Gruselgeschichte oder urbane Legende weiterspinnen, im Netz Creepypasta genannt (auf einer solchen basiert auch der Horrorhit »Backrooms«), wie sie früher analog am Lagerfeuer im Feriencamp erzählt wurde. Schoenbrun ist in dieser Welt aufgewachsen und hat vor dem Schreiben von Drehbüchern viel Fanfiction verfasst, etwa zur Kultserie….

Der vollständige Text ist erschienen in epd Film (08/2026) und hier online in voller Länge abrufbar.

Ziemlich netter Typ: Stephen Graham

Als Nebendarsteller hat Stephen Graham Gangster, Neonazis und Psychopathen gespielt, die im Gedächtnis blieben. Spätestens seit seinem Erfolg mit »Adolescence« bekommt er auch in der ersten Reihe die Aufmerksamkeit, die er schon lange verdient

Gauner, Kleinkriminelle, Mörder, Neonazis, Psychopathen – Stephen Graham hat sie alle gespielt. Wer Gangsterfilme mag, kennt sein Gesicht. Lange war er einer dieser Nebendarsteller, die überall mitspielen, die man sofort wiedererkennt – nur der Name fällt einem partout nicht ein. Das liegt nicht an mangelndem Charisma und erst recht nicht an seinem Talent, denn der 1973 in Liverpool geborene Schauspieler ist einer der besten und nuanciertesten britischen Schauspieler der letzten 25 Jahre. Seit dem Erfolg der One-Shot-Netflix-Sensation »Adolescence« 2025, für die er das Drehbuch schrieb, die er produzierte und in der er die Rolle des Vaters übernahm, ist sein Name ein Begriff.

Die Berufung zum Schauspieler ereilte Graham früh. Seine erste Rolle spielte er mit zehn Jahren in der Schultheaterproduktion »Die Schatzinsel«, als Teenager trat er in Produktionen des Everyman Theatre auf, unter anderem beim renommierten Edinburgh Festival. In den 1990er Jahren war er in einigen britischen TV-Serien zu sehen, unter anderem in zwei Episoden der Kinder-Krankenhausserie »Children’s Ward«. Nach seinem Schulabschluss besuchte er das Rose Bruford College in London, das auch Gary Oldman absolviert hat. Erste größere Filmrollen übernahm Graham 2000 in Guy Ritchies »Snatch« – wo er als tapsig-naiver Sidekick von Jason Statham seine selten gezeigte komödiantische Seite offenbart – und in Martin Scorseses »Gangs of New York« (2002).

Das Abgründige, auch körperlich Brachiale steht Graham einfach zu gut. Größere Bekanntheit erlangte er mit genau einer solchen Rolle: In »This Is England« (Shane Meadows, 2006) bringt er als Combo, der nach drei Jahren Haft und nationalistisch radikalisiert zurück in seine Heimatstadt kommt, die Dynamik einer friedlichen Skinhead-Gruppe durcheinander. Oft zitiert wird sein rassistischer Monolog, in dem jedes seiner Worte, die er wie Gift und Galle ausspeit, beängstigend glaubwürdig wirkt. Dabei überzeugt er vor allem in den emotional leisen Momenten. Combos harte Fassade bröckelt, wenn er behutsam den zwölfjährigen Shaun unter seine Fittiche nimmt oder Skinhead-Girl Lol seine Liebe gesteht….

Der vollständige Text ist erschienen in epd Film 05/2026 und online hier abrufbar.