Frauen sind erst der Anfang: Diversität im Film: ein weiter Weg

Manchmal markieren Erscheinungstermine unüberwindbare Deadlines und scheren sich nicht darum, ob gerade die Berlinale Bären oder die Academy Oscars verleiht. So erging es mir mit der Märzausgabe. Die Berlinale liegt nun so lange zurück, dass einige der dort gezeigten Filme schon im April in unseren Kinos starten. Darunter ist zum Beispiel Christian Petzolds neues Werk „Transit“: Ein politischer Flüchtling versucht mittels falscher Identität vor den Nazis von Südfrankreich nach Amerika zu fliehen. Basierend auf Anna Seghers Anfang der 1940er im Exil verfassten Roman, siedelt Petzold seine Geschichte im Marseille der Gegenwart an und macht sie dadurch zu einer zeitlosen Parabel. „Jede Flüchtlingsgeschichte ist anders. Jede Flüchtlingsgeschichte ist gleich“, schrieb dazu das US-amerikanische Filmmagazin „Indiewire“.

Ebenfalls im April geht auch Greta Gerwigs Coming-of-Age-Wunder „Lady Bird“ an den Start. Die moderne Mumblecore-Variante einer Stadtneurotikerin zeichnet für Drehbuch und Regie verantwortlich, Soirse Ronan spielt einen Teenager in den 1990ern in Sacramento. „Lady Bird“ wurde gleich in fünf Kategorien für den Oscar nominiert: Beste Regie, Bester Film, Bestes Originaldrehbuch, Beste Hauptdarstellerin, Beste Nebendarstellerin – und ging in allen leer aus. Gerwig war erst die fünfte Frau, die in der Kategorie Beste Regie nominiert wurde. Nach Lina Wertmüller, Jane Campion, Sofia Coppola und Kathryn Bigelow, die den Oscar dann gewann. Bei einer Nominierung blieb es auch für Rachel Morrison („Mudbound“). Da bisher keine einzige Frau in der Kategorie Beste Kamera überhaupt eine Chance auf einen Oscar erhielt, ist das bereits ein kleiner Sieg.

Richtig Spaß machte diese Verleihung aber nicht. Allein Frances McDormands flammende Rede, die sie nach Empfang des Goldjungen für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ hielt, entschädigte für die Augenringe bis zum Kinn am nächsten Morgen. Außerdem lernten wir von McDormand den Terminus „inclusion rider“: Eine Klausel, die US-SchauspielerInnen in ihre Verträge aufnehmen können, um geschlechtliche wie ethnische Diversität vor wie hinter der Kamera einzufordern. Die Gleichstellung und Repräsentation von Frauen am Set ist da erst der Anfang. Stacy Smith, Professorin an der Universität von Kalifornien, hatte bereits 2014 in einem Artikel im „Hollywood Reporter“ darauf aufmerksam gemacht. Schauspielerin Brie Larson, „Black Panther“-Star Michael B. Jordan und Matt Damons und Ben Afflecks Produktionsfirma „Pearl Street Films“ haben offiziell verlauten lassen, den „inclusion rider“ in ihre Verträge aufzunehmen.

Wenig Probleme mit Diversität hat das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln, das in diesem Jahr zum 35. Mal stattfindet. Nahezu alle der rund 100 gezeigten Filme stammen von Frauen und / oder haben eine starke Frauenfigur als Protagonistin. Mit einem speziellen Preis für Bildgestaltung werden außerdem explizit zwei Kamerafrauen gewürdigt und der diesjährige Fokus „Über Deutschland“ beschäftigt sich nicht nur in vielen Formaten mit Diversität, sondern lebt diese auch. Der Schwerpunkt ist dieses Jahr in Köln, aber auch im Kino im U werden ausgewählte Filme zu sehen sein.

Dieser Text erschien im trailer ruhr-Magazin 04/18 und online auf:
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NRW-Premiere von „Das schweigende Klassenzimmer“ in der Lichtburg Essen

Bitterkalt ist es auf der Kettwiger Straße. Von Minusgraden und dem schneidenden Wind ungerührt tummeln sich wie bei jeder Premiere in der Lichtburg Kinoliebhaber hinter der Absperrung. Ein paar bibbernde Fotografen und ein WDR-Team harren ebenfalls aus, bis die Gäste eintreffen. Regisseur Lars Kraume, der vor zwei Jahren schon mit seinem preisgekrönten „Der Staat gegen Fritz Bauer“ in Essen war, kommt mit Lena Klenke und Leonard Scheicher, alle vepackt in dicke Winterjacken. „Das ist ja noch kälter als in Berlin hier“, fröstelt es Scheicher. Die Weltpremiere von „Das schweigende Klassenzimmer fand eine Woche zuvor während der Berlinale statt. Der eigentliche Star des Abends ist aber Dietrich Garstka. In der 2006 veröffentlichten, gleichnamigen Buchvorlage verarbeitete er seine eigene Geschichte von Flucht und Neuanfang.

Die Handlung des Films setzt Ende 1956 ein. Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) erfahren bei einem Ausflug nach Westdeutschland durch die Wochenschau zufällig, wie unterschiedlich die Berichterstattung über den Ungarischen Volksaufstand in Ost- und Westdeutschland ausfällt. Zurück in ihrer Heimat Stalinstadt verfolgen sie heimlich mittels des Westsenders „Rias“ gemeinsam mit KlassenkameradInnen die Entwicklung der Ereignisse. Sie hören, wie die Sowjetunion brutal gegen die vom Westen als Freiheitskämpfer, vom Osten als faschistische „Konterrevolutionäre“ verurteilten Ungarn vorgeht. Die Mehrheit der Abiturklasse beschließt, im Unterricht eine solidarische Schweigeminute für die Opfer des Aufstands abzuhalten.

Das ruft zunächst den Schuldirektor, dann eine strenge Kreisschulrätin und schließlich den Volksbildungsminister auf den Plan. Die Solidaritätsbekundung wird selbst zur „Konterrevolution“ erklärt. Der Anführer des Protest soll denunziert werden, andernfalls droht der gesamten Klasse der kollektive Ausschluss vom Abitur. Das bedeutet: keine Aufstiegschancen, sondern schuften als ArbeiterIn. Was als jugendlicher Überschwang begann, zwingt die SchülerInnen dazu, ihre eigenen Überzeugungen und das Regime, in dem sie leben, zu hinterfragen und Position zu beziehen.

Kraume widmet sich damit wie schon in seinem letzten Film einem Stück deutsch-deutscher Geschichte. Wie in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist auch in „Das schweigende Klassenzimmer“ das authentische Setting bis in den kleinsten Winkel der Mise-en-scène perfekt. Mit der Figur Bauers stand ein Zeitzeuge der Verbrechen des Nationalsozialismus sowie Trauma und Verlust einer ganzen Generation im Mittelpunkt…

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Abschluss der CineScience-Reihe „Helden im Film“ im Filmstudio Essen

Bonnie Tyler suchte einen, David Bowie wollte selbst einer sein – zumindest für einen Tag. Aber was genau ist das eigentlich für ein Stoff, aus dem die Helden in Film gemacht sind? Wie werden sie inszeniert? In welcher Welt und Gesellschaft können sie überhaupt über sich hinaus wachsen und zu HeldInnen werden?

All diesen Fragen ist die CineScience-Reihe des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen in Kooperation mit dem Filmstudio Glückauf im letzten halben Jahr nachgegangen. Neben dem klassisch amerikanischen (Action)Helden (hier fehlt die weibliche Form bewusst), dem Wissenschaftler als Filmheld und den Sheroes der Filmgeschichte, schließt die Reihe mit einer Analyse zu AntiheldInnen. Verena Keysers und Nora Schecke vom KWI haben sich als Patinnen und Moderatorinnen des Abends Amerikanist Markus Wierschem und Filmwissenschaftler Alexander Schultz von der Universität Paderborn eingeladen.

Mit einer Fülle von Filmausschnitten und Detailwissen analysieren sie sich durch mehr als 50 Jahre Filmgeschichte. Dabei konzentrieren sie sich auf das US-amerikanische Kino und entwickeln mit dem Publikum gemeinsam die eine oder andere Hypothese dazu, was ein/e AntiheldIn ausmacht. Die ersten Antihelden entwickelten sich in der Spätphase des US-amerikanischen Film Noir Mitte der 1950er Jahre. Das Genre entstand unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. die Welt wurde stets düster und zynisch gezeichnet. Diesem Pessimismus stand nur ein wenn auch gebrochener Held gegenüber.

Wierchem und Schultz erklären, wie sich in der Spätphase des Genres die Figur des Helden zu wandeln beginnt. Exemplarische Ausschnitte aus Robert Aldrichs „Rattennest“ („Kiss me deadly“) stellen darin den Privatdetektiv Mike Hammer …

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Sexualtherapeutin Silke Niggemeier über BDSM als erotische und sexuelle Praxis

Wann und wo beginnt die Geschichte von SM?
Silke Niggemeier
: In der Moderne und der westlichen Welt liegen die Ursprünge in der schwulen Leder-Bewegung in den USA der 1960er Jahre. Deswegen sind auch viele Begriffe aus dem Englischen übernommen worden. BDSM – was SM detaillierter beschreibt – steht für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“. Darüber hinaus besteht eine historische Verbindung zur AIDS-Hilfe, mit der auch heute noch viele SM-Stammtische kooperieren. Abgesehen davon ist SM schon seit Jahrtausenden Teil der menschlichen Kultur, wie Quellen belegen.

Was muss bei Erotik und Sexualität im SM-Bereich beachtet werden?
Der Grundpfeiler ist Respekt. Danach kommt ein Credo, das auch aus der Leder-Schwulenbewegung stammt. Es lautet: Safe, Sane and Consensual, kurz SSC. Also sicher, bei geistiger Gesundheit und einvernehmlich. Mit Sicherheit ist dieselbe Sicherheit gemeint, die auch bei jedem anderen Date gilt. Wer sich als Top [dominanter Part, Anm. der Redaktion] oder als Sub [sich unterwerfender Part] in eine Spielsituation begibt und nicht dafür sorgt, dass er abgesichert ist, hat ein Problem mit Sicherheit ganz allgemein. Auch hier gilt: „Trau, schau wem!“

Wie sieht so eine Absicherung aus?
Indem mich eine dritte Person covered. Dazu informiere ich vorher diese Person darüber, wo ich hingehe und melde mich auch wieder ab, wenn alles vorbei ist. Damit ist sichergestellt, dass ich aus einer Spielsituation gesund herauskomme. Meine Kontaktperson kann auch zwischendurch anrufen und fragen, ob alles ok ist. Da kann dann ein Codewort vereinbart werden. Zum Beispiel: Wenn ich „Hey Mama“ sage, weiß mein Kontakt, dass ich Hilfe benötige. Außerdem kann man sich erst mal in der Öffentlichkeit treffen, etwa beim Stammtisch. Da kann ich auch beobachten, wie der/die gewünschte Partner*in auf bestimmte Themen reagiert und ob er oder sie überhaupt öffentlich in Erscheinung tritt, das eigene Gesicht zeigt. Prinzipiell ist jeder One-Night-Stand, bei dem Fremde miteinander Vanilla-Sex haben – also Sexualität ohne SM – ebenso riskant.

Über die Praxis hinaus, was unterscheidet SM noch von „Vanilla“-Sex?
Zum SM gehört mehr als zu jeder anderen Art von Sexualität oder Erotik Kommunikation. Reden, reden, reden! So schrecklich die „Fifty Shades of Grey“-Bücher sind, dort gibt es einen Vertrag zwischen dem Top und dem Sub. Solche Verträge, die die Regeln einer Spielsituation oder Beziehung beschreiben, gibt es tatsächlich, sie sind jedoch nicht rechtlich bindend. Im Internet finden sich unzählige Varianten davon und ich rate gern dazu, sich mit so einem Vertrag mal hinzusetzen und diesen als Basis für ein Gespräch zu nehmen, was die Partner voneinander wollen, brauchen und was eben gar nicht infrage kommt.

Ist der machtvolle Manager privat eher unterwürfig oder ist das nur ein Klischee?
Ich glaube, dazu gibt es keine Zahlen. Es ist ein Klischee, aber vielleicht nicht ohne Grund. Es gibt bestimmt den Manager, der sich auspeitschen lässt. Genauso wie es im Alltagsleben dominante Männer gibt, die auch in ihrem Sexualleben dominant sind. Ich kenne tatsächlich mehr Frauen in Verantwortungspositionen als Männer, die im SM Sub sind. Männer sind oft im Alltag ähnlich positioniert, wie in ihrer erotischen Rolle. Auch hier besteht ein Kontrast. Es sind meist sehr toughe Frauen, auf ihre Art Managerinnen, mit Doppelbelastung durch Familie und Berufstätigkeit, die im Alltag ständig ihren Mann stehen müssen und sich dann im privaten SM-Bereich fallen lassen können. Es ist der Spaß am Rollentausch, der selbst gewählt ist und daher als befreiend empfunden wird. Das ist für mich eine sehr emanzipierte Form von Erotik, bei der ich selbst entscheide, wann ich mich zum Spaß als „kleines Weibchen“ unterwerfe und wann ich in meinen Alltag zurückkehre, stark bin und mein Leben regiere.

Was ist mit Dominas?
Da muss zwischen klassischen Dominas und sogenannten Bizarr-Ladies unterschieden werden. Letztere haben meist auch sexuellen Körperkontakt. Klassische Dominas haben den mit ihren Kunden nicht. Da gibt es sehr tolle Frauen, die Workshops anbieten, Vorträge halten, hervorragend vernetzt sind und das privat leben. Gute Dominas benötigen viel Empathie, psychologische Grundkenntnisse und medizinisches Fachwissen um die menschliche Anatomie. Diese Kompetenzen einer guten Domina sind jeden Cent wert.

Das ungekürzte Interview ist zuerst erschienen auf trailer-ruhr.de.

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Ich bin dagegen: Besser unterstützen als boykottieren

Hoffen wir, dass das nur wieder eine seiner Phasen ist. So wie Ende der 1990er Jahre, als sich Daniel Day-Lewis für fünf Jahre aus dem Filmbusiness zurückzog, um sich in Italien dem Schuhhandwerk zu widmen. Denn der einzige Schauspieler, der bisher drei Academy Awards als bester Hauptdarsteller in Empfang nehmen durfte („Mein linker Fuß“, „There Will Be Blood“ und „Lincoln“), will seine Karriere nun beenden. Sein Abschiedsfilm soll „Der seidene Faden“ sein, in dem er an der Seite von Vicky Krieps einen Designer im London der 1950er Jahre spielt. Regisseur Paul Thomas Anderson versucht sich hier auch erfolgreich als Kameramann und schafft ein Werk voll altmodischer Eleganz und visueller Perfektion, zugleich unser Film des Monats.

Ein eher unfreiwilliges Karriere-Aus ereilt gerade Kevin Spacey. Im Strudel der #MeToo-Welle wurde er nicht nur aus der Netflix-Erfolgsserie „House of Cards“ geschmissen. Ridley Scott schnitt ihn zudem kurz vor der Premiere in einem Gewaltakt aus seinem neuen Werk „Alles Geld der Welt“, ersetzte ihn kurzerhand durch Christopher Plummer. An der Frage, ob solch statuierte Exempel etwas an der Situation von Frauen (und Männern, wie die Vorwürfe gegen Spacey zeigen) in Filmbranche und Gesellschaft ändert, scheiden sich die Geister, genauso wie an den prominentesten Beispielen Woody Allen und Roman Polanski. #MeToo hat den Kreis jetzt radikal erweitert, in Deutschland zum Beispiel um Dieter Wedel. Drei Ex-Schauspielerinnen werfen ihm im ZEIT Magazin sexuelle Nötigung vor. Dürfen Meilensteine des Kinos wie Allens „Manhattan“ oder Polanskis „Der Pianist“ trotz der gegen ihre Regisseure erhobenen Vorwürfe weiterhin gezeigt, geguckt und gemocht werden?

Sollten wir AutorIn und Werk nicht trennen? Wer entscheidet darüber, ob Vorwürfe stimmen, wenn Aussage gegen Aussage steht und die meisten sexuellen Übergriffe nie juristisch verhandelt werden? Welche/r KonsumentIn will da prophylaktisch boykottieren oder sich gar zum Richter aufschwingen? Hinzu kommt, dass erfolgreiche Boykotte niemals nur Einzelpersonen treffen, denn Film ist immer Teamwork. Und schert sich Hollywood überhaupt um das deutsche Publikum, das im Europavergleich eher kinofaul ist?

Ich habe darauf keine abschließende Antwort. Sinnvoller wäre es, bewusst Filme von Regisseurinnen und solche mit starken Frauenfiguren zu supporten. Im Februar zum Beispiel Barbara Alberts Historiendrama „Licht“, das sich der blinden Wiener Klaviervirtuosin Maria Theresia Paradis widmet. Diese lebte zwar im 18. Jahrhundert, das Biopic funktioniert bei Albert aber auch als Emanzipationsgeschichte einer Frau mit Behinderung. Oder der Rache-Western „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“, der schon im Januar gestartet ist. Die indonesische Regisseurin Mouly Surya erobert damit eines der männlichsten Genres überhaupt. Titelheldin Marlina kann es nicht nur mühelos mit John Wayne aufnehmen, sondern wäre auch in einer Girls-Gang mit Beatrice Kiddo oder Shoshanna Dreyfus gut aufgehoben. Statt sich von vier Verbrechern ausrauben und vergewaltigen zu lassen, setzt sie sich zur Wehr und mutiert mit einem Kopf unter dem Arm zur Heroine aller unterdrückten Frauen Indonesiens. Nicht nur ein feministischer, auch ein cinematographischer Genuss und eine Abwechslung von den Sehgewohnheiten des westlichen Kinos.

Dieser Text erschien im trailer ruhr-Magazin 02/18 und online auf:
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Das Recht zu schreiben – Good Girls Revolt

Schreibmaschinen-Stakkato, auf Papier kritzelnde Bleistifte, klingelnde Telefone, klackernde Wählscheiben und Telexmaschinen: Schon die ersten Einstellungen von „Good Girls Revolt“ kreieren ein Gefühl wohliger Nostalgie aus einer Zeit, als Journalismus noch ein Handwerk und Recherche mehr als eine Wikipedia-Stippvisite war.

Die Sequenz zeigt die Redaktion der New Yorker Zeitschrift „News of the Week“ 1969. Draußen auf der Straße wird für den Frieden und gegen den Vietnamkrieg protestiert, Malcolm X und Martin Luther King sind bereits ermordet worden, die Schwarze Bürgerrechtsbewegung wehrt sich gegen die seit dem Civil Rights Act 1964 gesetzlich illegale Diskriminierung…

Zum vollständigen Text auf www.missy-magazine.de

 

„Perspective Daily“ bietet konstruktiven Netz-Journalismus (Portrait)

Die Welt ist noch zu retten

Medien sind – und das nicht erst seit dem Digitalzeitalter – unser Zugang zu Informationen und somit zu der Welt, die uns umgibt. Die Art, wie und worüber sie berichten, prägt das Bild mit, das wir uns von der Welt, der Gesellschaft und unserer eigenen Position darin machen.

Wer eine Nachrichtensendung einschaltet oder Zeitung liest, kennt das Gefühl: Terroranschlag, Flutkatastrophe, Waldbrand, Unfälle und Krieg sind uns zur Gewohnheit geworden. Für die komplexen Probleme unserer Zeit scheint es keine Lösungen mehr zu geben. Daraus folgt nicht selten ein Gefühl der Ohnmacht, die wiederum in Resignation mündet. Warum also nicht einfach mit K.I.Z.s „Wir sitzen im Atomschutzbunker, Hurra, diese Welt geht unter“ auf den Lippen der unabwendbaren Apokalypse harren?

Dieser „erlernten Hilflosigkeit“, ein aus der Psychologie entlehnter Begriff zur Erklärung depressiver Erkrankungen, möchte das Gründer-Trio von „Perspective Daily“ etwas entgegensetzen. Maren Urner und Bernhard Eickenberg kennen sich bereits seit der Schulzeit, der gebürtige Niederländer Han Langeslag stieß 2007 dazu. Mit ihrem Crowdfunding Projekt wollen die drei promovierten Naturwissenschaftler das erste deutsche Online-Medium für Konstruktiven Journalismus starten.

„Von der Idee bis zur 180°-Wendung von der Wissenschaft zum Journalismus war es ein längerer Prozess“, erklärt Han Langeslag, der wie die beiden anderen Gründungsmitglieder nicht mehr in der Forschung tätig ist, sondern sich vollständig auf das Projekt konzentriert. „Der Konstruktive Journalismus ist mittlerweile eine internationale Bewegung und vor kurzem wurde der erste Lehrstuhl für das Thema in den Niederlanden besetzt. In Deutschland fehlt es bisher an einer Stimme, die Mut macht und die Menschen aktiv dazu auffordert, in die Debatte einzusteigen“.

Bereits erfolgreiche Projekte im Ausland, z.B. De Correspondent in den Niederlanden, das Constructive Journalism Project und Positive News in Großbritannien oder das Solutions Journalism Network in den USA dienten dabei als Inspiration.

Angelehnt ist das Konzept an die Positive Psychologie. Diese formierte sich seit den 1980er Jahren als Gegenpol zur auf Defizite gerichteten Psychologie, analysiert auch Gefühle wie Glück und Optimismus. Mit Themen wie Flüchtlingssituation, Klimawandel, Islamismus und EU-Zusammenhalt auf der Agenda von Perspective Daily ist klar, dass der Fokus nicht auf positive Nachrichten verengt werden soll. Probleme sollen sichtbar gemacht und klar benannt, aber nicht als gegeben und unumkehrbar dargestellt werden. Im Aufzeigen neuer Perspektiven und der lösungsorientierten Berichterstattung liegt der Hauptunterschied zum klassischen Journalismus.

Angst vor Fachjargon und Schachtelsätzen müssen die LeserInnen nicht haben. „Die Artikel richten sich an Menschen, die mitdenken. Wissenschaftliche Themen wie z.B. die Energiewende werden herunter gebrochen, so dass sie auch ohne Vorkenntnisse verständlich sind. Wir wollen die Leser bei der Hand nehmen“, ermuntert Han Langeslag künftige LeserInnen und Mitglieder.

Diese Art der Berichterstattung erfordert genau wie die klassische Berichterstattung das journalistische Handwerkszeug. Gründliche, investigative Recherche soll den Artikeln auf Perspective Daily ebenso als Basis dienen wie Forschungsergebnisse oder soziologische Studien. Nah an der wissenschaftlichen Arbeitsweise ist dazu der Anspruch, eine uneindeutige Datenlage oder sich widersprechende Fakten auch als solche transparent zu machen.

Perspektive Daily will und kann so keine sich im Sekundentakt aktualisierende Nachrichtenseite sein. Angepeilt ist mit einem gründlich recherchierten Artikel pro Tag dennoch ein ambitioniertes Ziel, das ab Mitte April 2016 verwirklicht werden soll. Unterstützt werden die GründerInnen dabei von bereits ausgewählten GastautorInnen wie Glücksforscherin Ute Scheub oder Nahost- und Islamismusexperte Dr. Guido Steinberg. Kontakte zu und weitere Kooperationen mit wissenschaftlichen Einrichtungen und NGOs gehören genauso zum Konzept wie prominente Unterstützung von u.a. der Berliner Schauspielerin Nora Tschirner und Gesine Schwan.

Nachtrag 03.01.2017: Webpräsenz von Perspective Daily.7

Zuerst erschienen unter: www.trailer-ruhr.de

Navid Kermani liest aus „Ungläubiges Staunen“ in Bochum

Wenn ein evangelischer Pfarrer einen Muslim einlädt, um in einer auch profan genutzten Kirche über katholische Bildwelten zu sprechen, ist das ungewöhnlich. Wenn der geladene Gast auch noch Navid Kermani ist, passt dann aber doch alles zusammen.

Schwelgend stellt Pfarrer Arno Lohmann, Leiter der evangelischen Stadtakademie Bochum, den Autor vor: Habilitierter Orientalist, gewürdigt mit zahlreichen Auszeichnungen für sein literarisches und kulturelles Schaffen (zuletzt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels) und Engagement für den interreligiösen und interkulturellen Dialog zwischen Europa und der islamischen Welt.

Mit dem Juristen, Kulturwissenschaftler und Goethe-Kenner Dr. Manfred Osten, der in diplomatischer Mission u.a. in Kamerun und im Tschad und fast eine Dekade als Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung tätig war, steht Kermani ein nicht minder kompetenter Gesprächspartner zur Seite.

Leichtfüßig und unterhaltsam

Unbeeindruckt von diesen Verdiensten entwickelt sich die Lesung leichtfüßig und unterhaltsam. In „Ungläubiges Staunen“ setzt sich Navid Kermani mit christlichen Bildwelten auseinander. Der Ansatz ist kein intellektuell-kunsthistorischer, sondern gründet in der Überwältigung und Faszination angesichts von Meisterwerken christlicher Motivik in der Malerei und Sakralarchitektur.

Vor der mehr als zur Hälfte gefüllten Christuskirche Bochum liest Kermani seine Kapitel zu den Themen Liebe und Lust, während er die dazugehörigen Bilder mittels Beamer zeigt. So, wie er von Farbe und Licht in El Grecos „Abschied Christi von Maria“ schwärmt oder seine Sprach- und Atemlosigkeit vor dem Gerhard Richter-Fenster im Kölner Dom schildert,  scheint Liebe der passende Leitfaden.

Doch dabei bleibt es nicht. In El Grecos Werk fällt ihm ein „komisches Schmachten“ auf, das so gar nicht zu der Mutter-Sohn-Beziehung passen will, in Caravaggios „Die Opferung Isaaks“ erkennt er im Vater den „Hausmeister Gottes“ und im Kölner Dom sieht er eher eine Menschenleistung: „Der Dom preist nicht Gott, son­dern die Köl­ner. Ich mag, das, nicht nur als Kölner.“

Die gelesenen Kapitel verraten, wie genussvoll störrisch Kermani in „Ungläubiges Staunen“ seine subjektive Analyse ausbreitet, augenzwinkernd frech, ausdrücklich gegen die kanonische Lesart, aber niemals beleidigend. Dieser Respekt vor der anderen, fremden Religion, macht ihn wie von Manfred Osten angekündigt zu einem „synoptischen Brückenbauer“. Die Christuskirche, vor der am 11.12. der Platz des europäischen Versprechens“ eröffnet wird, ist dafür ein würdiger Ort.

Dabei kann es aber auch an diesem Abend nicht bleiben. Schon lange vor Pegida, Paris und Europas Eintritt in den Krieg gegen den Terror des IS hat der Gottesglaube seine Unschuld verloren. Kermani selbst ist zu wach und kritisch gegenüber seiner eigenen Religion, als dass er dieses Thema meiden würde. Die kurzen Exkurse zwischen den vier vorgetragenen Abschnitten aus seinem Buch streifen auch ernste Themenfelder.

Islam und Islamismus

Da geht es um den Unterscheid zwischen der Theologie und sinnlich erfahrbarer Religiosität, die Körperfeindlichkeit des Christentums und um Islam und Islamismus. Auch hier zeigt sich Kermani als wacher Denker, der mit beiden Welten bis in Details vertraut ist.

Die wörtliche, gewalttätige Auslegung des Korans sei kein Problem der Orthodoxie, sondern eine Reaktion der Muslime auf die Schwäche und Unfähigkeit ihrer religiösen Lehrer, Antworten auf die Herausforderungen der Moderne zu finden. Mehrfach betont Kermani, dass Theologie dazu da wäre, das nicht Erklärbare zu erklären und nicht mit der sinnlich erfahrbaren Religion identisch sei.

Der Koran, so Kermani weiter, sei „ein liturgischer Text“ und kein Text an sich. Die martialische Lesart des Koran durch islamistische Terroristen sei somit auch keine Besinnung auf, sondern der Verlust der Tradition, die die Rezitation der Suren während des Gebets und nicht deren wörtliche Umsetzung fordert. „Es käme ja auch niemand auf die Idee, eine Partitur einfach vorzulesen ohne Musik. Wie die Partitur wird der Koran erst durch Gesang zum Text“, veranschaulicht Kermani. In diesem Kontext erlaubt sich der Optimist eine pessimistische Aussage „Der Glaube, dass Geschichte immer nach vorne geht und sich weiterentwickelt, wurde schon zu oft widerlegt. Ich glaube eher, sie verläuft zyklisch.“

Schlusspointe

Als es um „die ungeübten Knutscher“ in Giottos „Joachim und Anne“ und um Lust als Facette der Liebe geht, schließt die Lesung humorvoll ab. Der Auor beschreibt den ungewöhnlich leidenschaftlichen Kuss des älteren Paares, das das Strohfeuer der Jugendliebe überdauert hat. Lust und Sexualität beschäftigen Kermani. Denn aufgewachsen im protestantischen Siegen nahm er die Protestanten als „gute, aber nicht schöne Menschen“ wahr, bei denen er an „Nächstenliebe, nie an Sex“ dachte. Evangelische Kirchentage beschreibt er als „die unerotischste Veranstaltung“ seines Lebens. Die Begeisterung für alles Wolllüstige habe ihm aber nicht Körperfeindlichkeit des Christentums, sondern erst die allgegenwärtige Pornografie ausgetrieben, wo „alle alles, an allen Orten“ treiben.

Nach der Lesung signiert Kermani geduldig, bis keine Exemplare der mitgebrachten Bücher mehr übrig sind. Er schüttelt Hände und nimmt Bekundungen wie „Ich danke Ihnen, gut, dass es sie gibt!“ sichtlich errötend zur Kenntnis. Würden wir wie Kermani dem Fremden, dem jeweils Andern so offen und neugierig begegnen, ohne die Überzeugung, alles besser zu wissen – die Welt wäre eine andere. Der ökumenische Blick und die Horizonterweiterung, wie sie Manfred Osten eingangs ankündigte, sind zumindest an diesem Abend geglückt.

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Es kann nicht nur den Einen geben (Leitartikel zum Thema Islam)

„Der Islam gehört zu Deutschland“. Was Ex-Bundespräsident Christian Wulff 2010 sagte, wiederholte Angela Merkel im Januar 2015 bei einer Kundgebung gegen islamistischen Terror, als Reaktion auf den Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“. Aber diese Aussage ist unsinnig. Den Islam gibt es weder in Deutschland, noch sonst irgendwo. Der Islam fächert sich in verschiedene, einander teilweise spinnefeind gegenüberstehende Glaubensrichtungen und Subbewegungen auf. Das gilt nicht nur global, sondern auch für Deutschland. Selbst herunter gebrochen auf NRW, wo die Mehrheit der Muslime in Deutschland lebt, kann von „dem“ Islam nicht die Rede sein. Das deutsche Allgemeinwissen rund um den Glauben, zu dem sich weltweit etwa rund 1,5 Milliarden Menschen bekennen, wabert irgendwo zwischen den exotischen Märchen von 1001 Nacht und den Enthauptungsvideos des IS.

Wie komplex sich der Islam hierzulande präsentiert, verdeutlicht die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ von 2008. Von der Deutschen Islam Konferenz in Auftrag gegeben, gilt diese erste bundesweite Befragung von Migranten auch 2015 noch als repräsentativ, ebenso wie die aus ihr hervorgegangene Zusatzstudie „Muslimisches Leben in NRW“ (2009). Die eindeutig größte Konfessionsgruppe stellen in NRW die Sunniten (80,4%). Mit großem Abstand folgen Aleviten (9,1%), die derzeit intern diskutieren, ob sie überhaupt zum Islam gehören, hinzu kommen Shiiten (6,1%), Ahmadi (0,4%), Sufi/Mystiker (0,2) und 3,7% „Sonstige“.

Wie der Islam insgesamt von Nicht-Muslimen wahrgenommen wird, darüber gibt eine Sonderauswertung des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung Auskunft. Ein Ergebnis der Umfrage von 2012 ist besonders ernüchternd: „Islamfeindlichkeit ist keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern findet sich in der Mitte der Gesellschaft“; das Image der vielfältigen Religion ist seitdem nicht besser geworden.

Diverse Akteure sind in Sachen Islam unterwegs, um das zu ändern. Denn anders als christliche Kirchen ist der Islam weniger hierarchisch. Eine höchste Autorität gibt es ebenso wenig wie einen formellen Aufnahmeakt, die Zahl der fest in Gemeinden organisierten Muslime ist unklar.

In neun Verbänden sind aber rund die Hälfte der Muslime in ganz Deutschland organisiert, vier davon üben den größten Einfluss aus. Mit 700-900 zu vertretenden Gemeinden steht die DITIB zahlenmäßig an der Spitze und würde gerne alle deutschen Muslime repräsentieren. Allerdings sind in ihr allein türkischstämmige Sunniten organisiert und sie ist dem Ministerpräsidentenamt in Ankara unterstellt, Imame und Geld kommen daher aus der Türkei. Auch der Verband islamischer Kulturzentren (VIKZ) vertritt Muslime mit türkischen Wurzeln. Multiethnisch sind der Islamrat der BRD und der Zentralrat der Muslime angelegt, die auch Stimmen von Gläubigen mit afrikanischen, arabischen oder bosnischen Wurzeln vertreten.

Ebenfalls verschiedenen Konfessionen will das erst im April 2015 auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung gegründete Muslimische Forum Deutschland Gehör verschaffen, zu deren Mitbegründern Prof. Dr. Mouchanad Khorchide oder Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gehören. Letztere ist auch Vorsitzende des Liberal Islamischen Bundes. Dieser sieht sich „in der Verantwortung, die mehrheitlich liberalen Positionen des in Europa vorherrschenden Islamverständnisses zu vertreten“, fordert die dogmenfreie Diskussion des Koran und die Gleichstellung der Geschlechter wie die Anerkennung homosexueller Partnerschaften.

Auf kleinerer Ebene ist die Moschee das Zentrum einer jeden Gemeinde. Mal versteckt in Wohnsiedlungen, nicht einmal verraten durch ein Minarett, mal monumental wie die Merkez Moschee in Duisburg-Marxloh, die sich als interreligiöses und interkulturelles Begegnungszentrum versteht. Erst auf Gemeindeebende nähert man sich der Lebenspraxis von Muslimen, denn hier wird nicht nur der religiöse, sondern auch der weltliche Alltag organisiert. Die Aufgaben reichen weit über den Ruf zum Gebet hinaus: Seelsorge, Krankenpflege oder Jugendarbeit sind wie in christlichen Gemeinden zu bewältigen. Moscheegemeinden werden aber nicht wie Kirchen vom Staat anerkannt und unterstützt.

Dafür müsste „der“ Islam zuerst als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden, was aufgrund der beschriebenen Vielseitigkeit schwierig ist. Nicht der eine Islam, aber viele seiner Facetten sind Teil der deutschen Gesellschaft und somit unserer Kultur. Ob ein einzelner Islam oder überhaupt eine weitere, vom Staat anerkannte Religionsgemeinschaft wünschenswert ist, bleibt fraglich. Diskutiert werden sollte, ob nicht sämtliche Religionen ins Private gehören. Vor der Herausforderung, den Islam zu modernisieren, stehen die Muslime aber trotzdem. Denn neben der Fiktion von 1001 Nacht gibt es real eben auch 1000 Peitschenhiebe für Raif Badawi.

Zuerst erschienen in trailer 06/15, online unter: www.trailer-ruhr.de

Leitartikel zum Thema GLÜCK

Wir müssen nur wollen

Bei einem Samenerguss werden im Schnitt zwei bis sechs Milliliter Ejakulat ausgestoßen. Von den darin enthaltenden Spermien landen rund 300 Millionen in der Scheide, wiederum nur ein Teil davon nimmt den Hindernisparcours des Eileiters in Angriff. Nur circa 300 erreichen die Eizelle, das macht 0,0001 Prozent der ursprünglichen Suppe. Was das alles mit Glück zu tun hat? Selbst wenn man sonstige, die Fruchtbarkeit beeinflussende Faktoren außen vor lässt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass neues Leben bei einem Akt zustande kommt, gering. Wenn auch größer als die, sechs Richtige im Lotto zu tippen (0,0000064 %). Obwohl mehr Kinder geboren werden als Lottogewinner jubeln, dürfte sich jeder von uns rein qua Geburt ständig als ausgesprochener Glückspilz fühlen.

Aber auch wenn kein Mangel an existentiellen Dingen wie Wasser, Nahrung, Obdach, Kleidung und an sozialen Annehmlichkeiten wie freundschaftlichen, familiären oder sexuellen Beziehungen besteht, hüpft niemand von uns unablässig von purem Glück beseelt durch Gegend. Im Gegenteil. Laut einer Schätzung der WHO wird die depressive Störung 2020 die weltweit zweithäufigste Erkrankung darstellen. Stehen wir in den westlichen Industrienationen auf Kriegsfuß mit dem Glück? Schließlich gilt Deutschland nicht nur als Land der Dichter und Denker, sondern auch als das der notorischen Nörgler.

Nicht wenn man dem World Happiness Report 2015, der am 23.4. in New York vom Earth Institute der Columbia Universität veröffentlicht wurde, glaubt. In Puncto Glücksempfinden steht die BRD auf Rang 26 von 160 Ländern passabel dar. Am glücklichsten sind dem Ranking zufolge die Schweizer, aber auch Westeuropa insgesamt schneidet sehr gut ab, stellt mit Island, Norwegen, Finnland, den Niederlanden und Schweden noch fünf weitere der zehn glücklichsten Staaten. Einen Eindruck unseres nationalen Glücksempfindens vermittelt der Glücksatlas der Deutschen Post von 2014, dessen Datenbasis Umfragen des Allensbacher Instituts und die repräsentativen Erhebungen des Sozioökonomischen Panels (SOEP) bilden, das seit mehr als 30 Jahren Wiederholungsbefragungen in Privathaushalten durchführt und auch „subjektive“ Daten zur Lebenszufriedenheit sammelt. Deutschland befindet sich demzufolge seit vier Jahren auf einem „Zufriedenheitsplateau“, das Ruhrgebiet und Westdeutschland schneiden im guten Mittelfeld ab, hinter dem noch zufriedeneren Norden und vor dem mürrischen Osten.

Abgesehen von der Geografie: Wo finden wir unser individuelles Glück? Natürlich im Internet. Bei der Eingabe des Schlagwortes „Glück“ in den Amazon-Bücherkatalog werden dem Glückssuchenden 31.537 Ergebnisse geliefert. Die Ratgeberliteratur, die mannigfaltige Wege zum ultimativen Glück verspricht, boomt seit Jahren ebenso wie Seminare bei sogenannten Lifecoaches. Rund ums Thema Glück pulsiert eine ganze Industrie, die weniger nach dem „pursuit of happiness“ der Konsumenten, als nach Vermehrung der eigenen Einkünfte lechzt.

Kann uns die Wissenschaft Antworten liefern? Akademisch versucht sich die Glücksforschung seit den 1980er Jahren als empirische Wissenschaft zu etablieren. Der Soziologe Alfred Bellebaum gilt als Pionier des deutschen Forschungszweigs, in deren Teilbereichen sich u.a. Philosophen, Neurobiologen, Soziologen oder Psychologen mit Problemen der Gegenstandsbestimmung, Methodik, Messbarkeit und der Theoriebildung kämpfen. Die US-Journalistin Barbara Ehrenreich ist eine der bekanntesten Kritikerinnen des Teilbereichs der Positiven Psychologie. In ihrem 2009 veröffentlichten Sachbuch „Smile or Die: Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“ konstatiert sie, dass das positive Denken das Glück als Mittel zum Zweck instrumentalisiert, um im Sinne des Marktes unser aller Leistungsfähigkeit zu steigern.

So interpretiert, fügt sich das Produkt Glück™ nahtlos in den Kapitalismus ein. Das „Streben nach Glück“ impliziert ja auch die Arbeit, die damit verbunden ist. Glück fällt nicht einfach so vom Himmel, wenn jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Daraus resultiert vielmehr, dass wir alle glücklich sein können – wenn wir uns nur hart genug darum bemühen.

Wie die Schönheit liegt auch das Glück stets im Auge des Betrachters. (Markt)Forschung und Ratgeber können uns nicht sagen, wie glücklich wir sind und auch nicht, wie wir es werden. Fangen wir doch damit an uns gemeinsam darüber zu freuen, dass wir erfolgreich 299.999.999 andere Spermien abgehangen haben, um bis hierhin zu kommen. Wer dann unbedingt noch den Vergleich sucht: Zu den Schlusslichtern im World Happiness Report gehören u.a. die Bevölkerungen Afghanistans und Syriens. Glücklich macht diese Information gewiss nicht, sie regt aber zum Nachdenken an.

Zuerst erschienen in trailer 05/16, online unter: www.trailer-ruhr.de