Premiere von Kerstin Poltes „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ in Essener Lichtburg am 2.5.18

v.l.n.r.: Meret Becker, Annalee Ranft, Kerstin Polte, Karl Kranzkowski Foto: Maxi Braun

Essen, den 2.5.: Es gibt diese Momente, in denen uns ein Mensch auffällt. Weil er aus der Masse heraus sticht oder abseits alleine steht. Wir beobachten diese Person, studieren ihre Haltung, ihre Mimik und etwas fesselt uns an der Art, wie er oder sie ein Buch, ein Bier oder eine Zigarette hält. Wenn sich dann die Blicke kreuzen und wir den Mut fassen, ein Gespräch zu suchen, versuchen wir dem Gegenüber telepathisch einzuflüstern: Bitte, sag oder tue jetzt nichts, was diesen ersten, magischen Eindruck zerstört.

Ein ähnliches Gefühl wie dieses Flirtszenario erzeugt auch Kerstin Polts Debüt-Spielfilm „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“. Es ist einer dieser Filme, die man von Anfang an mögen will. Liebevolle Opening Credits, ein schmissiger Song, wohl komponierte Einstellungen, die einen emotional und ästhetisch auf das vorbereiten, was kommt. Und auch während dieser Exposition hoffen wir inständig, dass der erste, positive Eindruck nicht zerstört werden möge. Diese Hoffnung setzt in diesem Fall unterbewusst schon vor der Filmvorführung ein. Die Regisseurin und HauptdarstellerInnen Meret Becker, Karl Kranzkowski und Annalee Ranft nehmen sich Zeit auf dem roten Teppich, machen Faxen vor der Fotowand, wirken bodenständig, sympathisch. Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen posiert mit seinem Mann Davi Lüngen, Joachim H. Luger (besser bekannt als Hans Beimer aus der „Lindenstraße“) versucht sich mit Sonnenbrille vorbei zu schleichen.

Im Saal berichtet Maximilian Leo von der Produktionsfirma „Augenschein“, dass es über sieben Jahre vom Exposé auf seinem Tisch bis zur Realisation des Films gedauert habe, der schließlich in nur 25 Drehtagen auf Fehmarn mit viel Herzblut abgedreht wurde. Thomas Kufen bescheinigt der Regisseurin, alles richtig gemacht zu haben: „Sie feiern die Premiere im größten und schönsten Kino Deutschlands“. Im Mittelpunkt des Films steht Charlotte (Corinna Harfouch), die nach mehr als 37 Jahren Ehe mit ihrem Mann Paul (Karl Kranzkowski) nicht nur unter der Routine leidet. Charlotte vergisst immer mehr und fürchtet sich davor, gänzlich zu verschwinden. Weder ihrem Mann, noch ihrer chaotischen Tochter Alex (Meret Becker) oder ihrer Enkelin Jo (Annalee Ranft) vertraut sie sich an. Als sie Paul spontan an einer Autobahnraststätte stehen lässt und mit Jo zu einem Abenteuertrip aufbricht, setzt der impulsive Befreiungsakt erst die Handlung in Gang.

In „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“ werden eine Vielzahl von Themen gleichermaßen tiefgründig wie leichtfüßig verhandelt: Es geht ganz praktisch um Krankheit, Alter, allein erziehende Mütter, rebellische Töchter, die Tücken des Alltags eben. Auf einer Metaebene streift die Regisseurin aber die ganz großen Themen…

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Leitartikel zum Thema KARL MARX (engels-Magazin 05/18)

Marx modern frisiert

Die Frage ist nicht ob, sondern wie der Kapitalismus endet

Ein TV-Interview von Richard David Precht mit Sahra Wagenknecht 2015 brachte den Widerspruch von Philosophie und Politik auf den Punkt: Für Wagenknecht steht die Utopie am Ende einer Entwicklung vieler kleiner Maßnahmen. Precht meint, die Utopie muss der Ausgangspunkt jeder tiefgreifenden, gesellschaftlichen Veränderung sein. Aber wie gelangen wir zu Utopien, die nichts anderes als Antworten auf die Frage sind: Wie wollen wir leben?

Mitte des 19. Jahrhunderts erdachte Karl Marx so eine Utopie: den Kommunismus. Die Versuche praktischer Umsetzung, ob ernst gemeint oder ideologisch instrumentalisiert, können nur als brutal gescheitert gesehen werden. Für dieses Scheitern konnte Marx nichts, viele andere Entwicklungen hat er prophetisch vorhergesagt. Das verelendete Proletariat haben wir im Zuge der Globalisierung in die Textilfabriken, Bergwerke oder Minen Asiens und Afrikas ausgelagert. Konzerne wie Nestlé, Google oder Facebook konzentrieren Macht und Reichtum in nie gekanntem Maße und die Krisenanfälligkeit unserer Wirtschaft ist seit 2007 keine Propaganda einer irren Kommunisten-Kassandra mehr, sondern Realität.

Kann uns Marx bei der Gestaltung unserer Zukunft behilflich sein? Tatsächlich könnte die Digitalisierung die Überwindung der arbeitsteiligen Gesellschaft bedeuten, das Ende der Lohnarbeit und der Trennung in eine herrschende, weil über die Produktionsmittel verfügende Klasse und eine beherrschte, über die Produktivkraft verfügende Klasse. Harald Welzer und Precht beschäftigen sich beide mit der digitalen Revolution und deren –nach Perspektive – utopischen bis dystopischen Folgen. Welzer skizziert in seinem Buch „Die smarte Diktatur“ (2016) das Digitale als Triebkraft, die den Kapitalismus in neue Extreme führen wird. Precht identifiziert im Digitalen eine Chance zur Überwindung des Kapitalismus. Er malt sich flexible Start-Upper aus, die in einem Café vor dem Laptop sitzen und Latte Macchiato süppelnd Aufträge abarbeiten, während die Kinder zu ihren Füßen wuseln. Zwischen Welzers versklavtem Digital-Prekariat und Prechts Digital-Bohème liegt der Raum, den Menschen, nicht Maschinen künftig gestalten müssen …

Dieser Text ist erschienen im engels-Magazin 05/18 und online auf: www.engles-kultur.de
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Vorbericht: 64. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Meine erste Begegnung mit dem „anderen Kino“ hatte ich 2007, als der Studienkreis Film an der Ruhr-Universität Bochum sein 40-jähriges Jubiläum feierte. Plötzlich sah ich mich im Hörsaal-Kino einem riesigen Penis gegenüber, der ein Filmfördergesetz zitiert und danach herzhaft ejakuliert. Dabei handelte es sich um Hellmuth Costards Film „Besonders wertvoll“. Dieser wurde 1968 ob seiner Anstößigkeit nach Einspruch der Staatsanwaltschaft aus dem Programm der (damals noch) Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen genommen, guerillamäßig nach Bochum transportiert und in dem kurz zuvor gegründeten Filmclub gezeigt. Costard war Teil eben jener Experimentalfilm-Bewegung, die das Medium vom Kino und seinen klassischen Konventionen befreien und eigene Spielorte und Festivals kreieren wollte. Wichtige AkteurInnen neben Costard waren Lutz Mommartz, Hartmut Bitomsky, Harun Farocki oder Werner Nekes und Dore O. Mit diesem „anderen Kino“ beschäftigt sich auch das Thema der 64. Ausgabe der Kurzfilmtage Oberhausen unter dem Titel „Abschied vom Kino. Knokke, Hamburg, Oberhausen (1967-1971)“. Hamburg war ein Hotspot der Bewegung, 1968 fand dort mit der „Hamburger Filmschau“ das erste unabhängige Festival statt. Das belgische Knokke war die Heimat des Experimentalfilmfestivals „Exprmntl“. In Oberhausen werden Arbeiten aus dieser Zeit gezeigt und mit AkteurInnen von damals diskutiert.

Das Festival wird in diesem Jahr außerdem um vier Sektionen reicher. Die erste, „Conditional Cinema“, versteht das bewegte Bild als fließende Kunstform, Mika Taanilas Projekt „live cinema“ ist der Auftakt. Neu sind auch die „Lectures“: Marisa Olson, Roee Rosen und Liam Young erhalten in dieser Sektion eine Carte blanche für ihre unterschiedlichen Ansätze Bewegtbilder zu präsentieren. Ebenfalls neu sind die Sektionen „Labs“ und „re-selected“, die beide gegen die Diktatur des Digitalen aufbegehren. Labs bietet Künstlerlaboren, die sich mit allen Bereichen des Analogfilms in der post-kinematografischen Ära beschäftigen, eine Plattform, „re-selected“ versteht Filmgeschichte als Kopiengeschichte.

Seit bereits 20 Jahren fester Bestandteil ist die MuVi-Sektion. Neben dem abendfüllenden Programmblock internationaler Musikvideos kann noch bis zum 5. Mai online für das beste deutsche Musikvideo gevotet werden. Weiblich dominiert sind in diesem Jahr die Profile. Von Fotografin und Filmemacherin Louise Botkay, den Regisseurinnen Eva Könnemann aus Deutschland und Salomé Lamas aus Portugal und dem rumänischen KünstlerInnen-Duo Florin Tudor und Mona Vatamanu werden kleine Werkschauen präsentiert. Hinzu kommen fünf Wettbewerbsprogramme, in denen 132 Kurzfilme und Musikvideos zu sehen sind. Insgesamt warten über 500 Filme aus mehr als 60 Ländern in Oberhausen darauf, entdeckt zu werden. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch das ein oder andere gesprächige Genital dabei, das Filmgeschichte schreiben wird.

Der Artikel ist erschienen im trailer-Magazin 05/18 und auf www.trailer-ruhr.de.

Netflix gebingewatched, geweint: Wer entscheidet, wofür Filme gemacht werden?

Bekanntlich schlagen die Bäume erst im Mai aus, in Cannes wird aber schon seit März kräftig ausgeteilt. Das mag am mediterranen Klima der Côte d’Azur liegen, vielleicht auch an einer frühlingsgefühlsbedingten Testosteronwallung der Alphahengste Thierry Frémaux und Ted Sarandos. Denn neben Selfies am Roten Teppich und exklusiven Presse-Screenings für JournalistInnen fällt auch Netflix in diesem Jahr an der Croisette aus.

Festivaldirektor Frémaux entschied, dass 2018 nur noch Filme im Wettbewerb laufen, die auch in französischen Kinos starten. Der Abstand zwischen Kinostart und Streaming-Verwertung muss laut französischem Recht aber mindestens 36 Monate betragen – und so lange wollte Ted Sarandos, Chief Content Officer von Netflix, nicht warten und zog beleidigt alle Netflix-Produktionen vom Festival zurück. Außer Konkurrenz oder in einer anderen Sektion? Nicht mit ihm. Aus cinephiler Sicht ist das ein Verlust, denn das Breivik-Biopic „Norway“ von Paul Greengrass, „Hold the Dark“ von Jeremy Saulnier und Alfonso Cuaróns „Roma“ werden wohl nie in einem Kino zu sehen sein. Das könnte auch für Orson Welles‘ unvollendeten „The Other Side of the Wind“ von 1972 mit John Huston, Peter Bogdanovich und Susan Strasberg gelten, für den Netflix 2016 die Rechte erwarb. Die aufwendig restaurierte Fassung sollte in Cannes Premiere feiern. Allerdings: Cannes ist ohnehin kein Publikumsfestival und uns bleibt immer noch der Stream.

Spannender ist der Konflikt wegen der grundlegenderen Frage, um die es eigentlich geht: Wer hat die Definitionsmacht darüber, was Kino ist? Hier stehen sich der US-amerikanische VoD-Anbieter und Cannes als Verfechter unterschiedlicher Auffassungen von Filmkultur gegenüber. Netflix kommt aus dem Land, das Film in erster Linie als massenkompatibles Konsumprodukt versteht. Cannes hingegen gilt als exklusiv und sogar elitär, ein Palm d‘Or-Gewinner muss nicht notwendig auch beim Publikum ankommen. Das Festival rühmt sich nicht zu Unrecht, Film als Kunstform gegen rein kommerzielle Marktmechanismen zu verteidigen. Andersherum wird seelenloser Glamour auch in Cannes nicht kleingeschrieben und Netflix‘ Eigenproduktionen können ein Hort für Innovation sein. Spielfilme wie Dee Rees „Mudbound“ oder Noah Baumbachs „The Meyerowitz Stories“ (der 2017 noch in Cannes lief) sind dafür ebenso Beweis wie die Netflix-Serien, die oft etwas genuin Filmisches haben. „Stranger Things“ feiert das Kino der 1970er/80er Jahre in jeder Einstellung und die Mystery-Serie „Dark“ wirkte als erste deutsche Produktion mal nicht wie ein „Tatort“ oder Fernsehspiel.

Dennoch: Für Netflix ist Film eine Kunstform, die auf dem heimischen Flatscreen oder gar dem Smartphone ebenso funktioniert wie auf der großen Leinwand. Aber der Streit um das Kino als Ort, für den Filme gemacht werden, wird nicht erst seit Erfindung von VHS und DVD geführt und diese Debatte ist nicht die letzte. Auch Amazon-Produktionen laufen auf Festivals und im Kino, Disney strebt eine eigene Streaming-Plattform an und es wird gemunkelt, sogar Facebook verfolge Streaming-Ambitionen. Wie sich die Kunstform, das Kulturgut und das Geschäftsmodell Kino entwickeln wird, bleibt spannend. Und immerhin haben wir als Publikum mit unseren Sehgewohnheiten da auch noch ein Wort mitzureden.

Dieser Text erschien  im trailer ruhr-Magazin 05/18 und online auf:
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Frauen sind erst der Anfang: Diversität im Film: ein weiter Weg

Manchmal markieren Erscheinungstermine unüberwindbare Deadlines und scheren sich nicht darum, ob gerade die Berlinale Bären oder die Academy Oscars verleiht. So erging es mir mit der Märzausgabe. Die Berlinale liegt nun so lange zurück, dass einige der dort gezeigten Filme schon im April in unseren Kinos starten. Darunter ist zum Beispiel Christian Petzolds neues Werk „Transit“: Ein politischer Flüchtling versucht mittels falscher Identität vor den Nazis von Südfrankreich nach Amerika zu fliehen. Basierend auf Anna Seghers Anfang der 1940er im Exil verfassten Roman, siedelt Petzold seine Geschichte im Marseille der Gegenwart an und macht sie dadurch zu einer zeitlosen Parabel. „Jede Flüchtlingsgeschichte ist anders. Jede Flüchtlingsgeschichte ist gleich“, schrieb dazu das US-amerikanische Filmmagazin „Indiewire“.

Ebenfalls im April geht auch Greta Gerwigs Coming-of-Age-Wunder „Lady Bird“ an den Start. Die moderne Mumblecore-Variante einer Stadtneurotikerin zeichnet für Drehbuch und Regie verantwortlich, Soirse Ronan spielt einen Teenager in den 1990ern in Sacramento. „Lady Bird“ wurde gleich in fünf Kategorien für den Oscar nominiert: Beste Regie, Bester Film, Bestes Originaldrehbuch, Beste Hauptdarstellerin, Beste Nebendarstellerin – und ging in allen leer aus. Gerwig war erst die fünfte Frau, die in der Kategorie Beste Regie nominiert wurde. Nach Lina Wertmüller, Jane Campion, Sofia Coppola und Kathryn Bigelow, die den Oscar dann gewann. Bei einer Nominierung blieb es auch für Rachel Morrison („Mudbound“). Da bisher keine einzige Frau in der Kategorie Beste Kamera überhaupt eine Chance auf einen Oscar erhielt, ist das bereits ein kleiner Sieg.

Richtig Spaß machte diese Verleihung aber nicht. Allein Frances McDormands flammende Rede, die sie nach Empfang des Goldjungen für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ hielt, entschädigte für die Augenringe bis zum Kinn am nächsten Morgen. Außerdem lernten wir von McDormand den Terminus „inclusion rider“: Eine Klausel, die US-SchauspielerInnen in ihre Verträge aufnehmen können, um geschlechtliche wie ethnische Diversität vor wie hinter der Kamera einzufordern. Die Gleichstellung und Repräsentation von Frauen am Set ist da erst der Anfang. Stacy Smith, Professorin an der Universität von Kalifornien, hatte bereits 2014 in einem Artikel im „Hollywood Reporter“ darauf aufmerksam gemacht. Schauspielerin Brie Larson, „Black Panther“-Star Michael B. Jordan und Matt Damons und Ben Afflecks Produktionsfirma „Pearl Street Films“ haben offiziell verlauten lassen, den „inclusion rider“ in ihre Verträge aufzunehmen.

Wenig Probleme mit Diversität hat das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund | Köln, das in diesem Jahr zum 35. Mal stattfindet. Nahezu alle der rund 100 gezeigten Filme stammen von Frauen und / oder haben eine starke Frauenfigur als Protagonistin. Mit einem speziellen Preis für Bildgestaltung werden außerdem explizit zwei Kamerafrauen gewürdigt und der diesjährige Fokus „Über Deutschland“ beschäftigt sich nicht nur in vielen Formaten mit Diversität, sondern lebt diese auch. Der Schwerpunkt ist dieses Jahr in Köln, aber auch im Kino im U werden ausgewählte Filme zu sehen sein.

Dieser Text erschien im trailer ruhr-Magazin 04/18 und online auf:
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NRW-Premiere von „Das schweigende Klassenzimmer“ in der Lichtburg Essen

Bitterkalt ist es auf der Kettwiger Straße. Von Minusgraden und dem schneidenden Wind ungerührt tummeln sich wie bei jeder Premiere in der Lichtburg Kinoliebhaber hinter der Absperrung. Ein paar bibbernde Fotografen und ein WDR-Team harren ebenfalls aus, bis die Gäste eintreffen. Regisseur Lars Kraume, der vor zwei Jahren schon mit seinem preisgekrönten „Der Staat gegen Fritz Bauer“ in Essen war, kommt mit Lena Klenke und Leonard Scheicher, alle vepackt in dicke Winterjacken. „Das ist ja noch kälter als in Berlin hier“, fröstelt es Scheicher. Die Weltpremiere von „Das schweigende Klassenzimmer fand eine Woche zuvor während der Berlinale statt. Der eigentliche Star des Abends ist aber Dietrich Garstka. In der 2006 veröffentlichten, gleichnamigen Buchvorlage verarbeitete er seine eigene Geschichte von Flucht und Neuanfang.

Die Handlung des Films setzt Ende 1956 ein. Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) erfahren bei einem Ausflug nach Westdeutschland durch die Wochenschau zufällig, wie unterschiedlich die Berichterstattung über den Ungarischen Volksaufstand in Ost- und Westdeutschland ausfällt. Zurück in ihrer Heimat Stalinstadt verfolgen sie heimlich mittels des Westsenders „Rias“ gemeinsam mit KlassenkameradInnen die Entwicklung der Ereignisse. Sie hören, wie die Sowjetunion brutal gegen die vom Westen als Freiheitskämpfer, vom Osten als faschistische „Konterrevolutionäre“ verurteilten Ungarn vorgeht. Die Mehrheit der Abiturklasse beschließt, im Unterricht eine solidarische Schweigeminute für die Opfer des Aufstands abzuhalten.

Das ruft zunächst den Schuldirektor, dann eine strenge Kreisschulrätin und schließlich den Volksbildungsminister auf den Plan. Die Solidaritätsbekundung wird selbst zur „Konterrevolution“ erklärt. Der Anführer des Protest soll denunziert werden, andernfalls droht der gesamten Klasse der kollektive Ausschluss vom Abitur. Das bedeutet: keine Aufstiegschancen, sondern schuften als ArbeiterIn. Was als jugendlicher Überschwang begann, zwingt die SchülerInnen dazu, ihre eigenen Überzeugungen und das Regime, in dem sie leben, zu hinterfragen und Position zu beziehen.

Kraume widmet sich damit wie schon in seinem letzten Film einem Stück deutsch-deutscher Geschichte. Wie in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist auch in „Das schweigende Klassenzimmer“ das authentische Setting bis in den kleinsten Winkel der Mise-en-scène perfekt. Mit der Figur Bauers stand ein Zeitzeuge der Verbrechen des Nationalsozialismus sowie Trauma und Verlust einer ganzen Generation im Mittelpunkt…

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Abschluss der CineScience-Reihe „Helden im Film“ im Filmstudio Essen

Bonnie Tyler suchte einen, David Bowie wollte selbst einer sein – zumindest für einen Tag. Aber was genau ist das eigentlich für ein Stoff, aus dem die Helden in Film gemacht sind? Wie werden sie inszeniert? In welcher Welt und Gesellschaft können sie überhaupt über sich hinaus wachsen und zu HeldInnen werden?

All diesen Fragen ist die CineScience-Reihe des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen in Kooperation mit dem Filmstudio Glückauf im letzten halben Jahr nachgegangen. Neben dem klassisch amerikanischen (Action)Helden (hier fehlt die weibliche Form bewusst), dem Wissenschaftler als Filmheld und den Sheroes der Filmgeschichte, schließt die Reihe mit einer Analyse zu AntiheldInnen. Verena Keysers und Nora Schecke vom KWI haben sich als Patinnen und Moderatorinnen des Abends Amerikanist Markus Wierschem und Filmwissenschaftler Alexander Schultz von der Universität Paderborn eingeladen.

Mit einer Fülle von Filmausschnitten und Detailwissen analysieren sie sich durch mehr als 50 Jahre Filmgeschichte. Dabei konzentrieren sie sich auf das US-amerikanische Kino und entwickeln mit dem Publikum gemeinsam die eine oder andere Hypothese dazu, was ein/e AntiheldIn ausmacht. Die ersten Antihelden entwickelten sich in der Spätphase des US-amerikanischen Film Noir Mitte der 1950er Jahre. Das Genre entstand unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. die Welt wurde stets düster und zynisch gezeichnet. Diesem Pessimismus stand nur ein wenn auch gebrochener Held gegenüber.

Wierchem und Schultz erklären, wie sich in der Spätphase des Genres die Figur des Helden zu wandeln beginnt. Exemplarische Ausschnitte aus Robert Aldrichs „Rattennest“ („Kiss me deadly“) stellen darin den Privatdetektiv Mike Hammer …

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Medienwissenschaftlerin Jutta Zaremba über Gender in Videospielen & Gamerinnen

Frau Zaremba, zocken Frauen anders als Männer?
Jutta Zaremba: Die Gretchen-Geschlechterfrage… Man kann das höchstens grob beantworten, weil es nicht DIE Spielerin gibt. Wir reden hier von einer Altersspanne zwischen circa 8 bis 80 Jahren! Bislang zeichnen sich eher einige bei Mädchen und Frauen beliebtere Games-Genres ab, zum Beispiel Lebenssimulationen wie „SIMS“, Rollenspiele wie „Final Fantasy“, Action-Adventures wie „American McGee‘s Alice“ oder Musik- und Bewegungsspiele wie „SingStar“ oder „Wii“. Gleichzeitig gibt es auch zahlreiche E-Sportlerinnen, die sich in Teams zusammenschließen, um intensiv und im Wettbewerb Shooter zu spielen.

Spielen Frauen weniger, weil sie Games weniger interessieren oder interessieren sie die Games nicht, weil sie darin nicht repräsentiert werden?
Das unterstellt ja, dass Frauen weniger gamen, was nicht stimmt! In der BRD sind fast die Hälfte aller Spielenden weiblich, in den USA ungefähr 41 Prozent. Und es spielen übrigens mehr Frauen über 18 Computerspiele als Jungen unter 18. Für ganz entscheidend halte ich das Stichwort „bedroom culture“. Das ist ein Begriff, den die britische Theoretikerin und Feministin Angela McRobbie 1975 zum Thema „Girls and Subcultures“ ins Spiel gebracht hat: Es kommt darauf an, in welcher grundsätzlichen Spielekultur man aufgewachsen ist, durch welche Spiele, Spielsachen und Spielformen man also seit der Kindheit geprägt ist.

Was macht eine emanzipierte, feministische Protagonistin aus?
Wie sieht denn Ihre Wunschvorstellung aus? Diese Frage wird seit fast 20 Jahren von Frauen aus dem Gaming-Umfeld diskutiert und zeigt, dass die jeweilige Perspektive die Vorstellungen bestimmt. Das businessorientierte US-Portal „Womengamers“ hat Bewertungen von Protagonistinnen vorgenommen, nach folgenden Aspekten: Ihre Rolle im Computerspiel (zentral und aktiv oder nur erotische Nebenfigur), ihr Standing dem Geschehen gegenüber, ihr Stehvermögen im Kampf, ihr Aussehen, ihre Intelligenz und Stimme sowie Vermarktungsversuche des Spiels hinsichtlich Spielerinnen.

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Das ganze Interview ist erschienen auf www.choices.de

 

Kritik zu „Manifesto“ mit Cate Blanchett (R: Julian Rosefeldt, 2017)

Audiovisuelle Partitur

„I do manifest because I have nothing to say“ – dieser Satz aus Julian Rosefeldts ursprünglich als 13-Kanal-Installation für Museen konzipiertem Werk „Manifesto“ ist durchaus augenzwinkernd gemeint. In der Installation schallt Cate Blanchett mehrstimmig in verschiedenen Rollen von zwölf Leinwänden herab.

In der linearen Kinofassung geht der polyphone Rausch verloren, dafür bleibt Zeit, in die von Kameramann Christoph Krauss vorwiegend on location in Berlin komponierten Sequenzen einzutauchen. Die Monologe, die Blanchett u. a. als Nachrichtensprecherin, Obdachlose, Puppenspielerin, Punk oder Brokerin proklamiert, bestehen aus gekürzten und neu editierten Manifesten aus den Bereichen der bildenden Kunst, Architektur, Literatur und Film. Einige der rezitierten Statements zu Dada, Futurismus, Fluxus oder Dogma korrespondieren mit den Settings. Andere funktionieren als ironischer Kommentar zu den Situationen, die gleichermaßen alltäglich wie fremdartig wirken.

Julian Rosefeldt vertraut dabei sowohl auf die künstlerische und literarische Kraft der einzelnen Texte als auch auf Cate Blanchett. In nur elf Drehtagen streifte sie sich mit Leichtigkeit unterschiedlichste Akzente, Gesten und diverse Habitus über. Statt Kunsttheorie in Bilder zu gießen, gelingt Rosefeldt eine audiovisuelle Partitur, die Lust macht, die Ursprungstexte – übrigens alle von Männern verfasst und daher bewusst durch eine Schauspielerin performed – aufzuspüren und deren Bedeutung für die Gegenwart selbst zu ergründen.

Zuerst erschienen in:  Missy Magazine

Sexualtherapeutin Silke Niggemeier über BDSM als erotische und sexuelle Praxis

Wann und wo beginnt die Geschichte von SM?
Silke Niggemeier
: In der Moderne und der westlichen Welt liegen die Ursprünge in der schwulen Leder-Bewegung in den USA der 1960er Jahre. Deswegen sind auch viele Begriffe aus dem Englischen übernommen worden. BDSM – was SM detaillierter beschreibt – steht für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“. Darüber hinaus besteht eine historische Verbindung zur AIDS-Hilfe, mit der auch heute noch viele SM-Stammtische kooperieren. Abgesehen davon ist SM schon seit Jahrtausenden Teil der menschlichen Kultur, wie Quellen belegen.

Was muss bei Erotik und Sexualität im SM-Bereich beachtet werden?
Der Grundpfeiler ist Respekt. Danach kommt ein Credo, das auch aus der Leder-Schwulenbewegung stammt. Es lautet: Safe, Sane and Consensual, kurz SSC. Also sicher, bei geistiger Gesundheit und einvernehmlich. Mit Sicherheit ist dieselbe Sicherheit gemeint, die auch bei jedem anderen Date gilt. Wer sich als Top [dominanter Part, Anm. der Redaktion] oder als Sub [sich unterwerfender Part] in eine Spielsituation begibt und nicht dafür sorgt, dass er abgesichert ist, hat ein Problem mit Sicherheit ganz allgemein. Auch hier gilt: „Trau, schau wem!“

Wie sieht so eine Absicherung aus?
Indem mich eine dritte Person covered. Dazu informiere ich vorher diese Person darüber, wo ich hingehe und melde mich auch wieder ab, wenn alles vorbei ist. Damit ist sichergestellt, dass ich aus einer Spielsituation gesund herauskomme. Meine Kontaktperson kann auch zwischendurch anrufen und fragen, ob alles ok ist. Da kann dann ein Codewort vereinbart werden. Zum Beispiel: Wenn ich „Hey Mama“ sage, weiß mein Kontakt, dass ich Hilfe benötige. Außerdem kann man sich erst mal in der Öffentlichkeit treffen, etwa beim Stammtisch. Da kann ich auch beobachten, wie der/die gewünschte Partner*in auf bestimmte Themen reagiert und ob er oder sie überhaupt öffentlich in Erscheinung tritt, das eigene Gesicht zeigt. Prinzipiell ist jeder One-Night-Stand, bei dem Fremde miteinander Vanilla-Sex haben – also Sexualität ohne SM – ebenso riskant.

Über die Praxis hinaus, was unterscheidet SM noch von „Vanilla“-Sex?
Zum SM gehört mehr als zu jeder anderen Art von Sexualität oder Erotik Kommunikation. Reden, reden, reden! So schrecklich die „Fifty Shades of Grey“-Bücher sind, dort gibt es einen Vertrag zwischen dem Top und dem Sub. Solche Verträge, die die Regeln einer Spielsituation oder Beziehung beschreiben, gibt es tatsächlich, sie sind jedoch nicht rechtlich bindend. Im Internet finden sich unzählige Varianten davon und ich rate gern dazu, sich mit so einem Vertrag mal hinzusetzen und diesen als Basis für ein Gespräch zu nehmen, was die Partner voneinander wollen, brauchen und was eben gar nicht infrage kommt.

Ist der machtvolle Manager privat eher unterwürfig oder ist das nur ein Klischee?
Ich glaube, dazu gibt es keine Zahlen. Es ist ein Klischee, aber vielleicht nicht ohne Grund. Es gibt bestimmt den Manager, der sich auspeitschen lässt. Genauso wie es im Alltagsleben dominante Männer gibt, die auch in ihrem Sexualleben dominant sind. Ich kenne tatsächlich mehr Frauen in Verantwortungspositionen als Männer, die im SM Sub sind. Männer sind oft im Alltag ähnlich positioniert, wie in ihrer erotischen Rolle. Auch hier besteht ein Kontrast. Es sind meist sehr toughe Frauen, auf ihre Art Managerinnen, mit Doppelbelastung durch Familie und Berufstätigkeit, die im Alltag ständig ihren Mann stehen müssen und sich dann im privaten SM-Bereich fallen lassen können. Es ist der Spaß am Rollentausch, der selbst gewählt ist und daher als befreiend empfunden wird. Das ist für mich eine sehr emanzipierte Form von Erotik, bei der ich selbst entscheide, wann ich mich zum Spaß als „kleines Weibchen“ unterwerfe und wann ich in meinen Alltag zurückkehre, stark bin und mein Leben regiere.

Was ist mit Dominas?
Da muss zwischen klassischen Dominas und sogenannten Bizarr-Ladies unterschieden werden. Letztere haben meist auch sexuellen Körperkontakt. Klassische Dominas haben den mit ihren Kunden nicht. Da gibt es sehr tolle Frauen, die Workshops anbieten, Vorträge halten, hervorragend vernetzt sind und das privat leben. Gute Dominas benötigen viel Empathie, psychologische Grundkenntnisse und medizinisches Fachwissen um die menschliche Anatomie. Diese Kompetenzen einer guten Domina sind jeden Cent wert.

Das ungekürzte Interview ist zuerst erschienen auf trailer-ruhr.de.

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