Ziemlich netter Typ: Stephen Graham

Als Nebendarsteller hat Stephen Graham Gangster, Neonazis und Psychopathen gespielt, die im Gedächtnis blieben. Spätestens seit seinem Erfolg mit »Adolescence« bekommt er auch in der ersten Reihe die Aufmerksamkeit, die er schon lange verdient

Gauner, Kleinkriminelle, Mörder, Neonazis, Psychopathen – Stephen Graham hat sie alle gespielt. Wer Gangsterfilme mag, kennt sein Gesicht. Lange war er einer dieser Nebendarsteller, die überall mitspielen, die man sofort wiedererkennt – nur der Name fällt einem partout nicht ein. Das liegt nicht an mangelndem Charisma und erst recht nicht an seinem Talent, denn der 1973 in Liverpool geborene Schauspieler ist einer der besten und nuanciertesten britischen Schauspieler der letzten 25 Jahre. Seit dem Erfolg der One-Shot-Netflix-Sensation »Adolescence« 2025, für die er das Drehbuch schrieb, die er produzierte und in der er die Rolle des Vaters übernahm, ist sein Name ein Begriff.

Die Berufung zum Schauspieler ereilte Graham früh. Seine erste Rolle spielte er mit zehn Jahren in der Schultheaterproduktion »Die Schatzinsel«, als Teenager trat er in Produktionen des Everyman Theatre auf, unter anderem beim renommierten Edinburgh Festival. In den 1990er Jahren war er in einigen britischen TV-Serien zu sehen, unter anderem in zwei Episoden der Kinder-Krankenhausserie »Children’s Ward«. Nach seinem Schulabschluss besuchte er das Rose Bruford College in London, das auch Gary Oldman absolviert hat. Erste größere Filmrollen übernahm Graham 2000 in Guy Ritchies »Snatch« – wo er als tapsig-naiver Sidekick von Jason Statham seine selten gezeigte komödiantische Seite offenbart – und in Martin Scorseses »Gangs of New York« (2002).

Das Abgründige, auch körperlich Brachiale steht Graham einfach zu gut. Größere Bekanntheit erlangte er mit genau einer solchen Rolle: In »This Is England« (Shane Meadows, 2006) bringt er als Combo, der nach drei Jahren Haft und nationalistisch radikalisiert zurück in seine Heimatstadt kommt, die Dynamik einer friedlichen Skinhead-Gruppe durcheinander. Oft zitiert wird sein rassistischer Monolog, in dem jedes seiner Worte, die er wie Gift und Galle ausspeit, beängstigend glaubwürdig wirkt. Dabei überzeugt er vor allem in den emotional leisen Momenten. Combos harte Fassade bröckelt, wenn er behutsam den zwölfjährigen Shaun unter seine Fittiche nimmt oder Skinhead-Girl Lol seine Liebe gesteht….

Der vollständige Text ist erschienen in epd Film 05/2026 und online hier abrufbar.